Freitag, 22.05.2020

Verzicht: Warum Fasten schön sein kann

Leserbrief

Goslar. „Natürlich ist es eine Herausforderung zu fasten, aber es ist auszuhalten“, erklärt Veli Güler. Seit heute hat er 30 Tage lang auf Essen und Trinken verzichtet: von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang. An den Ramadan, den islamischen Fastenmonat, schließt sich heute Abend das dreitägige Fest des Fastenbrechens, „Id al-Fitr“ an. Mit zahlreichen Freunden und Verwandten kommen Muslime normalerweise zusammen und teilen sich ein üppiges Festmahl.

Corona macht allerdings auch dieser Feier einen Strich durch die Rechnung: Auf lange Festtagstafeln und herzliche Umarmungen werden die Feiernden bei der diesjährigen Zusammenkunft verzichten müssen. Veli Güler lässt sich die Stimmung dennoch nicht verderben. Im Interview mit der Jungen Szene verrät der Schüler der BBS Bassgeige, wie er es schafft, so lange auf Essen und Trinken zu verzichten – und warum er durch den Verzicht auch etwas gewinnt.

Alle Jahre wieder...

... wird das Fasten von so gut wie allen Muslimen als selbstverständlich angesehen. Anders als die christliche Fastenzeit vor Ostern kann der Ramadan in den Hochsommer ebenso wie in den Winter fallen: Er richtet sich nach dem Mondkalender und verschiebt sich jedes Jahr. „Im Sommer ist es deutlich schwieriger“, betont Veli. Mit einigen Tricks wird das Fasten in der Hitze jedoch einfacher: Wenn das Durstgefühl etwa nicht auszuhalten ist, macht er seine Haare nass oder duscht sich schnell kalt ab. „Meist kommt das stärkste Hungergefühl am Nachmittag, so gegen 16 bis 17 Uhr“, erklärt der Schüler. Auf die Frage, was er gegen Heißhungerattacken mache, verrät er: „Ich stelle mich dann in die Küche und backe oder koche etwas, das mir nicht mehr aus dem Kopf geht.“ Was erst einmal widersprüchlich klingt, ist für Veli eine gute Lösung. Beim Kochen verginge die Zeit wie im Flug, und er könne der Mahlzeit entgegen fiebern.

Zwischendurch heimlich etwas zu trinken – oder etwas zu naschen, wenn der Magen einmal knurrt – ist für ihn keine Option: „Ich kann vielleicht andere Muslime veräppeln, aber nicht Gott. Der sieht alles“, stellt Veli klar. Er faste gerne und ist überzeugt: „Gott stellt uns damit eine Aufgabe“.
Falls nicht-muslimische Freunde etwas vor seiner Nase verspeisen, stört das den 18-Jährigen nicht: „Keiner ist dazu verpflichtet, auf mich Rücksicht zu nehmen. Es ist aber natürlich eine schöne und respektvolle Geste, wenn Freunde in meiner Gegenwart auch verzichten wollen.“

Der 18-Jährige genießt den Ramadan vor allem, weil Gemeinschaft in diesem Monat besonders groß geschrieben wird: „Es geht auch darum, viel Zeit mit Freunden und Familie zu verbringen“, unterstreicht er. In den Jahren vor Corona traf er sich am Wochenende beispielsweise immer mit Mitgliedern seiner Gemeinde in Oker zum Iftar. „Das geht dieses Jahr natürlich nicht“, stellt er klar.
Iftar ist übrigens der arabische Begriff für das „Fastenbrechen“. Er beschreibt die einzige tägliche Mahlzeit der Muslime im Ramadan. Diese gibt es aber erst nach Sonnenuntergang. Traditionell essen viele Muslime zum Iftar getrocknete Datteln und trinken ein Glas Milch oder Wasser dazu. So auch Veli: „Es ist etwas, was unser Prophet Mohammed gemacht hat“, erläutert der Schüler und fährt lächelnd fort, „außerdem bekommt man durch die süße Frucht einen Energieschub.“

Selbstreflexion

In der islamischen Fastenzeit ginge es auch darum, Selbstreflexion zu betreiben, unterstreicht Veli. Als Moslem solle man diese Zeit nutzen und sich fragen, ob der Weg, den man geht, der richtige sei: „Ein guter Moslem ist nicht unbedingt der, der jeden Tag fünf Mal betet. Ein guter Moslem achtet auf sein Verhalten und verbreitet Liebe statt Hass“, schildert er überzeugt.

Im Ramadan sei es außerdem wichtig, anderen zu helfen. Veli hilft seiner Mutter in dieser Zeit beispielsweise im Haushalt oder tut anderen einen Gefallen. Er achtet auch stärker als sonst darauf, keine Schimpfwörter von sich zu geben und schlecht über andere zu denken oder zu reden. Wenn man starken Hunger habe, reagiere man auch schneller gereizt, gesteht er, „aber das kann man mit guten Taten kompensieren.“

Eigentlich würde sich Veli zum Zuckerfest, wie das Fest des Fastenbrechens von vielen Türken genannt wird, mit seiner Familie und Gemeinde treffen. Unter den momentanen Umständen gibt es aber nur eine Feier im engen Kreis. Alte und Kranke, die er eigentlich besucht hätte, kann er ebenfalls nicht sehen. „Da merkt man, was für Möglichkeiten wir sonst haben und lernt, dankbarer dafür zu sein“, sagt er.









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