So werden Bad Harzburgs Kinder auf ihrem Schulweg beschützt
Zügig und in Gruppen: Marianne Claus sichert die Kinder ab, die über die vielbefahrene Breite Straße gehen. Foto: Schlegel
Das Schuljahr hat begonnen, 150 Erstklässler machen sich Tag für Tag auf den Weg zur Schule. Für sie und alle anderen Kinder wurden Projekte ins Leben gerufen, die Schutz im Straßenverkehr bieten sollen. Die GZ hat geschaut, wie sie funktionieren.
Bad Harzburg. Auf den Schulwegen in Bad Harzburg und den Ortsteilen tummeln sich aktuell 150 Schulanfänger, dazu kommen natürlich die größeren Grundschulkinder, die aber trotzdem im morgendlichen Verkehrsgewühl die kleinsten und gefährdetsten Lichter sind. Um sie zu beschützen, stehen seit Schulbeginn die Verkehrshelfer des Gesa-Projektes vor den Schulen, früher hätte man sie Schülerlotsen genannt. Gesa steht für „Gemeinsam einfach sicher ankommen“. Parallel zu dieser ohnehin schon konzertierten Aktion von Stadtelternrat, Verkehrswacht, Polizei und Stadtjugendförderung haben auch die Polizei und das Ordnungsamt der Stadt zusammen mit der Verkehrswacht ein Aufklärungsprogramm für Eltern erarbeitet. Denn die, so muss man leider sagen, sind mitunter die unvernünftigsten Teilnehmer in diesem Spiel und „das größte Problem“, so Stadtelternratsvorsitzende Daniela Grzbielok.
Dienstbeginn um 7.30 Uhr
Das ist auch die Erfahrung der ehrenamtlichen Verkehrshelfer. Dienstagmorgen, 7.30 Uhr an der vielbefahrenen Bündheimer Schlosskreuzung direkt vor der Grundschule. Marianne Claus und Anja Seif sind zwei der aktuell insgesamt 17 Verkehrshelferinnen und Verkehrshelfer und stehen in ihren knallgelben Warnwesten und mit einer roten Kelle in der Hand bereit. Gleich setzt der Strom der Schulkinder an, aber Marianne Claus hat auch schon wieder die ersten Sünder aus der Elternschaft erspäht. Weiter unten, in Höhe der Feuerwehr, ist eine Mutter mit ihren Kindern mal eben schnell durch den fließenden Verkehr auf die andere Straßenseite gelaufen. Am liebsten wäre die resolute Rentnerin da jetzt hingelaufen und hätte der Frau den Marsch geblasen. Aber sie und ihre Kollegin Seif sind für die Sicherheit an der Ampel zuständig. Es sei halt so symptomatisch für die Situation, sagt Claus: Manche Eltern missachten jedwede Sicherheitsregeln. Anstatt den Kindern vernünftiges Verhalten beizubringen und einfach die paar Meter bis zum sicheren (und von Verkehrshelfern bewachten) Ampel-Überweg zu gehen, geht es husch, husch über die viel befahrene Breite Straße.
Empfehlungen an die Eltern
„Gestern war das Ordnungsamt hier, da waren alle artig“. Und genau das ist auch ein Teil der Taktik, die Polizei und Ordnungsamt derzeit praktizieren. Allen Grundschul-Eltern sind auf ihre jeweiligen Schulen zugeschnittene Briefe zugegangen. Neben allgemeinen Verhaltensregeln und dringenden Bitten um mehr Umsicht werden auch ganz konkrete Maßnahmen zur Verbesserung der Sicherheit aufgezeigt. Für die Grundschule Bündheim beispielsweise werden dort die Parkplätze aufgelistet, auf denen das Parken sinnvoll und sicher ist. Und das ist eben nicht der Platz vor der Bündheimer Feuerwache und auch nicht der Kundenparkplatz vor der Postfiliale. Und schon gar nicht ist es die zweite Reihe am Straßenrand. Empfohlen wird indes beispielsweise der Parkplatz an der Kantor-Schünemann-Straße. Und es wird auch ein wenig an die Vernunft appelliert, dass „weniger Fahrzeugverkehr vor den Schulen automatisch zu mehr Verkehrssicherheit führt. Ordnungsamt und Polizei kündigen zudem erhöhte Präsenz an – inklusive des rigorosen Ahndens von Verkehrsverstößen.
Die neuralgische Schlosskreuzung
Marianne Claus findet das gut, auch, dass an diesem Dienstagmorgen ein Streifenwagen der Polizei gut sichtbar oben an der Straße zum Bündheimer Schloss steht. „Das bringt viel“, wobei die uneinsichtige Mutter vor Eintreffen der Ordnungshüter über die Straße gerannt war.
Und dann haben Marianne Claus und Anja Seif keine Zeit mehr, sich über dererlei Dinge Gedanken zu machen. Denn um 8 Uhr geht die Schule los, und ab kurz nach halb trudeln die Kinder ein. Parallel dazu setzt der Berufsverkehr ein. Die Schlosskreuzung ist ein neuralgischer Bereich, denn sowohl aus der Breiten Straße Richtung Bahnhof als auch in umgekehrter Richtung biegen Autos, Lkw und Busse ab und steuern direkt auf einen Ampelüberweg zu, der für die Fußgänger in diesem Moment Grün zeigt.

