Donnerstag, 04.07.2019

Lehárs „Land des Lächelns“ zwischen Lederwaren

Dein ist mein ganzes Herz! Wo du nicht bist, kann ich nicht sein. So, wie die Blume welkt, wenn sie nicht küsst der Sonnenschein!“ Franz Lehár auf dem Goslarer Schützenfest – wer singt denn da so wunderschön? Keine Konserve, kein Radio – eine Frau aus Fleisch und Blut.

„Kennst Du mich nicht mehr?“ fragt Nadja. Upps. Nadja Melcher – na klar! Eine Weile ist’s her; als die Ziffern in der 2000 noch einstellig waren, so von 2003 bis 2008, war sie immer wieder in der Region zu hören – und sogar zu lesen. Für die GZ interviewte sie beispielsweise die Akkordeonistin Prof. Elsbeth Moser als neues Gesicht der Konzertarbeitswochen. Zwölf Jahre ist das her.

In Goslar gestartet

Irgendwann war sie einfach weg – wie so viele, die es in die Welt hinaus zieht. Mittlerweile steckt sie mitten in ihrem Master in Musikwissenschaften in Osnabrück – wenn sie nicht gerade irgendwo Geld verdient, aktuell in Goslar.

Eben hier fing alles an. Bei der Kreismusikschule, mit Gesangsunterricht bei Regina Schwinge, einem Stipendium des Braunschweigischen Kloster- und Studienfonds, kleinen, feinen Auftritten, etwa bei der Verabschiedung ihres ehemaligen Schulleiters Wolfgang Warnecke von der Realschule Hoher Weg, die sie als eine der besten Absolventinnen ihres Jahrgangs verließ.

Oder bei einer Entlassungsfeier des Ratsgymnasiums in der Kaiserpfalz, in der der damalige Direktor Ernst Steinecke ihr überwältigt von ihrem wunderbaren „Amazing Graze“ spontan eine Rose aus der Blumendeko überreichte.

Jungstudentin in Hannover

Und dann? Sie war Jungstudentin an der Hochschule für Musik in Hannover, ließ sich in Bad Nenndorf zur Atem-, Sprech- und Stimmlehrerin ausbilden. Ihren Bachelor in klassischem Gesang, Chorleitung und Klavier machte sie in Osnabrück, auf den Master soll die Promotion folgen – so der Plan. Und der Traum? Paris. „Ich habe mich am „Conservatoire national supérieur de musique et de danse de Paris“ beworben, erzählt sie. Ein Semester lang will sie dort Operngesang studieren – um für die internationale Bühne gerüstet zu sein. Dort sieht sie auch ihr Musiklehrer Marcin Hablea von der Schweizer Musikhochschule in Genf.

„Ich kann nur Oper“, sagt die 32-Jährige mit der großen Stimme, bereit fürs Vorsingen; am liebsten slawische Literatur, oder Wagners Wesendonck-Lieder. Für kleine Häuser sei sie zu gut ausgebildet – „überqualifiziert“ ist ein Stempel, den es auch in dieser Branche gibt.

Weg zu Kleinlederwaren

Der Weg zur großen Bühne führt über Kleinlederwaren. Schon als Schülerin fand Nadja beim Stöbern in Zeitungsanzeigen ihre Jobs – und verdiente sich damit das Geld für ihren Gesangsunterricht. Mit „Schützenfestmutter“ Geli vom Lederwarenstand auf dem Krammarkt versteht sie sich seit 16 Jahren bestens. Nicht jedes Jahr, aber immer wieder einmal führt sie der Weg in der Saison zusammen, so auch in diesem Sommer. Und immer wieder kommt Geli in den Genuss der schönen Stimme, denn Nadja singt, „wenn die Kunden nichts kaufen wollen und ich schlechte Laune habe“, verrät sie.

Letztere ist dann ganz schnell verflogen, Kunden bleiben erstaunt stehen. Manche gehen aber einfach weiter. Sind sie taub? „So ist das mit der Kunst“, sagt Nadja. Nicht jeder Künstler bekommt den ihm gebührenden Applaus oder Platz im Leben. „Dein ist mein ganzes Herz“ sang Nadja am Sonntag im herzergreifenden Duett mit Oli. Der sei Philosoph und schreibe tolle Gedichte. Im Moment verkauft er tolle Armbänder.

Ungleiche Chancen

Nadja Melcher kritisiert, dass die für sie wichtige Bewahrung der Tradition klassischer Musik mit einem hohen finanziellen Aufwand verbunden sei und dass sie „kommerzialisiert“ werde. „Oft haben nur diejenigen eine Chance, die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammen“, sagt sie. Für eine Gesangsstunde zahlt sie schon mal hundert, zweihundert Euro.

Gern stimmt die Ex-Goslarerin das Hohelied auf ihre Heimat an. Sie kenne keine Stadt, keine Region der Größe, die so viele hochkarätige Musikfestivals habe – die müssten viel bekannter werden, fordert sie temperamentvoll. In diese „schöne, alte Stadt“ passe wunderbar der Zweig einer Musik- oder Kunsthochschule: „Dafür wäre Goslar perfekt.“ Perfekt passt auch das Ende des Lehár-Liedes zur „Schützenfestsängerin“: „Traumschön und sehnsuchtsbang – ist dein strahlender Blick – Hör ich der Stimme Klang – ist es so wie Musik.“