Donnerstag, 12.09.2019

Altersarmut in Deutschland droht deutlich zu wachsen

Brieftasche

Berlin (dpa) - Viele Bundesbürger machen sich Sorgen, ob das Geld im Alter reicht - auch wenn der Arbeitsmarkt seit Jahren brummt. Doch selbst bei weiter guter Konjunktur könnte das Armutsrisiko unter Rentnern laut einer Studie in den nächsten 20 Jahren spürbar steigen.

Der Anteil davon bedrohter Ruheständler könnte bis 2039 von aktuell 16,8 Prozent auf 21,6 Prozent wachsen, wie Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ergaben, die die Bertelsmann Stiftung am Donnerstag vorlegte. Stark im Fokus seien Menschen mit längerer Arbeitslosigkeit, Alleinstehende und Geringqualifizierte. Die Prognose heizte die Debatte um die Grundrente weiter an.

Studienleiter Christof Schiller sagte: «Selbst bei einer positiven Arbeitsmarktentwicklung müssen wir mit einem deutlichen Anstieg der Altersarmut in den kommenden zwanzig Jahren rechnen.» Besonders Betroffene müssten noch besser in Arbeit gebracht werden - das führt zu höhere Renten. Nötig seien auch Rentenreformen.

Bei ihrer Berechnung gehen die Forscher unter anderem davon aus, dass sich der Arbeitsmarkt weiterhin gut entwickelt. Als von Armut bedroht gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens hat. Laut Studie sind das Menschen, deren monatliches Nettoeinkommen unter 905 Euro liegt.

Die Studienautoren prognostizierten auch den Anteil von Beziehern von Grundsicherung. Sie gehen dabei davon aus, dass alle die Leistung in Anspruch nehmen, die dazu berechtigt sind - auch wenn laut Schätzungen rund zwei Drittel der Berechtigten ihren Anspruch nicht wahrnähmen. Laut der Erhebung könnte der Anteil der Rentner, die zusätzlich auf staatliche Hilfe zur Existenzsicherung angewiesen sind, bis 2039 von 9 Prozent auf knapp 12 Prozent steigen. Einen besonders starken Anstieg gäbe es laut DIW bei ostdeutschen Rentnern. Liegt die Grundsicherungsquote hier derzeit noch bei 6,5 Prozent, könnte sie sich bis 2039 auf knapp 12 Prozent fast verdoppeln.

Bereits frühere Studien hatten einen Anstieg der drohenden Altersarmut vorhergesagt. Als Gründe wurden unter anderem prekäre Beschäftigung, verbreitete Teilzeitarbeit, befristete Verträge und Unterbrechungen des Berufslebens etwa bei Müttern ausgemacht. Auch die Rente ist unter Druck. Die aktuelle Erhebung zitiert Angaben, nach denen 2018 auf 100 Personen im Erwerbsalter 31 Menschen ab 67 Jahre kamen - und dies nach dem Übertritt der «Babyboomer» in die Rente 2038 bereits 47 sein könnten.

Um Altersarmut zu vermeiden, wird vor allem über die geplante Grundrente für Geringverdiener diskutiert - die steckt aber seit Monaten in der großen Koalition fest. Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) wertete die Studie als Bestätigung, dass sie kommen müsse. Nötig seien aber unter anderem auch eine soziale Wohnungspolitik und bessere Löhne. Die Menschen sollten sich auf ein Kernversprechen des Sozialstaats wieder verlassen können: «Wer ein Leben lang gearbeitet hat, hat ein Recht auf eine ordentliche Absicherung im Alter.»

Die Studienautoren halten die geplante Grundrente - auch nach Heils Konzept ohne eine Prüfung der Bedürftigkeit - für «nicht hinreichend zielgenau». Zwar ließe sich damit die Armutsrisikoquote bis 2039 auf 18,4 Prozent begrenzen. Aber viele Bezieher eines Rentenaufschlags lebten in Haushalten mit Einkünften oberhalb des Existenzminimums. Die Union lehnt Heils Modell ab, da sie auf der im Koalitionsvertrag festgeschriebenen Bedürftigkeitsprüfung besteht. Dann profitieren laut Studie aber auch deutlich weniger Menschen - der Anteil derer, die von Altersarmut bedroht sind, würde nur auf 21,2 Prozent sinken.

Der Sozialverband VdK forderte Union und SPD auf, ihren Streit um die Grundrente zu beenden. «Wer jahrzehntelang gearbeitet, Kinder erzogen oder Angehörige gepflegt hat, hat eine ausreichende Rente verdient. Ohne «Wenn» und «Aber»», sagte Präsidentin Verena Bentele. Linke-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte: «Altersarmut duldet keinen Aufschub mehr.» Die Grundrente sei grundsätzlich richtig, dass sie aber frühestens 2021 kommen solle, sei nicht hinnehmbar. FDP-Fraktionsvize Christian Dürr kritisierte, die Steuerpolitik von Union und SPD sei «wie ein Brandbeschleuniger» für Altersarmut. Überlegungen, eine Aktiensteuer einzuführen, träfen am Ende vor allem Menschen, die sparen und privat fürs Alter vorsorgen wollten.

Die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände betonte, die Studie sei ein weiterer Beleg dafür, «dass Altersarmut in Deutschland die Ausnahme ist und auch weiter bleiben wird». Ältere seien heute weniger auf Grundsicherungsleistungen angewiesen als Jüngere. Nicht hilfreich wären da wenig zielgenaue Maßnahmen wie Heils Grundrente.

Die DIW-Forscher sehen auch in einer anderen möglichen Reform Vorteile. Würde die Grundsicherung deutlich ausgeweitet und könnten Bezieher einen Teil der gesetzlichen Rente anrechnungsfrei behalten, wäre das Armutsrisiko laut den Berechnungen deutlich zu begrenzen.

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