Freitag, 19.10.2018

Wie Ali Zain allein aus Pakistan floh und in Rhüden ein neues Leben beginnt

Leserbrief
Mehr zum Thema
 
Flüchtlinge bei uns
Vom Akademiker zum glücklichen Azubi
Flüchtlinge bei uns
Hassan Sulimann will Koch werden
Flüchtlinge bei uns
Klaus Drüners Herz für Menschen
Flüchtlinge bei uns
Langsame Schritte auf dem Arbeitsmarkt

Rhüden. Die ersten Monate in Deutschland waren für Ali Zain nicht einfach. „Ich fand es so komisch, dass man hier am Tisch kein Käppi trägt. Und die Menschen putzen sich in der Öffentlichkeit ganz laut die Nase. So etwas machen wir in Pakistan nicht“, erzählt er.

Was zunächst klingt, als seien es Kleinigkeiten, hat in ihm einen kleinen Kulturschock ausgelöst, als der heute 17-Jährige vor zwei Jahren aus Karachi nach Deutschland floh. Nach einigen Umwegen kam er schließlich in einer Wohngruppe in Rhüden unter und besucht nun die Seesener Oberschule. Aber warum musste Ali sein Heimatland verlassen? Wie geht es ihm jetzt in Deutschland? Und was plant er für die Zukunft?

Schule abgebrochen

Ali hatte keine einfache Kindheit. Als er Teenager war, sollte er die Schule abbrechen und stattdessen arbeiten gehen, damit er Geld verdient. „Ich habe in einem Straßenimbiss gearbeitet und bin dafür extra in einen anderen Teil der Stadt gezogen“, sagt Ali Zain. Ein paar Mal im Jahr besuchte er noch seine Eltern. Doch eines Tages war alles anders: „Das Haus war leer. Ich habe die Nachbarn gefragt, wo meine Eltern sind. Sie wussten es nicht. Sogar die Polizei konnte mir bei der Suche nicht helfen. Bis heute weiß ich nicht, was mit ihnen passiert ist“, sagt der Pakistaner traurig.

Von diesem Tag an war der damals 15-Jährige auf sich allein gestellt. Ali hätte vorher nie daran gedacht, Pakistan zu verlassen. Er hatte Pläne, wollte Arzt werden. Aber ohne Eltern hatte er keine Chancen mehr gesehen. Deswegen entschloss er sich, sein Glück in Europa zu suchen und machte sich auf die ungewisse Reise. Ein bisschen Geld hatte er sich beiseite gelegt, sein Chef unterstütze ihn. So konnte er Schlepper bezahlen, die ihn unter anderem übers Mittelmeer brachten. Viele Kilometer legte er zu Fuß zurück, bis er schließlich in Rhüden ankam.

Lange Eingewöhnungsphase

Auch wenn die Reise alles andere als einfach war, stand ihm noch etwas Schwieriges bevor: Sich in einem fremden Land zurechtfinden, das ganz anders ist als seine Heimat. Ali erzählt, dass seine Eingewöhnungsphase in der Wohngruppe sehr lange dauerte. „Ich war traurig, habe viel geweint. Ich habe meine Eltern vermisst.“

In seiner Wohngruppe ließ er anfangs keinen an sich ran. Er wurde oft sauer. „Ich war verzweifelt, denn ich wollte nicht hier sein.“ Doch irgendwann fand er Vertrauen zu einem Betreuer. Langsam konnte er sich an den Gedanken gewöhnen, dass Deutschland sein neues Zuhause ist. Von dem Betreuer wurde er auch an die deutsche Sprache geführt. „Deutsch ist sehr schwer. Ich kann die Sprache noch immer nicht perfekt sprechen“, sagt Ali in ziemlich perfektem Deutsch.

Viel Mühe gegeben

In der Seesener Oberschule ging er zunächst in eine achte Klasse speziell für Flüchtlinge. „Weil ich mir viel Mühe gegeben habe und gut war, waren sich die Lehrer einig, dass ich in eine normale Klasse gehen kann“, sagt der Zehntklässler.

Die Mühe zahlte sich aus. Ende des vergangenen Schuljahres erzielte er einen Zeugnisdurchschnitt von 3,0. „Wenn ich etwas wirklich will, schaffe ich das auch“, sagt Ali zuversichtlich. Sein Ziel ist es, seinen Realschulabschluss zu schaffen. Wie geht es für ihn weiter? Ein Medizinstudium? „Nein, wahrscheinlich nicht“, erzählt Ali. Den Plan hat er verworfen, nachdem er erfahren hat, wie schwer es in Deutschland ist, Arzt zu werden.

Er hat eine neue Idee: „Ich möchte Bankkaufmann werden.“ Bei einem Praktikum in einer Bank hat er Gefallen an dem Beruf gefunden. Er fängt an, sich in Deutschland wohlzufühlen, hat Freunde gefunden. Langsam scheint er angekommen zu sein – in einem Land mit vielen Eigenheiten, die ihm manchmal noch komisch vorkommen.








Weitere Topthemen aus der Region:
  • Braunlage
    Bestände der Bücherei werden aufgelöst
    Mehr
  • Goslar
    Kellner geht mit zerbrochenem Bierkrug auf Kollegen los
    Mehr
  • Region
    Service-Clubs spenden 5000 Euro an Harzklub
    Mehr
  • Liebenburg
    Der Singkreis und der Schweinachtsmann
    Mehr
  • Oberharz
    Der tiefe Klang macht die richtige Musik
    Mehr