Ralf Abrahms 1984 in der Harzburger Fußgängerzone in Höhe der Post bei einer Demonstration gegen ein Treffen ehemaliger Angehöriger der Waffen-SS. Links der heutige GZ-Redakteur Holger Schlegel, der ihn für ein Jugendtreff-Video interviewte. Kleines Bild: Abrahms 2012 mit Bürgermeister-Amtskette beim 20-jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Port-Louis. Fotos: GZ-Archiv
Was haben die Grünen-Politiker Joseph „Joschka“ Fischer und Ralf „Charly“ Abrahms außer ihrer Partei gemeinsam? Richtig, sie wurden beide schon einmal vorläufig festgenommen. Fischer, der spätere Außenminister und Vizekanzler, 1976 in Frankfurt bei einer Demonstration für die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof unter dem Verdacht, einen Brandsatz auf ein Polizeifahrzeug geworfen und einen Beamten lebensgefährlich verletzt zu haben. Der zehn Jahre jüngere Abrahms, heutiger Bürgermeister von Bad Harzburg, während einer Demons-tration gegen US-Außenminister Alexander Haig 1981 in Berlin.
Was haben die Grünen-Politiker Joseph „Joschka“ Fischer und Ralf „Charly“ Abrahms außer ihrer Partei gemeinsam? Richtig, sie wurden beide schon einmal vorläufig festgenommen. Fischer, der spätere Außenminister und Vizekanzler, 1976 in Frankfurt bei einer Demonstration für die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof unter dem Verdacht, einen Brandsatz auf ein Polizeifahrzeug geworfen und einen Beamten lebensgefährlich verletzt zu haben. Der zehn Jahre jüngere Abrahms, heutiger Bürgermeister von Bad Harzburg, während einer Demons-tration gegen US-Außenminister Alexander Haig 1981 in Berlin.
Beide kommen kurz drauf wieder frei, beide machen Karriere. Haben sie den einst von Rudi Dutschke formulierten „langen Marsch durch die In-stitutionen“ vollzogen? Und sind die Grünen als eine der später entstandenen „Neuen Sozialen Bewegungen“ aus Öko-, Friedens- und Frauenbewegung tatsächlich die direkten wie auch die mittelbaren Erben der 68er – wenn auch eher unfreiwillig?
„Ich habe noch nie einen Stein geworfen und auch noch keinen Polizisten als Bullen bezeichnet“, grenzt Abrahms sich in seinem Amtszimmer im Rathaus an der Forstwiese erst mal ab. Fischer, in den Siebzigern beim „Revolutionären Kampf“ und der Frankfurter „Putzgruppe“, war da weniger ein Kind von Traurigkeit und lieferte sich Straßenschlachten mit der Polizei. „Aber es stimmt schon“, räumt Abrahms ein, „auch wenn man es nicht eindimensional betrachten darf: Vieles, was die 68er bewegen wollten, fand sich bei den Grünen wieder.“
Er selbst, Jahrgang 1958, ist zur Zeit der Studentenrevolte noch etwas zu jung, auch wenn das zarte Pflänzchen schon wächst: „Ich kriegte was mit, weil ich einen technischen Vorteil hatte.“ Seit der Fußball-WM 1966 gibt es im Hause Abrahms einen zweiten Fernseher, und Jung-Ralf saugt die Ereignisse in sich auf. Vietnam, APO, Prager Frühling.
Zu dieser Zeit, sagt Abrahms, „war ich immer der Jüngste“. Jüngster Schüler mit neun Jahren am Werner-von-Siemens-Gymnasium (WvS), jüngster Teilnehmer mit elf bei seiner ersten Schülerfete im legendären „Backofen“. Später Schülersprecher und immer ein „kleiner Organisator“. Bis hin zu seinem Job als cineastischer Bespaßer am „Werner“, weil er – selbstredend als Jüngster – den Filmvorführschein gemacht hat. Im Programm ist etwa der 67er Anti-Kriegsfilm „Wie ich den Krieg gewann“ mit Beatle John Lennon.
Politisiert wird Abrahms in der ersten Hälfte der Siebziger. 1970/71 baut er den Landesschülerrat mit auf. Erste Demos und „Schwerpunktstreiks“. Ein kommunaler Schwerpunkt: der Kampf ums Jugendzentrum. Das erste von 1973 am heutigen Bauhof, selbstverwaltet bis hin zur Toilettenreinigung, brennt 1975 ab. Vor der Kommunalwahl 1976 ist Abrahms bei der Gründung einer Bürgerinitiative dabei, und tatsächlich, ein neues Zentrum wird auf dem alten Schützenplatz am Butterberg gebaut, auch dieses brennt ab. 1981 schließlich der Jugendtreff beim Bündheimer Schloß, er steht bekanntlich noch.
