Freitag, 12.06.2020

Ruhig, bekannt und gemütlich: Warum ich lieber in der Kleinstadt wohne

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Sommer 2018, irgendwo in Brandenburg, auf irgendeinem Festival. Die Pumphose tragende Studentin neben mir setzt zu einem Monolog an: „Eigentlich komme ich ja aus einem 10.000-Seelen-Ort in Bayern, echt total idyllisch, aber halt so spießig, weißt du? Und seit ich dieses Semester nach Berlin gezogen bin, habe ich einfach so viele interessante Menschen kennengelernt (...)“

Ja, weiß ich tatsächlich. Ich komme schließlich aus einer Kleinstadt. Die hat zwar doppelt so viele Einwohner und liegt im Rheinland: Das Prinzip bleibt jedoch das Gleiche. Oder auch nicht. 

Als sie zwischen zwei Ausführungen Luft holt, nutze ich die Chance, um ihr genau das mitzuteilen. Mit ihrer Gegenfrage habe ich allerdings nicht gerechnet: „Oh, kannst du dir das denn dann überhaupt vorstellen, in einer so großen Stadt zu wohnen?“, hakt sie nach. Ich starre sie einen Moment irritiert an (Hat sie nicht eben noch vom idyllischen Bayern erzählt?), bevor sich ein trotziges Gefühl breit macht. „Muss ich das denn wollen?“, gebe ich säuerlich zurück.

Eine Kleinstadtpflanze

In Erinnerung geblieben ist mir dieses Gespräch, weil ich mit meiner Antwort nicht nur der Neuberlinerin, sondern auch mir selbst zum ersten Mal eingestanden habe: Ich bin nun einmal eine Kleinstadtpflanze. Dabei konnte ich es, seit ich 13 oder 14 wurde, kaum erwarten, das viel zu kleine Nest endlich hinter mir zu lassen. Raus ins Leben, rein ins Studium – mindestens bis nach Köln. Gefragt, woher ich komme, wurde ich damals nicht müde zu betonen, dass ich schließlich in der Domstadt geboren und damit – quasi genetisch bedingt – ein Großstadtkind bin. „Auf dem Dorf“ bleiben zu wollen war abgesehen davon, zumindest in meiner Stufe, auch einfach uncool.


Das Gefühl, meinen fehlenden Großstadtfetisch erklären zu müssen, hat sich erst vor Kurzem gelegt. Genau genommen, seitdem ich im letzten Semester nach Köln gezogen bin – schlappe sechs Jahre nach meinem Abitur. In der Zwischenzeit habe ich es zwar aus meinem Elternhaus geschafft, allerdings auch nur bis in die Kleinstadt nebenan.


Nicht, dass es in Köln schrecklich wäre: Ich liebe es, meine Einkäufe bis 24 Uhr erledigen zu können, ein Büdchen direkt vor meiner Haustür zu haben – und ja, ich habe auch nichts gegen die interessanten Bekanntschaften. Und trotzdem will ich manchmal nicht wieder hierhin zurück, wenn ich in der Heimat war. Was ich besonders vermisse: Freunde, die nicht erst lange nach einem Termin suchen, sondern einfach klingeln kommen.

Reizüberflutung

Seit rund zwei Wochen zeigt sich das Kleinstadtgen allerdings so richtig. Köln ist seitdem vor allem eins: Stress. Schuld daran ist Goslar. Technisch gesehen ist das zwar eine Mittelstadt (hat also mehr als 20.000 und weniger als 100.000 Einwohner), steht man nicht gerade zwischen C&A und Karstadt, vermitteln die engen Gassen trotzdem das Gefühl, das hier jeder jeden kennt. Nach vier Monaten im Harzer Corona-Exil leide ich in Köln dagegen an ständiger Reizüberflutung.

Fragen, die ich mir stelle, sobald ich die Wohnung verlasse: Woher kommen eigentlich die ganzen Fahrradfahrer? Und waren Lebensmittel vorher auch so verflixt teuer? Dagegen erscheint mir der gemütliche Rhythmus in der Kleinstadt deutlich angenehmer: Ruhe, überschaubarer Verkehr, Nachtruhe, an die sich jeder hält – mag spießig klingen, ist aber viel entspannender.

Vögel laut wie Presslufthämmer

Genauso wie die gute Luft abseits der Großstadt, ebenso wie die Nähe zur Natur. So dankbar ich für meinen Balkon bin: Einen Garten kann der einfach nicht ersetzen. Genauso wenig, wie einen schönen Waldspaziergang – ohne mindestens eine halbe Stunde Anfahrt. Apropos Natur: Die Terrorvögel vor meinem Fenster in Köln bringen mich manchmal an den Rand der Verzweiflung. Ob Amsel, Drossel oder Nachtigall – die Geräuschkulisse in Städten macht auch Großstadtvögeln zu schaffen. Die Lösung liegt auf der Hand: Einfach lauter zwitschern. Um die 90 Dezibel haben Ornithologen dabei bereits gemessen – in etwa die Lautstärke eines Presslufthammers. Um dem Lärm zuvorzukommen, beginnt das Konzert der Stadtvögel teilweise bereits um vier Uhr morgens. Denn nur der frühe Vogel fängt den Wurm.

Gewöhnen werde ich mich sicherlich an die lauten Piepmätze. Genauso wie an Kamikazefahrer, Lebensmittelpreise und den Parkplatzmangel. Meinen nächsten Urlaub verbringe ich wohl trotzdem lieber in der Harzer Kleinstadtidylle als in irgendwelchen Metropolen.

Von Holly Hildebrand









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