Anja Seif signalisiert den Autofahrern, die von der Breiten Straße in Richtung Bahnhof abbiegen, dass sie auf die Kinder acht geben sollen, die die Straße überqueren. Foto: Schlegel
Wie kommt das an? „Gut“, so die Erfahrung von Marianne Claus. Auch wenn die beiden Frauen aktuell in Bündheim nur zwei Schichten pro Woche übernehmen, gibt es schon die ersten Kinder, die sie kennen, grüßen und sogar im Vorbeigehen erzählen, was heute im Unterricht auf sie wartet.
Es werden noch Verkehrshelfer gesucht
Auch die Eltern seien quasi durch die Bank freundlich und dankbar, selten gibt es Mecker. Und wenn, dann wie neulich auch nur, weil es nach Ansicht einer Mutter an einer anderen Stelle vor der Schule mindestens genauso wichtig wäre, aufzupassen. Natürlich, aber dann solle sich die Frau doch da hinstellen, sagt Marianne Claus. Denn es werden nach wie vor Verkehrshelfer gesucht, der aktuelle Stamm ist zwar für den Startschuss groß genug, reicht aber nicht für eine komplett flächendeckende Aktion an jedem neuralgischen Punkt.
Autofahrer reagieren positiv
Was der Einsatz der leuchtend gelben Verkehrshelfer gerade auch noch in Kombination mit einer sichtbaren Präsenz von Polizei oder Ordnungsamt bringt, zeigt sich an diesem Dienstagmorgen deutlich und entspricht auch den Erfahrungen der Schülerlotsen: Die Autofahrer sind erkennbar umsichtig, verringern das Tempo schon von weitem, halten artig vor den Fußgängern an. Ärger gebe es mit den Verkehrsteilnehmern selten bis nie, sagt Marianne Claus. Im Gegenteil. Viele winken, manche recken anerkennend den Daumen nach oben. Das baut auf. Die beiden Frauen, obwohl erst frisch ausgebildet und wenige Tage mit ihrer Aufgabe betraut, behalten auch im größten Gewühle Übersicht und Ruhe.
„Etwas Sinnvolles tun“
Aber warum tut man sich das an? Anja Seif zum Beispiel erledigt ihre Lotsen-Schicht morgens vor der Arbeit. Aber sie habe selbst Kinder und wünsche sich sichere Schulwege. Und Marianne Claus sagt, sie habe sich schon immer über brenzlige Situationen vor Schulen geärgert. Da spricht sie aus Erfahrung: Sie war bis zu ihrer Rente 29 Jahre Busfahrerin bei der KVG und weiß, wie trubelig und auch gefährlich es mitunter für Kinder im Straßenverkehr werden kann. Dass ihr Enkelkind seit einem Jahr ebenfalls zur Schule geht, dürfte ihren Entschluss, sich der Gesa-Truppe anzuschließen noch beschleunigt haben. Als Rentnerin habe sie Zeit, und wollte etwas Sinnvolles tun.
Was ist in der dunklen Jahreszeit?
Aber wie geht es jetzt weiter mit den Verkehrshelfern? Aktuell sind sie an den Harzburger Grundschulen jeden Morgen und jeden Mittag im Einsatz. Das Projekt läuft bis zu den Herbstferien und auch noch ein paar Tage danach. Dann ist eigentlich erst einmal Schluss. Ideal wäre natürlich ein Einsatz der Schülerlotsen rund ums Jahr, gerade auch während der dunklen Herbst- und Winterzeit. Aber dazu müssten noch mehr Freiwillige mitmachen. Aktuell sei der Personalstamm auf Kante genäht, sagt Stadtelternratsvorsitzende Grzbielok. Krankheitsfälle oder Urlaube könnten nur schwer kompensiert werden, weswegen gerade auch Springer, die an allen Schulen eingesetzt werden können, wichtig wären. Wer noch mitmachen möchte kann sich an den Stadtelternrat Bad Harzburg unter der Jugendtreff-Telefonnummer (05322) 87673 oder der E-Mail-Adresse stadtelternrat.badharzburg@gmail.com melden.
Kostenlose Tickets für alle Schüler
Und wenn das Gesa-Projekt dann womöglich eines Tages auf soliderem Fundament steht, hätte Daniela Grzbielok noch einen Traum: Sichere Schulwege auch zu den weiterführenden Schulen. Warum, so fragt sie, gibt es nicht für alle Schülerinnen und Schüler kostengünstige oder gar kostenlose Bus-Tickets, sondern nur für die, die entsprechend weit wegwohnen? Aber aktuell will sie sich gar nicht beschweren. Denn die aktuelle Situation mit den Schulweghelfern und auch das Gesamtpaket, das die zuständigen Stellen geschnürt haben, finden wir toll“.