Mittwoch, 07.04.2021, 17:00 Uhr

„Pudeldame“ ist „vom Wesen her Lübeck“

David Grabowski (links), Nico Bauckholt (mitte), Jon Ander Klein (oben rechts) und Jonas Nay (unten) kennen sich schon seit der Oberstufe. Als Pudeldame kreieren sie heute Party-Musik nach ihrem ganz individuellen Geschmack. Foto: Anne Wilk

Sänger Jonas Nay mag als Schauspieler eine gewisse Bekanntheit haben, aber im Fall der vier jungen Männer von „Pudeldame“, die jetzt ihr Debütalbum „Kinder ohne Freunde“ veröffentlichen, ist eindeutig die Band selbst der Star.

 

„Na klar, wir sind eine Boyband“, sagt Jonas Nay lachend in die Handylinse, während er in seinem Haus in Lübeck von einem Raum in den nächsten tigert, auf der Suche nach der besten Verbindung. „Aber mit dem Unterschied, dass wir uns nicht nur als Sexobjekte inszenieren, sondern auch in all unserer ungefärbten Nichtperfektion.“ So gibt es aktuelle Pressefotos, auf denen die Burschen maximal Unterhose tragen, im Video zum subversiv-queer angehauchten Trennungslied „Schön“ („Oh mein Gott. Er ist so schön.“) fährt die Kamera auch mal langsam an den nicht eben gestählten Badehosenkörpern hoch. „Wir finden individuelle Nacktheit von uns jungen Männern schön“, so Jonas. „Auch wenn nicht alles auf den ersten Blick vorteilhaft aussieht.“

Musikalische Wundertüte

Jonas Nay (Gesang, Keyboard), David Grabowsksi (Gitarre, Gesang), Jon Ander Klein (Schlagzeug) und Nico Bauckholt (Bass) sind also „Pudeldame“. Man sollte die Band, deren Mitglieder alle um die oder auch genau 30 sind, kurz erklären. Bis auf Nico, der aus Göttingen stammt, kennen sich die Jungs schon seit der Oberstufe in Lübeck, wo sie in der Big Band und später in verschiedenen anderen Bands zugange waren. Sie alle studierten „irgendwas“ mit Musik, Frontmann Nay etwa auf Lehramt mit Hauptfach Jazz-Piano. Früher nannten sie sich „Northern Lights“, waren englischsprachig und kamen nicht weit. Seit der Umbenennung in Pudeldame (Nay: „Der Name ist auch im Internet leichter zu finden. Alles, was kein Hund ist, sind wir.“) geht es zwar noch nicht unbedingt steil, aber doch stetig nach oben. „Wir machen Musik für die Partys, auf denen wir selbst gerne tanzen würden“, beschreibt David Grabowski den Anspruch der Band. „In meiner Jugend war ich oft sehr enttäuscht von der gerade angesagten Partymusik. Unser Ansporn ist, es besser zu machen.“

„Kinder ohne Freunde“, das erste Album der Jungs, ist zweifelsohne eine prall gefüllte musikalische Wundertüte. Stilistisch ist das Album schwer zu greifen. Grundsätzlich spielen sie schamlosen Pop in allen Schattierungen, auch House, Funk oder Electro werden aufgegriffen. Wer will, kann passende Vergleiche anstellen mit „Bilderbuch“, „Deichkind“ oder auch Justin Timberlake. Ältere Zeitgenossen erkennen vielleicht auch Einflüsse der 80er-Jahre-Band „Spliff“ oder von Falco

Auf jeden Fall animiert die sehr muntere Platte zum Tanz. „Ich wusste selbst lange nicht, dass ich mich so smooth bewegen kann“, sagt Jonas Nay nicht ohne Grinsen im Gesicht. „Das kam erst durch Pudeldame.“ Kürzlich hätten sie nach zwei Monaten Probenzwangspause ein Livestream-Konzert gespielt. „Wir sind voll ausgerastet. Nach vier Songs hatte ich Seitenstiche und eine brennende Lunge.“ Fast überflüssig zu erwähnen, wie sehr Nay gerade alles fehle – Konzerte, Lesungen, Kino, Theater. „Ich habe fast täglich einen Moment, wo mir total die Decke auf den Kopf fällt.“ Mit seiner Frau schreibe er an einer Serie, mit David an Filmmusik, und ab Mitte Mai steht er als Claas Relotius in der Verfilmung des Spiegel-Skandals vor der Kamera (den Whistleblower Juan Moreno spielt Elias M’Barek).

Bodenständig geblieben

Pudeldame besticht lieber mit Ironie und kleinen satirischen Gemeinheiten wie in „Motototo“, wo sie sich zu Latin-Sounds den stereotypen Sexismus in der Popmusik zur Brust nimmt. Besonders fein beobachtet ist Nays augenzwinkernde Abrechnung „Berlin Midde“, deren Text entstand, als er wegen Dreharbeiten ein halbes Jahr lang am Rosenthaler Platz residierte. „Ich saß oft im Café und kam nicht umhin, die jungen Menschen in meinem Alter zu belauschen. Unheimlich oft ging es darum, welche Visionen diese Leute für ihr Start-Up oder ihre kreative Laufbahn in Berlin hatten. Alle kommen offenbar nach Berlin, um, gekleidet in hochindividualisierte Einheitsmode, etwas vermeintlich ganz Großes aufzuziehen.“ Jonas Nay ist diese Großmäuligkeit fremd. Er mag ein Star sein, doch er wirkt mit seinem nordischen Gemüt grundlegend unaufgeregt und geerdet. „Ich bin schon Künstler und kulturaffin und habe mich zum Beispiel in New York sehr wohlgefühlt. Aber ich liebe auch die Gelassenheit und Ruhe meiner Heimatstadt. Vom Wesen her bin ich doch eher Lübeck geblieben.“

Das Album „Kinder ohne Freunde“ ist ab sofort erhältlich.


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