Mittlerweile studiert Abrahms seit 1979 Politikwissenschaft in Marburg, tritt dort der Grün-Bunt-Alternativen Liste bei. 1980 ist er Gründungsmitglied der Bundes-Grünen. Die Zeiten stehen nach 1969 ein zweites Mal auf Umbruch in der Republik und sind durchaus rau. Als Abrahms 1978 zur Kundgebung von Helmut Kohl im Kurpark aufläuft, schallt es ihm von älteren Besuchern entgegen „Kopf ab, in die Radau!“ Und bei Franz-Josef Strauß 1980 vor der Goslarer Kaiserpfalz „hat man mich an den Haaren vom Platz gezogen“.
Dann geschieht das bis dahin Undenkbare: Abrahms wird 1981 für die Grünen in den Stadtrat gewählt. Natürlich mit seinen 23 Jahren als Jüngster, das passive Wahlrecht beginnt damals noch mit 21. Er ist der erste Bad Harzburger Ratsherr, der nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wird. Und der mit den längsten Haaren aller 25.000 Einwohner. „Aber es kommt ja nicht darauf an, was ich auf dem Kopf habe, sondern was ich im Kopf habe.“ Eine Zeit lang wohnt der aus Marburg zurückgekehrte Student in seiner Stammkneipe „Radieschen“, weil „man mit seinen Vorurteilen damals in Bad Harzburg nicht gerne an Grüne vermietete“. Später wechselt er für zehn Jahre in eine Wohngemeinschaft nach Harlingerode.Abrahms, der Bürgerschreck.
Es beginnt eine lange kommunalpolitische Karriere mit wechselnden Vorzeichen, ehe im Herbst 2002 die zweite Sensation an der Radau über die Ufer geht: Abrahms, der als Unabhängiger antritt, wird als erster Grüner in Norddeutschland in einer Stichwahl gegen den damaligen CDU-Kandidaten Hans-Peter Dreß zum Hauptverwaltungsbeamten gewählt – und ist es bis heute geblieben. Abrahms, der Bürgermeister.
Also angekommen nach dem langen Marsch? Abrahms widerspricht: „Ich bin mir immer treu geblieben.“ Und präzisiert: „Nicht das System umstürzen, aber dem Ganzen eine liberale Handschrift geben.“ Mit konservativer Grundhaltung im Sinne eines „Bewahrens für die Zukunft“, wie er sagt. „Über viele Jahre lang war ich die Sparbremse.“
Ein Realo von Beginn an, anders als Joschka Fischer, der als ursprünglicher Fundi dort erst hinfinden musste. Mit Basisdemokratie, die Abrahms bis heute das Ohr am kleinen Mann halten lässt: „Ich war Schichtarbeiter, Hilfsarbeiter und Arbeitsloser.“ Und mit einem „Pragmatismus in der Provinz“, der konkrete Veränderungen zum Ziel hat. Anders als etwa in Uni-Städten, „wo es sehr theoretisch und ideologisch überhöht zugeht“.
Nachhaltige grüne Identitätskrisen wie beim Bundeswehr-Einsatz Ende der Neunziger im Balkankrieg erklärt er 2002 in der Schülerzeitung „Profil“ seines alten Gymnasiums gleichwohl mit einer intellektuellen Volte: Die Grünen seien schließlich auch dafür angetreten, dass sich Auschwitz nicht wiederhole und auf dem Balkan habe es ebenfalls Massenmord gegeben.
Dass Charly Abrahms der Bürgermeister Ralf Abrahms werden würde, war vor 50 Jahren nicht vorherzusehen. Immerhin zeichnete sich nach dem Studium schnell eine Verwaltungs- und keine Wissenschaftsrichtung ab. Das führte ihn nach einem Halberstadt-Abstecher in den Neunzigern in seine Heimatstadt zurück. Und wenn er dort heute in Bettingerode vor dem Spiegel steht, was legt er lieber an? Den Button „Atomkraft nein danke“ aus den Sechzigern oder die Bürgermeister-Amtskette? Abrahms: „Den Button privat, denn als Privatmann will ich zeigen, wozu ich mich bekenne. Und die Kette dienstlich, weil ich die Stadt würdig vertreten will.“
Wolfgang Riller erzählt, wie er 1972 den ersten Kinderladen in Goslar gegründet hat.
Längste Haare, breitester Schlag, höchste Plateau-Sohlen: Charly Abrahms (Pfeil) 1976 bei der symbolischen Grundsteinlegung für ein neues Jugendzentrum.
20 Jahre Städtepartnerschaft Bad Harzburg Port-Louis Port Louis Bretagne Festakt im Schloß Schloss Urkundenunterzeichnung Bürgermeister Ralf Abrahms Bürgermeisterin Muriel Jourda Patrick Lucas
Titelblatt der WvS-Schülerzeitung „Profil“ vom Juli 1968 mit einem Augenzeugenbericht von Wolfgang Schmidt, Klasse 10 a, zu den Berliner Osterunruhen. Chefredakteur damals: der spätere Erste Kreisrat Claus Jähner, Klasse 11 m.