Montag, 13.05.2019

Neues Rammstein-Album: Brav ist das neue Böse

Leserbrief

Lange hat es auf sich warten lassen, jetzt ist das neue Rammstein-Album da. Es erscheint am Freitag und heißt einfach „Rammstein“. Doch kann es sein, dass die Berliner inzwischen zu nett sind für ihr provokatives Kerngeschäft? Immer wieder mussten sich alle Interessierten auch fragen, ob die kreative Wucht der Band womöglich nicht mehr ausreicht für ein weiteres Werk.

Die beruhigende Erkenntnis für Rammstein-Freunde: Doch, doch, das tut sie. 24 Jahre nach ihrem Debüt „Herzeleid“ und zehn Jahre nach dem letzten Album „Liebe ist für alle da“ feuern Rammstein auf „Rammstein“ aus allen Rohren. Vorzeige-Provokateur Till Lindemann und seine Kollegen haben im Zusammenwirken mit dem Produzenten Olsen Involtini ein für ihre Verhältnisse sehr bekömmliches Album eingespielt. Mit Betonung auf „für ihre Verhältnisse“. Denn erregungsökonomisch ging es steil nach oben, nachdem die ersten Sekunden des neuen Materials veröffentlicht waren. Selten wurde ein Kunstwerk in jüngerer Vergangenheit so kontrovers diskutiert wie das Video zur vorab veröffentlichten Single „Deutschland“. Im Trailer zum Clip sah man die Musiker als kurz vor der Hinrichtung stehende KZ-Insassen. Die Empörung war gigantisch, wieder schrieben und sprachen alle von Grenzüberschreitungen, Geschmacklosigkeiten und Tabubrüchen. Das ist weder falsch, noch kam eine Aktion dieser Art unerwartet. Aus Rammstein-Sicht hätte es nicht besser laufen können – Aktion Aufmerksamkeits-Maximierung erfüllt.

Keine weiteren Kontroversen

Weitere Kontroversen werden nach „Deutschland“ rund um dieses Album nicht folgen. Völlig zahm und praktisch poppig klingt die neue Single „Radio“, mit der die in der DDR aufgewachsenen Musiker ihre tiefe Liebe zum Westradio bekunden. Der Sound von „Radio“ orientiert sich ein bisschen an Kraftwerk. Überhaupt fällt auf, dass Rammstein trotz immer wieder einsetzender harter Gitarren noch nie so melodisch und regelrecht freundlich klangen wie auf „Rammstein“.

So ist „Zeig dich“, harte Gitarrenriffs hin oder her, eine etwas effekthascherische Kirchenkritik zum Mitsingen und „Sex“ eine nur ganz leicht perverse Hymne auf selbigen, mit einem Refrain, der auch im Kölner Karneval einsetzbar ist („Wir leben nur einmal, wir lieben das Leben“). Und „Ausländer“, ein Lied über Männer, die liebestoll vor fremdsprachigen Frauen stehen? Die rhythmische, leicht in Richtung Indie-Disco-Schlager driftende, Nummer prangert den weltweiten Sextourismus an. Man könnte „Ausländer“ aber auch für eine Hymne auf das Liebesleben von Sprachschülern halten. Manche Lieder hinterlassen überhaupt keinen bleibenden Eindruck. Zwei Stücke stechen allerdings heraus. In „Hallomann“, dem letzten Lied, gibt Lindemann den fiesen Kindesräuber, der ein blondes Mädchen entführt, um es am Strand mit Muscheln und Pommes Frites zu füttern. Der heimliche Höhepunkt heißt „Puppe“, es ist der sowohl musikalisch als auch textlich neben „Deutschland“ interessanteste Song. In der sich ruhig entfaltenden Ballade über eine märchenhafte, abgründige Horror- und Gewalteskalation („Und dann beiß‘ ich der Puppe den Hals ab“) ist Till Lindemann wirklich zum Fürchten gut.

„Rammstein“ erscheint am 17. Mai auf Schallplatte, CD und als Musikdownload.








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