Freitag, 06.10.2017

Ein Harz, fünf Kandidaten und die duale Identität

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Zwei Stunden lang stellten sich die fünf Direktkandidaten, die im Wahlkreis 13 um den Einzug in den Landtag ringen, den Fragen von Journalisten und Bürgern beim vollbesetzten Wahlforum der GZ in Bad Harzburg.

Hoch qualifizierte Gymnasiallehrer machen Pausenaufsicht an Grundschulen oder auch nicht, der Kaffeeautomat am Clausthaler Krankenhaus ist abgebaut und wenn der Wolf in Niedersachsen zu keck wird, sollte er „vergrämt“ werden – offen blieb, ob mit oder ohne Waffen.

Wer diese Auflistung wahlweise für eine gelungene bunte Mischung oder für Kraut und Rüben hält, der hat Recht. Präsentiert wurde sie am Donnerstagabend rund 60 Besuchern zwei Stunden lang in der voll besetzten Sportpark-Gaststätte an der Harzburger Rennbahn beim GZ-Wahlforum zur Landtagswahl für den Wahlkreis 13.

Die politische Kombipackung war einmal bedingt durch einen arg prallen Sack mit Fragen zu den unterschiedlichsten Bereichen, der von GZ-Chefredakteur Andreas Rietschel und Redaktionsleiter Dieter Böhl geöffnet wurde. Zum anderen lag es daran, dass die befragten Direktkandidaten – Petra Emmerich-Kopatsch (SPD), Hans-Peter Dreß (CDU), Alexander Bischoff (FDP), Horst Mögelin (Linke) und Klaus-Dieter Schneider (AfD) – zuweilen die vorgegebene Stallregie munter über Bord warfen. Und dann war da ja auch noch das Publikum mit durchaus eigenen Ansätzen.

Über Grenzen hinweg

Es gab indes Einendes über alle Grenzen hinweg, und man war versucht, es an einem wissenschaftlichen Begriff aus der Fan-Forschung festzumachen, der „dualen Identität“: fünf Vereine (= Parteien), aber ein gemeinsames Interesse (= Harz). Das galt einmal grundsätzlich, aber auch in manchen Einzelfragen.

So beim Hochwasserschutz, abgeleitet aus der Situation in Rhüden. Alle waren sich einig, dass „ganz schnell“ etwas passieren müsse; CDU-Mann Dreß forderte eine „Partnerschaft nördliches Harzvorland“. Differenzierter die Ansichten zu früheren Verzögerungen: Die SPD-Abgeordnete Emmerich-Kopatsch, die über weite Strecken eine Art „Elder Stateswoman“ gab, verwies darauf, dass die Bürgerinitiative vor Ort gegen ein Hochwasserbecken gewesen sei, der Liberale Bischoff kritisierte das Spiel „Gutachten gegen Gutachten“, das 300 Bürger in Existenznöte bringe.

Beim Thema Tourismus stand schon ein Begriff für Gemeinsamkeit: Dreß wie Bischoff präferierten die „Ein-Harz-Initiative“, AfD-Mann Schneider vermisste dabei eine Imageförderung für Braunlage und Hohegeiß. Emmerich-Kopatsch verwies auf üppige Fördergelder für den Harz. Eine Mehrheit in der Runde sprach sich für Beschneiungsanlagen aus, hier scherte nur der Linke Mögelin aus: Der Klimawandel spreche dagegen. Mögelin löckte auch beim Borkenkäfer wider den Stachel, der sei Natur und gehöre dazu, während Bischof „mit Maß Gift“ akzeptiert, „weil wir nicht zuschauen können, wie der Käfer alles zerstört“.

Einig gegen den Bundestrend

Beim Erhalt des Clausthaler Krankenhauses war man sich – auch gegen den Bundestrend – einig. Emmerich-Kopatsch musste sich jedoch gegen Schließungsgerüchte, auch auf ministerieller Ebene, zur Wehr setzen.

Mit dem Rücken zur Wand geriet die Genossin bei der Bildungspolitik, die bei Landtagswahlen schon oft Mehrheitenkiller (oder -beschaffer) war. Dreß bezeichnete es als „unerträglich“, was in den Schulen laufe; lokal forderte er, die Grundschule Hohegeiß „weg von der Streichliste“ zu nehmen. Emmerich-Kopatsch verteidigte Unterrichtsversorgung und Lehrerabordnungen mit dem Hinweis auf 20.000 nicht eingeplante Flüchtlingskinder in Niedersachsen. Sie verwahrte sich gegen den Vorwurf vorsätzlich gymnasialschädlichen Handelns: Der Chef der Landesschulbehörde sei ausgewiesenes CDU-Mitglied...

Auch eine Frage des Geldes. Eine derzeit gute Finanzlage mochten alle zubilligen, einigen wie FDP und AfD mangelte es aber an Verteilungsgerechtigkeit, die für den Linken Mögelin schon deshalb kein Problem war: „Alle Kommunen brauchen Förderung für die marode Infrastruktur.“ Am spendabelsten im Detail zeigte sich Christdemokrat Dreß – er will nicht nur die Harzwasserwerke nach Clausthal holen, sondern auch die Harzer Schmalspurbahn in den Westharz verlängern: „Alles ist machbar.“

Die Quelle Internet

Bei der Inneren Sicherheit stimmte die Runde für mehr Polizei und konsequente Anwendung bestehender Regelungen. Weitergehende Ansätze von AfD-Mann Schneider wurden einhellig zurückgewiesen. Zumal der seine markige Behauptung von 83-prozentiger Erhöhung der Ausländerkriminalität mit der Quelle „das Internet“ unterlegte.

Schneider mochte da schon seine spätere Schlusseinschätzung frei nach Franz Josef Degenhardt geahnt haben, dass man „uns Schmuddelkinder im Landtag nicht haben will“. Gleichwohl formulierte er: „Am nächsten liegen wir an der CDU.“ Dreß ging souverän mit dem unerbetenen Geschenk um und lobte im Gegenzug „alle Demokraten, die sich zur Wahl stellen“.

Großkoalitionäre Töne in Richtung Stehtisch-Nachbarin Emmerich-Kopatsch relativierte Dreß mit einer Sympathiebekundung für den liberalen Pastor Bischoff: „Mit uns Protestanten, das geht.“ Und während sich der Linke Mögelin als chancenlos, aber parteiloyal einschätzte, frönte die Genossin Emmerich-Kopatsch unverdrossen der Fortsetzung von Rot-Grün. Für sich persönlich auch mit Erststimmenhilfe durch die im Publikum sitzende Grüne Julia Willie Hamburg, die bei sicherem Listenplatz auf eine Direktkandidatur verzichtet hat.



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