Hartmut Hiersemann sagt Tschüss
Willkommen im kleinen Büro: Vor rund 20 Jahren hat Hartmut Hiersemann diesen Aufsteller fertigen lassen. Das Foto schmückt auch heute noch seine Visitenkarte. Foto: Epping
Fast jeder Sportler im Landkreis Goslar kennt Hartmut Hiersemann. Schließlich sorgt dieser seit mehr als 20 Jahren für die richtigen Trikots. Damit ist nun Schluss.
Auf seiner Visitenkarte präsentiert Hartmut Hiersemann in leicht nach vorn geneigter Position einen Ball. Unten steht rot unterlegt „Aus Liebe zum Sport“. Das Foto ist vielleicht ein bisschen aus der Zeit gefallen, fasst aber in Kombination mit dem Text die Arbeit von Hiersemann gut zusammen. Der Team- und Vereinssportausstatter ist einer von der alten Schule und er macht das, was er tut, mit Leidenschaft. Nun ist Schluss. Der 64-Jährige geht Ende des Jahres in den Ruhestand.
Wie viele Sportler aus der Region und darüber hinaus schon in seinem rund 20 Quadratmeter kleinen Büro bei Intersport Deckert Platz genommen haben, weiß Hiersemann nicht mehr. Aber an manche kann er sich ganz besonders erinnern: „Eines Tages kam Andreas Petersen, mit dem ich befreundet bin, zu mir und stellte seine Begleitung vor: ‚Hier ist mein Sohn Nils, der spielt irgendwann einmal Bundesliga‘.“
Fußball-Bundesliga
Grifo Bundesliga-Rekordtorschütze des SC Freiburg
Dass es für den Wernigeröder sogar zu einem Debüt in der Fußball-Nationalmannschaft reichen würde, ahnte der Papa damals nicht.
Autogrammkarten an der Wand
Auch mit Familie Zechel ist der Bad Harzburger befreundet. „Wir waren einmal gemeinsam in Dänemark und haben am Strand mit einem Wurfgerät gespielt“, erinnert sich der Fast-Pensionär, „Tim war gerade 13, und konnte damals schon so weit werfen wie ich“, zeigte sich früh das Handballtalent. „Seine erste Sporttasche hat er von mir.“

Zur täglichen Arbeit am Schreibtisch gehört es auch, Kataloge der Hersteller zu wälzen. Foto: Epping
Selbstverständlich hängen von Petersen und Zechel Autogrammkarten an der Wand, auch FIFA-Schiedsrichterin Riem Hussein ist dort vertreten, wie auch weniger prominente Sportler. „Viele haben mir hinterher ein Foto mit der gekauften Ausrüstung geschickt.“ Leider habe er zu Hause nicht den notwendigen Platz, die Galerie zu präsentieren.
Das Wochenende im Rückblick
Jubel in Bad Harzburg und Terminkollision in Othfresen
Im Mai 2003 habe er sich selbstständig gemacht, erinnert sich Hiersemann. Der Handel sei schon immer sein Ding gewesen, die Ausbildung als Groß- und Einzelhandelskaufmann deshalb folgerichtig. Es folgten Stationen bei Hottenrott, Prelle und nach dessen Insolvenz Bauking sowie Uhlig in Langelsheim. „Ich habe schon immer Fußball gespielt, und irgendeiner meiner Teamkollegen kaufte dann Sachen bei Deckert“, sagt der leidenschaftliche Kicker, „da kam ich auf die Idee, die Bestellungen zu sammeln und anschließend nach Rabatt zu fragen.“ Es funktionierte und die Ambitionen wuchsen: „Ich dachte dann, ich könnte etwas bei Adidas bestellen und weiterverkaufen.“ Doch das Anfangspaket sollte mehr als 50.000 Euro kosten, zudem habe der Hersteller ein Geschäft in guter Lage und Schaufenster gefordert. „Das konnte ich nicht bieten.“ Aber Deckert konnte, und so entstand eine Kooperation mit Geschäftsführer Uwe Schneevoigt, die bis heute hält.

Als Dankeschön erreichen den Team- und Vereinsausstatter Bilder und Autogrammkarten. Foto: Epping
„Die ersten zehn bis 15 Jahre habe ich häufig auch samstags gearbeitet und nicht mehr als eine Woche Urlaub im Jahr gemacht“, berichtet der Absolvent des Werner-von-Siemens-Gymnasiums, „aber weil ich viele Kontakte hatte, ging es auch gut voran.“ Das Geschäftsmodell dahinter ist ganz klassisch. Die Kunden suchen sich Produkte im Katalog aus, die anschließend individualisiert werden. Von Beginn an übernimmt das die Firma Holsten-Flock in Neumünster. Hiersemann könnte wohl stundenlang über die Vorzüge des einen und die Nachteile des anderen Verfahrens referieren. Im Wesentlichen bevorzugte er aber über Jahre den klassischen Flock und heutzutage den farbenfroheren DTF-Druck (Direct-to-Film), bei dem Textil und Druck fast ineinander verschmelzen. Zu fast jeder Bestellung hat Hiersemann noch den Bestellschein, weiß häufig besser als die Trainer, welche Größen oder Trikotnummern die Teams benötigen. Daraus ist ein umfangreiches Archiv entstanden. „Ich bin nicht so der Internet-Typ, aber die Ordner nehme ich erst mal mit.“
Die Nacht von Hannover
Im Jahr 2015 gab es auch ein Wiedersehen mit Adidas. „Ich war nach Hannover zu einem Event eingeladen.“ Höhepunkt des Incentives war der Besuch des Freundschaftsländerspiels zwischen Deutschland und den Niederlanden. „Wir waren im Taxi auf dem Weg zum Stadion, im Auto lief NDR 2, da kam die Durchsage, dass das Spiel ausfällt. Da habe ich zum Taxifahrer gesagt, ‚du kannst wieder umkehren‘, der hat mich aber nicht verstanden.“ Es waren die Tage nach dem Terroranschlag von Paris.
Mini-WM Herzensangelegenheit
Die spannenden und die schönen Erinnerungen nimmt der Neu-Schladener, die Liebe verschlug ihn dort hin, nun mit in den Ruhestand, der fließend anlaufen wird. „Bis März gibt es noch laufende Aufträge zu bearbeiten und Rechnungen zu schreiben.“
130 Tote und 350 Verletzte
Frankreich gedenkt Opfer der Anschlagsserie vor zehn Jahren
Und dann folgt ja auch bald die Mini-WM der Goslarschen Zeitung, für die Hiersemann von Beginn im Jahr 2006 die Trikots lieferte. „Angefangen haben wir mit bedruckten T-Shirts, bei der EM vor zwei Jahren gab es richtige Trikots in den Originalfarben der Teams.“ Eine Herzensangelegenheit, die er noch begleite. So leicht trennt es sich eben von vielen persönlichen Beziehungen zu den Kunden nicht. Für die wird jetzt häufig das Internet übernehmen müssen, denn einen Nachfolger bei Deckert gibt es für Hartmut Hiersemann nicht.
Copyright © 2025 Goslarsche Zeitung | Weiterverwendung und -verbreitung nur mit Genehmigung.
„Seine erste Sporttasche hat Tim Zechel von mir.“
Hartmut Hiersemann