Freitag, 10.07.2020

Der geplatzte Traum eines unvergesslichen Abends

Leserbrief

Goslar. Auf den heutigen Tag hatten sich die Abiturienten der BBS am Stadtgarten besonders gefreut. In bester Stimmung sollte an diesem Abend ein letztes Mal zusammen im Klassenverbund getanzt, gelacht und gejubelt, der Abschluss gebürtig gefeiert werden. Umso bedauerlicher war es für die beiden Hauptorganisatorinnen, Pia Orlok und Stina Hartmann, ihren Abiball absagen zu müssen. Wie alle anderen niedersächsischen Abiturjahrgänge müssen nun auch sie ein „Ende ohne richtiges Ende“, wie Stina es beschreibt, verkraften.

Als Corona zur Pandemie erklärt wurde und deutschlandweit Chaos in das sonst strukturierte Schulleben brachte, ahnten Pia und Stina bereits Böses. Die Ungewissheit, ob denn überhaupt die Abiturprüfungen stattfinden könnten, war nur eine ihrer Sorgen. Schließlich gab es da ja auch noch den Abiball, der plötzlich auf der Kippe stand. Doch gleich den Kopf in den Sand stecken? Nicht mit den beiden Organisatorinnen: „Wir hatten noch eine kleine Hoffnung und haben den Ball erstmal vom 4. Juli auf den 11. verschoben, um Zeit zu gewinnen“, erklärt Stina. Denn schließlich hatten sie und ihre Klassenkameradin Pia über ein Jahr lang kostbare Zeit und Nerven in die Planung des Balls gesteckt. Neben Absprachen mit dem Achtermann, einem DJ und einer Fotografin, kümmerten sie sich auch um die Finanzierung des Balls: Beim Kuchenverkauf in der Schule zählte jedes verkaufte Stück. Auch durch sogenannte Abipartys im Beat Club in Langelsheim sollte Geld in die Abiballkasse fließen. „Die konnten dann auf einmal ja auch nicht mehr stattfinden“, betont Pia.

Die Vision loslassen

„Ich glaube unser Glück war aber, dass sich dann relativ schnell herausstellte, dass das nichts wird“, hält Stina nüchtern fest, „wir hatten noch geplant, eine Fotowand zu basteln, Deko zu gestalten, und, eine Choreografie zu organisieren. Es wäre schade gewesen, wenn wir damit schon angefangen hätten.“ Den Abiball einfach so zu vergessen, war dann aber doch schwieriger als gedacht. „Ich find’s schon traurig, denn so etwas hat man ja nicht mehr. Selbst, wenn man einen Bachelor oder Ähnliches abschließt, hat man zwar eine kleine Abschlussfeier, aber kein Ball ist wie der Abiball. Es ist etwas Einmaliges. Daran hätten wir uns gerne positiver erinnert“, teilt Pia ihre Gedanken. „Genau, heiraten zum Beispiel kann man auch drei oder vier Mal, aber Abi macht man wirklich nur einmal“, witzelt Stina, die es sichtlich schafft, ihre Enttäuschung mit Humor zu überwinden. Als die 19-Jährige über Erinnerungen von Bällen anderer Jahrgänge erzählt, wird aber deutlich, wie sehr ihr das Thema eigentlich am Herzen liegt: „Es ist magisch, wenn man den Raum betritt. Man befindet sich wie in einer schönen Blase, in der alles gut ist. Die Feier vom letzten Jahrgang war wirklich ein Traum. Ich hatte so viel Spaß da. Ich muss sagen, darauf bin ich fast ein bisschen neidisch –, dass sie so etwas Schönes hatten und wir nicht. Aber gleichzeitig bin ich auch froh, dass es jetzt vorbei ist. Wenigstens konnten wir unsere Prüfungen schreiben. Es hätte immer noch schlimmer kommen können.“

Klasseninterner Abschluss

Diesem Punkt stimmt auch Pia zu. „Ich bin froh, dass wir das Abi geschrieben und nicht ein ‚Ersatzabitur‘ geschenkt bekommen haben“, sagt die 19-Jährige . „Ich hätte mir später nicht nachsagen lassen wollen, ich hätte das Abi damals geschenkt bekommen. Jetzt fühlt es sich aber nicht so besonders an, seinen Abschluss geschafft zu haben. Selbst die Zeugnisvergabe findet ohne Angehörige statt“, bedauert sie und erzählt, dass die Schüler deshalb überlegt hätten, im Rahmen der Zeugnisvergabe eine kleine Feier im Autokino zu organisieren. Diesen Vorschlag habe die Schule allerdings sofort zurück gewiesen. „Ohne wenigstens ein bisschen Festlichkeit ist es so, als würde ich ein normales Zeugnis aus der zehnten Klasse erhalten“, erläutert Pia. Auch Stina schließt sich ihrer Freundin an und sagt: „Es macht mich traurig, dass nicht einmal meine Mutter dabei sein kann. Denn ich weiß, wie viel ihr das bedeutet hätte.“

Nicht mit Landesvorgaben vereinbar

Schulleiterin Anke Thumann erklärt, dass eine Zeugnisvergabe, zu der jeder Schüler selbst nur ein oder zwei Angehörige einladen könne, nicht mit den aktuellen Vorgaben des Landes vereinbar sei. „Das geben unsere Räumlichkeiten leider nicht her“, sagt sie und betont, dass dies für die Abiturienten, die Eltern, als auch für die Lehrer bedauerlich sei. „Wir hoffen, dass die Feierlichkeiten nächstes Jahr wieder stattfinden können.“

Als glamouröse Erinnerung an den Abschluss bleiben Pia und Stina nun also bloß ihre Abiballkleider. Wenn sie diese schon nicht bei einem großen Auftritt präsentieren können, sollen sie wenigstens bei der klasseninternen Zeugnisvergabe zum Einsatz kommen, finden die beiden. So will es auch Johanna Truskaller (rechts), eine Klassenkameradin der beiden, handhaben.

Auf Kleidersuche hatte sie sich bereits im Februar begeben. „Zu dem Zeitpunkt war in den Abteilungen schon richtig viel los. Das hat mich echt überrascht“, sagt die 20-Jährige. Doch kein Wunder: Ein Kleid zu finden, das an jeder Stelle richtig sitzt, stellt sich für viele Mädchen als wahre Meisterleistung heraus. Johanna, die ihr Traumkleid gleich im dritten Laden fand, kann sich mit ihrem schnellen Fang glücklich schätzen. „Wir mussten es aber noch am Rücken anpassen und am Rock kürzen lassen“, erzählt sie. Die Bemühungen um das Outfit waren womöglich doch nicht ganz umsonst: „Wir haben ja noch das Geld für den Abiball. Vielleicht lässt sich damit nächstes Jahr etwas organisieren und nachholen“, lässt Johanna anklingen. Auch Pia und Stina würden sich freuen, ihre ehemaligen Mitschüler in Zukunft wieder zu sehen – dann hoffentlich ohne „Corona-Stress“, wie Stina betont. Bis dahin müssen sie sich wohl noch etwas gedulden.









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