Freitag, 10.06.2016, 14:33 Uhr

Wer überlebt im Harzer Dschungel?

Feuermachen ganz ohne Feuerzeug oder Streichhölzer – René Golz (rechts) zeigt mir, wie das geht. Fotos: Sowa

Auch alten Müll verwendet der Survival-Coach. Hier wurde eine Bierdose zu einer Lampe.

Ein paar Holzstämme und dichte Fichtenäste – schon ist das Lager für die Nacht erbaut. Trotz eines kleinen nächtlichen Schauers blieben alle trocken.

Was wäre, wenn du irgendwo im Wald komplett auf dich allein gestellt wärst? Was würdest du als Erstes tun und wie lange würdest du es wohl fernab der Zivilisation aushalten?

Ich würde vermutlich als Erstes meinem Vater eine WhatsApp schicken, dass er mich doch bitte umgehend aus dem Wald abholen solle. Doch sollte ich aus den gleichen unerklärlichen Gründen, die mich in den Wald gebracht haben, kein Handy dabeihaben, dann wäre ich ziemlich aufgeschmissen. Um nicht zu sagen, ich wäre verloren – das durfte ich jetzt in einem Waldstück hinter Benneckenstein feststellen.

Um mich herum befinden sich nur Bäume – und ein paar verschlafene Männer. Ich bin zu Gast bei Survivaltrainer René Golz. Über das gesamte Jahr verteilt kommen Menschen zwischen elf und 68 Jahren aus ganz Deutschland in den Harz, um mit ihm im Wald zu wohnen. Insgesamt wird René dieses Jahr etwa drei Monate im Wald verbringen. „Ich war schon immer in der Natur“, erzählt René. „Mein Wissen über Kräuter und Überlebenstechniken habe ich mir alles selbst beigebracht.“

Erster Schritt

Wer jetzt an die DMAX-Serie „Ausgesetzt in der Wildnis“ mit Bear Grylls denkt, den muss ich enttäuschen. Hier springt keiner aus 12 Metern Höhe ins Wasser und es ernährt sich auch niemand von einem selbst gefangenen Rehkitz. „Hier geht es vor allem um Spaß und Abenteuer“, erklärte René. „Wenn ich die Leute dazu zwinge, auf die harte Tour im Wald zu leben, dann geht der Spaßfaktor verloren.“ Zudem sei die Jagd ausgeschlossen, da es sich um Wilderei handele.

Der erste und wichtigste Überlebensschritt ist der Bau eines Unterschlupfs. „Ich führe meine Gäste durch den Wald und zeige ihnen mögliche Plätze. Dann suchen sie sich einen aus“, so der Survivaltrainer. Die Teilnehmer bauen sich ihr Lager nach eigenen Vorstellungen und einzig und allein aus Waldmaterial. Dabei steht ihnen René mit Rat und Tat zur Seite. Schließlich sollen alle über Nacht trocken bleiben. Schlafsack und Isomatte sind jedoch für die Innenausstattung erlaubt.

Nachdem sich jeder ein Dach über den Kopf gebaut hat, wird die „Waldküche“ errichtet. Eine gute Feuerstelle muss her, denn das ist überlebenswichtig. Dort wird am Morgen der Kaffee gekocht (der natürlich aus dem Supermarkt und nicht aus dem Harzer Wald stammt). Der Tee besteht jedoch ausschließlich aus Waldkräutern wie beispielsweise dem „Tussikraut“, das laut René gegen Regelschmerzen helfe – hier kann ich noch was lernen.

Nicht nur das soll mein Wissen über Überlebenstechniken erweitern. René drückt mir eine Feile und einen Stein in die Hand: „Mach mal Feuer.“ Einfacher gesagt als getan. Ich hacke mir beinahe meine Finger ab und frage meinen Kollegen verzweifelt nach einem Feuerzeug. Dann zeigt mir der Survival-Profi den entscheidenden Trick – schon brennt das getrocknete Gras. Erst freue ich mich über den Erfolg, dann werde ich leicht panisch, weil ich merke, dass ich das brennende Gras noch in der Hand halte, und schmeiße es auf den feuchten Waldboden – cleverer Schachzug.

Zur Versorgung der Survivaltruppe muss ein Huhn herhalten. Das lebt ursprünglich natürlich auch nicht im Wald. Dafür lernen die Teilnehmer die Frischfleischzubereitung am offenen Feuer und erhalten gratis dazu ein paar weitere Survival-Tricks. Dazu setzt sich René das übrig gebliebene Federkleid des Mittagessens auf den Kopf und klärt über mögliche Tarnungsstrategien während der Jagd auf – komischer Vogel, aber doch sehr sympathisch.

Die erste Nacht

Die erste Nacht scheint jeder gut hinter sich gebracht zu haben, auch wenn die Gruppe am Morgen alles andere als ausgeschlafen aussieht. Dennoch schwärmen alle von diesen Düften und beruhigenden Geräuschen. Nach harter Wildnis klingt das nicht gerade, sondern eher nach Wellness für Männer – und für Frauen? „Bis gestern waren auch noch Mädels da“, erzählt René. Ich frage ihn, ob es manchen weiblichen Teilnehmern hier so ganz ohne Make-up und Beauty-Ritual schwerfiele. Schließlich wären mir Utensilien wie Toilettenpapier heilig. „Ich verbiete hier nichts. Es gab Mädels, die haben sich jeden Tag für mich geschminkt. Fand ich zwar nett, aber nötig war das nun wirklich nicht“, antwortet der Naturbursche lachend.

Eine letzte Frage brennt mir noch auf der Zunge, bevor ich die Gruppe wieder in der Wildnis zurücklasse: „Was ist, wenn man mal für kleine Königstiger muss?“ „Dann am besten direkt neben dem Lager, aus Schutz vor den Waschbären. Die kennen nämlich kein Pardon. Und kacken kann hier eh keiner“ – dann wäre das ja geklärt.


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