Freitag, 08.11.2019

„Jihad Baby!“ gibt Denkanstöße

Leserbrief

Goslar. Still ist es im Publikum, denn niemand will die Geschichte um den Jugendlichen Jona verpassen, der durch falsche Freunde in einen Strudel aus Liebeskummer und Radikalisierung gerät. Das Schauspielkollektiv „Neues Schauspiel Lüneburg“ zeigte in dieser Woche Schülern von vier Goslarer Schulen das Theaterstück „Jihad Baby!“ im Forum der Adolf-Grimme-Gesamtschule Oker.

Was heißt eigentlich genau radikal und was ist der Unterschied zu Extremismus? Was macht jemanden überhaupt anfällig für Radikalisierung? Schauspieler Sven Mein brachte diese Themen spannend und lehrreich zugleich auf die Bühne. