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Popkantor in der Landeskirche

GZ Plus IconPop statt Orgel: Karsten Ruß bringt frischen Wind in die Kirche

Mann vor Kirche

Karsten Ruß ist Popkantor der ev.-luth. Landeskirche Braunschweig. Er wohnt in Wolfshagen. Foto: Leifeld

Der Berufsweg führt Karsten Ruß von der Opernbühne in die Kirche: Warum er als Popkantor der Landeskirche Braunschweig auf die Macht der Musik setzt.

Von Andrea Leifeld Dienstag, 24.03.2026, 17:00 Uhr

Wolfshagen/Wolfenbüttel. Mit Karsten Ruß liegt Musik in der Luft, aber doch anders, als es viele Menschen mit Blick auf die Kirche erwarten würden. Der 60-jährige Berufsmusiker ist der erste Popkantor in der evangelisch-lutherischen Landeskirche Braunschweig – und der bislang einzige, wohlgemerkt. „Ja, da hinken wir etwas hinterher“, erinnert er mit Blick auf die heimische Landeskirche am Montagnachmittag, bei einer Tasse Kaffee im sonnigen Wolfshagen sitzend. In der Landeskirche Hannover seien immerhin 20 Popkantoren beschäftigt, zieht er einen Vergleich.

1965 geboren in Kiel, hat er heute im heimeligen Wolfshagen seine Wahlheimat gefunden, aber musikalisch zieht es ihn von dort mit der neuen Aufgabe als Popkantor für Popularmusik und dem Schwerpunkt im Kinder- und Jugendbereich immer wieder in alle Teile der Landeskirche.

Musik bestimmte irgendwie schon immer den Lebensweg von Ruß. „Ich bin ein Pastorenkind und in dem Metier aufgewachsen“, erklärt er.

Moderne Kirchenlieder

Doch ging es ihm nicht erst während seiner Konfirmandenzeit so, wie vielen anderen jungen Leuten beim Kirchgang auch: Aus alten Gesangbüchern wurden von der Gemeinde noch ältere, schwermütige und langweilige Lieder angestimmt. Aber auch in der Kirche wehte damals der Wunsch nach Veränderung, nicht nur bei ihm, sondern auch bei anderen jungen Leuten und Liedermachern. Clemens Bittlinger, Fritz Baltruweit, Gerhard Schöne – um nur einige zu nennen – machten neue Musik, die ihn inspirierte und prägte. Ebenso die angloamerikanische Musik mit schwungvollem Gospel. Diese Musik berührte und faszinierte ihn. Karsten Ruß ließ Musik zu seinem Berufswunsch werden.

Doch zunächst ging es in eine andere Richtung: Sein siebenjähriges Musikstudium in Hamburg schloss er als Opernsänger ab, mit der Zauberflöte als Diplomarbeit. Es folgten mehrere Jahre als Solo-Tenor an verschiedenen deutschen Opernbühnen und schließlich ein Sprecherziehung-Studium in Regensburg. Er empfand die Vielfalt unterschiedlicher Musikepochen als etwas Gewinnbringendes für seinen Beruf – und auch seinen christlichen Glauben.

„Die menschliche Seele ist mit Musik für vieles empfänglicher“, hält er für sich fest und überträgt dieses Wissen auch auf Kirchenveranstaltungen. Dabei sei es wichtig zu wissen: Musik geht mit der Zeit und Hörgewohnheiten ändern sich.

Im November 2020 – mitten in der Coronazeit – öffneten sich für Karsten Ruß schließlich die Türen zur Braunschweiger Landeskirche, in jener neu geschaffenen Popkantor-Stelle. Seit Februar 2024 ist die Popkantoren-Vollzeitstelle für ihn sicher und unbefristet – auch beim Blick auf alle laufenden Kirchenreformen. Sein aktueller Dienstsitz ist Wolfenbüttel. „Natürlich kann sich auch hier das Profil immer wieder verändern, zum Beispiel mein Dienstsitz oder die Frage nach Aus-/Fortbildung und die verstärkte Einbindung Ehrenamtlicher.“

Die Zukunft der Kirche

Ruß verdeutlicht: „Wir müssen uns fragen: Was spielen wir morgen in der Kirche“, hält er für diese Aufgabe sinnbildlich fest. Für die Zukunft der Kirche reiche es nicht mehr, Orgel spielen zu können und die Matthäus-Passion auswendig zu kennen. Die Wünsche der heutigen Kirchgänger seien heute anders.

„Schauen Sie doch mal, welche Lieder heute auf Hochzeiten und Beerdigungen gespielt werden. Da schlägt kaum jemand noch ein Gesangbuch auf.“ Musik muss die Herzen berühren. Da werde Grönemeyer gespielt und Rosenstolz. „Die Kirche muss sich öffnen. Raus zu den Menschen gehen und sie abholen, über das, was sie bewegt“, verdeutlicht er.

Aber nicht, dass es falsch verstanden wird: Gegen traditionelle Kirchenmusik ist Karsten Ruß nicht. „Ich bin aber gegen den Das-war-schon-immer-so-Gedanken. Das ist wie die Axt im Wald!“ Gottesdienste müssen nicht nur thematisch, sondern auch musikalisch abwechslungsreich und lebendig gestaltet werden.

Choräle als Swing-Fassung

Dankbar wären weiterhin auch Choräle in einer Swing- oder Popfassung. Oder bekannte Bibelgeschichten als Musical. So führte er 2025 die Regie in „Passion. Wir“, einem gemeinsamen Musik-Projekt mit den Pfarrern Frank Ahlgrim und Olaf Schäper in der Marien-Kirche zu Hornburg.

Viele Personen auf einer Bühne.

Beim Hornburger Musical „Passion.Wir" führt Karsten Ruß die Regie. Das Stück wird auch auch im Mai 2025 dem 39.DEKT in Hannover aufgeführt. Foto: Leifeld (Archiv)

Aufgeführt wurde das Musical unter anderem auch im Mai vergangenen Jahres, im Rahmen des 39. Deutschen Evangelischen Kirchentags in Hannover. So kämen heimische Kirchengemeinden weitreichend ins Gespräch und das Mitmachen bei solchen Kirchenprojekten löse Begeisterung aus, berichtet er begeistert.

Auch viele andere Formate, Kirche und Musik zu verbinden seien möglich und Popkantor Karsten Ruß freut sich auf die Aufgabe.

Mit den Schlagworten „Hören – Begegnen – Mitmachen!“ ist er mit unterschiedlichen Musikprojekten überall in der Landeskirche Braunschweig anzutreffen. Mit „Jesaja - Der lange Weg in die Freiheit“ ist für März 2027 auch ein neues Musiktheater-Event geplant.

Erreichbar ist der einzige Popkantor der evangelisch-lutherischen Landeskirche Braunschweig per E-Mail an karsten.russ.lka@lk-bs.de. Seine vielen unterschiedlichen Projekte und neuen (Mitmach-)Ideen sind unter www.popkantor-braunschweig.de einsehbar.

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