Strengere Drogenregeln für Alkohol?
Bier gehört oft dazu, wenn es etwas zum Feiern gibt: Fans bejubeln den Auftritt einer Band beim Heavy-Metal-Festival im schleswig-holsteinischen Wacken. Foto: picture alliance/dpa
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach und Landesgesundheitsminister Andreas Philippi haben in der Drogendiskussion den Fokus auf Alkohol gelenkt. Suchtexperten befürworten den Ansatz. Die Schäden des Alkoholmissbrauchs seien enorm.
Goslar/Braunschweig. In der Diskussion um Drogen ist der Alkohol wieder stärker in den Blickpunkt gerückt. Landesgesundheitsminister Andreas Philippi (SPD) schlug vor, den Alkoholkonsum erst ab 18 Jahren zu erlauben. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) sprach sich gegen das sogenannte betreute Trinken aus, bei dem 14- bis 16-Jährige in der Öffentlichkeit Bier oder Wein konsumieren dürfen, wenn der Vater oder die Mutter dabei ist.
Vom „betreuten Trinken“ wird gern geredet, wenn Jugendliche Alkohol trinken dürfen, weil die Eltern anwesend sind. Was sagen Drogenexperten dazu? Lars Fischer leitete lange Zeit die Jugend- und Drogenberatung (Drobs) in Goslar, mittlerweile ist der Pädagoge für die Drogen- und Suchtberatungshilfe beim Paritätischen in Braunschweig verantwortlich. Fischer ist grundsätzlich dafür, den Zugang zu Drogen zu erschweren. Bei Cannabis plädiert er etwa für ein höheres Einstiegsalter. Fischer sagt zudem: „Alkohol und Nikotin gehören sofort verboten, wenn es um die Gefährlichkeit von Substanzen geht.“
Nicht gleich zu Drogen greifen
Dennoch hält Fischer von den Vorschlägen der Gesundheitsminister nicht viel. Denn Drogen, vor allem Alkohol, sei jederzeit zugänglich. Deshalb plädiert er dafür, Jugendliche zu stärken, damit sie resilienter werden, also widerstandsfähiger. So gewappnet sollen sie bei Unzufriedenheit und Kummer nicht gleich zu Drogen greifen, egal ob zu Alkohol oder Cannabis.
Aber wie werden Jugendliche widerstandsfähiger und selbstbewusster? Fischer meint, sie müssten zwischen Schule, Ausbildung und Studium die Möglichkeit bekommen, ihre Fähigkeiten zu erproben. Als ein Beispiel dafür berichtet er, dass er als Jugendlicher mit Freunden mit dem Fahrrad nach Südfrankreich fuhr.
Die Vorstöße der Gesundheitsminister haben ihren Ursprung darin, dass Drogenmissbrauch, dazu gehört eben auch der Konsum von Alkohol, weiterhin stark verbreitet ist. Fischer berichtet, die Braunschweiger Anlaufstelle „Clear“, die sich an junge Menschen richtet, werde regelmäßig von 20 bis 20 Jugendlichen aufgesucht, die ein Alkoholproblem haben. Zwar sei das Koma-Saufen zurückgegangen, aber „Alkohol ist weiterhin ein Problem“, sagt Fischer. Beim Cannabis sei die Zahl der jungen Konsumenten, die sich in der „Clear“-Beratung melden, in den vergangenen Jahren von 30 auf 150 gestiegen. Und in Goslar werde die Drobs sogar von einer 14-Jährigen aufgesucht, die Heroin konsumiert.
„Aus fachlicher Sicht“, sagt Holger Baumann, Leiter der Lukas-Werk-Gesundheitsdienste in Goslar, unterstütze er die Vorschläge der Gesundheitsminister. Deutschland sei nach wie vor ein „Hochkonsumland“. Alkohol sei außerdem zu billig, eine Flasche Wodka koste beim Discounter 5,49 Euro.
Suchtfaktor bei Alkohol groß
Um zu unterstreichen, dass er die Vorschläge der Politiker für richtig hält, greift Holger Baumann vor allem mit Blick auf das sogenannte betreute Trinken zu einem Vergleich: „Würden Sie ihrem Kind Kokain anbieten?“ Aus gutem Grund sei es ebenfalls verboten, dass Erwachsene ihre Kinder mit in eine Spielhalle nehmen. Beim Alkohol werde oft ein Auge zugedrückt, obwohl der Suchtfaktor groß sei. Baumann nennt Zahlen einer Krankenkasse, wonach 22,7 Prozent derjenigen, die im Jugendalter regelmäßig Alkohol konsumieren, später eine Abhängigkeit entwickeln. Diese Gefahr sei sogar größer als beim Cannabis.
Die Schäden seien enorm, erläutert der Sozialpädagoge und Sozialtherapeut. 62.000 Alkoholtote gebe es pro Jahr in Deutschland und rund 1,6 Millionen Abhängige. Die Folgekosten des übermäßigen Konsums würden sich auf 57,4 Milliarden Euro belaufen und die Steuereinnahmen des Staates durch den Alkoholverkauf deutlich übersteigen. Alkohol gehöre „an vielen Stellen dazu“, dabei sei es eine „sehr schädliche Droge mit sehr hohem Suchtpotenzial“, sagt Baumann weiter.
Suchtmittelkonsum als Bewältigungsstrategie
In der Goslarer Fachambulanz des Lukas-Werks, das zur Diakonie-Gruppe der evangelischen Stiftung Neuerkerode gehört, werden jedes Jahr rund 500 Menschen mit einem Alkoholproblem betreut. Holger Baumann sagt, es gebe „zunehmend komplexere Konsummuster“. Damit meint er, dass neben Alkohol auch andere Drogen, Cannabis etwa, genommen würden. „Alles durch die Bank“, sagt Baumann dazu. Der Suchtmittelkonsum sei immer auch eine „Bewältigungsstrategie“. Statt Musik zu hören, Sport zu treiben oder sich nach Enttäuschungen, Stress oder Ärger mit Freunden zu treffen, werde bei „schlechten Gefühlen“ mit ausweichendem Verhalten reagiert und zu Drogen gegriffen.