Mittwoch, 20.02.2019

Oberharzer Mundart: „Rau, aber herzlich“

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Gut gemacht! Wenn nur alle Oberharzer es endlich begreifen würden, dass die Mundart keine Schande sondern ein Grund zum Stolz sein ist - auch in diesen Zeiten. (...)

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Clausthal-Zellerfeld/Oberharz. „Wenn mich jemand nicht versteht, dann hat er eben Pech gehabt“, pflegte Elise Sievers zu sagen. Nur eben auf Oberharzer Mundart. Das klingt dann so: „War dos net vrschtieht, dar hot ahmd Pech gehatt“. Rund 450 Jahre lang sprach man in ihrer Familie über Generationen hinweg nur „Ewerharzer Mundart“. Ihr Enkel Peter Wiehr ist damit aufgewachsen. Heute engagiert er sich im Verein für die Sprache.

„Wir sind eine Sprachinsel“, erklärt Wiehr, der in Wildemann seine Kindheit verbracht hat. So richtig begonnen mit der Mundart habe es im Oberharz im 15. und 16. Jahrhundert. Nach und nach reisten Bergleute aus verschiedenen Regionen an: aus dem Erzgebirge oder aus Tirol zum Beispiel. Droben in den Bergen blieben die Oberharzer jahrhundertelang beinahe unter sich. Selbst Peter Wiehrs Großmutter, geboren im Jahr 1904, besuchte Goslar zum ersten Mal im Alter von 20 Jahren.

Klang und Betonung

Mit der Mundart geht ein Stück Oberharzer Identität verloren, sagt Peter Wiehr.
Während des Siebenjährigen Krieges im 18. Jahrhundert mischten sich Franzosen unter die Oberharzer. Die Einheimischen schnappten das ein oder andere Wort auf. „Den Bürgersteig nennen die Oberharzer beispielsweise ‚Trittewahr‘ oder ‚Trottewahr‘“, sagt Wiehr. Erstaunlich sei es, dass sich die Mundart innerhalb relativ kurzer Zeit entwickelt habe. Nur zwei bis drei Generationen habe sie gebraucht, um Alltagssprache der hiesigen, hart im Bergbau arbeitenden Menschen zu werden.

„Die Oberharzer Mentalität war wie die Sprache: rau, aber herzlich“, erklärt Wiehr. Bis zu seiner Einschulung sprach er nur Mundart, sie ist quasi seine Muttersprache. Doch die war in der Schule verpönt. „Der erste Aufsatz war katastrophal, eine Fünf mit Sternchen“, sagt er und lacht. Allerdings, Hochdeutsch lernte er ziemlich schnell, genauso wie später Englisch. Seine Überzeugung deckt sich mit der Meinung einiger Dialekt-Experten. Mundart zu sprechen, helfe weitere Sprachen zu lernen und aufmerksamer zu sein.

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Doch wie ist es anders herum: Kann man Oberharzer Mundart wie eine Fremdsprache lernen? Das ginge bestimmt, sei aber nicht einfach. „Sehr viel läuft bei der Mundart über die Betonung. Es ist schwer, geschriebene Mundart-Texte an jemanden zu vermitteln, der den Klang, die Sprachmelodie und die Betonung nicht im Ohr hat“, erklärt Wiehr. Wer nicht nur Hochdeutsch, sondern einen bereits einen Dialekt spreche, dem falle das Erlernen sicher leichter. Zudem kommen die sublokalen Unterschiede hinzu. „Ein Beispiel ist der Hirsch. Da sagt man in Clausthal ‚Hersch‘ und ‚Harsch‘ in Wildemann“, sagt der Experte. Die Altenauer würden überdies eine Mischung aus Niederdeutsch und Mundart sprechen.

Kulturgut anerkennen

Aber mit dem Sprechen, das ist heutzutage sowieso so eine Sache. Auf den Straßen im Oberharz hört man kaum noch jemanden Mundart reden. Das habe mit der Gründung des Vorläufers der heutigen Universität Ende des 18. Jahrhunderts genauso zu tun, wie damit, dass gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer mehr Touristen die Harzer Berge für sich entdeckten. Mit Studierenden und Urlaubern habe man sich verständigen müssen. Die Mundart schicke sich nicht, so spreche man nicht, wiederholt Wiehr die Worte der damaligen Kritiker. „Die Mundart ist ein Stück Oberharzer Identität, die irgendwann auch weg ist“, sagt er über seine erste Sprache.

Doch Peter Wiehr will nicht nur lamentieren. Er ist einer der Mitbegründer des Vereins Oberharzer Mundart und Brauchtum. Den gibt es seit dem Jahr 2014. Er zählt mehr als 20 Mitglieder, von denen sich rund die Hälfte aktiv engagiert. „Das Hauptziel ist die Anerkennung als immaterielles Kulturerbe Niedersachsens“, sagt der Clausthal-Zellerfelder. Dass ihr Enkel sich für den Erhalt ihrer Alltagssprache einsetzt, das hätte Großmutter Elise sicherlich gefallen.







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Eckhard Bruns schrieb am 20.02.2019 19:34

Gut gemacht! Wenn nur alle Oberharzer es endlich begreifen würden, dass die Mundart keine Schande sondern ein Grund zum Stolz sein ist - auch in diesen Zeiten. Antje Bruns

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