Sonntag, 14.11.2021, 16:04 Uhr

Mahnende Stimmen und stilles Gedenken

Für die Stadt Goslar legen Bürgermeisterin Renate Lucksch und Erster Stadtrat Burkhard Siebert am Ehrenmal auf dem Friedhof Hildesheimer Straße einen Kranz nieder (Bild oben). Die beiden Ratsgymnasiastinnen (v. li.) Pauline Hense und Louisa Marie Kolle lassen die Russin Julia Drunina und die tschechische Jüdin Lisa Miková als Opfer und Zeuginnen des Zweiten Weltkrieges zu Wort kommen (Bild links). Fotos: Epping

Am Jägerdenkmal legen Kameradschaft-Vorsitzender Hans-Georg Müller und Oberstleutnant a. D. Heinrich Trust den Kranz nieder. Dominik Körner spielt Trompete. Redner Dr. Donald Giesecke und Fahnenträger Peter Sperling geben das Geleit.

Auf vielen Friedhöfen und an vielen Ehrendenkmalen gedachten die Menschen in der Stadt Goslar am Sonntag, dem Volkstrauertag, der Opfer von Tod und Gewalt und äußerten dabei auch Wünsche für die Zukunft.

Goslar. Trauern. Erinnern. Mahnen. Und den Mut und die Kraft aufbringen, aus dem Leid der Vergangenheit für die Zukunft die richtigen Lehren zu ziehen. Auf vielen Friedhöfen, an vielen Ehrendenkmalen gedachten die Menschen in der Stadt gestern am Volkstrauertag der Opfer von Tod und Gewalt – meist einig im Wunsch, dass dieser Tag mit seiner im Laufe der Geschichte gewandelten Bedeutung heute nicht zu einem bedeutungslosen Ritual für immer weniger wird, sondern auch wieder die Herzen und Köpfe der vielen erreicht. Aber es gab auch andere Beispiele, wie sich dieser Tag instrumentalisieren lässt.

Als der Volksbund deutsche Kriegsgräberfürsorge den Volkstrauertag nach dem Weltkrieg 1919 als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten vorschlägt und der Reichstag ihn schließlich 1926 setzt, sind zuvorderst Vokabeln wie Opfergang, Volk und Vaterland zu vernehmen– viel Nation, wenig Republik. Unter den Nazis wird er als Heldengedenktag missbraucht – eine schlimme, die schlimmste Zeit.

Internationales Mahnen

Heute mahnen Goslarer Stimmen längst international. „Es ist an uns, den Denkmälern eine Bedeutung zu geben“, sagte Bürgermeisterin Renate Lucksch am Jägerdenkmal und interpretierte den Volkstrauertag als „dauerhafte Verpflichtung für Frieden und Demokratie“. Für die Kameradschaft ehemaliger Goslarer Jäger sprach Dr. Donald Giesecke. 3000 gefallene Jäger im Ersten, fast 10.000 im Zweiten Weltkrieg – in Goslar waren Trauer und Leid greifbar, fast allgegenwärtig, weil so viele den Verlust geliebter Menschen zu beklagen hatten. Zum Jägertag 1953 kamen 8000 Menschen. „Kriege haben nur Verlierer“, schloss Giesecke seinen Vortrag.

Soldaten, Flüchtlinge. Vertriebene, Eingesperrte, Verfolgte, Gequälte, Notleidende – „die alle diesen Krieg nicht wollten“, zitierte Axel Siebe später auf dem Friedhof an der Hildesheimer Straße Gedanken zum Zweiten Weltkrieg, die Schüler aus Schleswig zu Papier gebracht hatten. Der Goslarer Volksbund-Vorsitzende machte noch einmal deutlich: „Hinter jedem Kreuz steckt ein Menschenleben.“ Der Frankenberger Posaunenchor und der gemischte Chor des Männergesangvereins Juventa umrahmten die Gedenkstunde musikalisch.

Der beiden ermordeten Nazi-Opfer und Goslarer KZ-Häftlinge Karl Peix und Walter Krämer gedenken Susanne und Michael Ohse, Rosi Bergmann, Dr. Friedhart Knolle, Axel Siebe, Renate Lucksch und Burkhard Siebert (von links).

Pastor Ralph Beims kam in der Gegenwart an. Er zog Afghanistan ins Blickfeld. Humanitärer Einsatz? Aufbau der Demokratie? Und dann ein solch kopfloser Abzug... Beims nahm Anleihen bei Bundeswehr-Soldatin und Rückkehrerin Jenni Bruns, die ob dieser Umstände in ein tiefes Loch gefallen sei. Wer spielt welche Rolle? Wer ist der Gute, wer der Böse? „Das Dilemma jedes Krieges“, sagte Beims. Unter die Haut gingen die Beiträge von Pauline Hense und Louisa Marie Kolle. Die Ratsgymnasiastinnen lasen aus Werken und Erinnerungen von Julia Drunina und Lisa Miková. Die Russin Drunina verarbeitete ihre Kriegserfahrungen als schwer verwundete Front-Sanitäterin auch mit Lyrik: „Nicht aus der Kindheit, aus dem Krieg stamm ich.“

Sonntag-Proteste auch am Volkstrauertag

Die tschechische Jüdin Miková ertrug Theresienstadt, überlebte Auschwitz und wurde in Mauthausen von den Amerikanern befreit. Gnadenlose Selektionen an der Rampe durch SS-Arzt Josef Mengele, die Entmenschlichung im Lager, die Grausamkeit – „alles war roh, auch die Sprache.“ Wer nicht funktionierte oder auch nur entbehrlich war, für den galt die Ansage: „Sonst gehst du durch den Kamin.“ Tröstlich: Im Goslar des Jahres 2021 wurde folgerichtig auch ein Kranz für die Nazi-Opfer und ermordeten Goslarer KZ-Häftlinge Karl Peix und Walter Krämer niedergelegt.

Aber auch das war der Volkstrauertag in Goslar: In den Wallanlagen freute sich am Vormittag ein gutes Dutzend Fahnenträger beim inzwischen üblichen Sonntag-Protest darüber, „ungeimpft und gesund“ zu sein. Ebenfalls per Plakat wurde nicht der Opfer der weltweiten Corona-Pandemie, sondern der „Impftoten“ gedacht. Was womöglich übersichtlicher ist.

Zudem brannten bei Gedenkfeiern rote Grablichter, die jedenfalls nicht die Organisatoren aufgestellt hatten. Ein Blick auf die Unterseiten brachte Aufkleber des „Ewigen Bundes 1871“ zum Vorschein, der die Deutschen seit dem „gewaltsamen Staatsstreich 1918“ nicht mehr regiert, sondern nur (fremd-)verwaltet wähnt. Auch eine ewig gestrige Sicht der Geschichte, die manipulative Kräfte von innen und außen am Werk glaubt und auf eine Reichsverfassung schwört, nach der etwa Frauen (noch) nicht wählen durften. Stadtrat Siebert war dem Vernehmen nach später noch unterwegs, um an mehreren Stellen die Aufkleber zu entfernen.


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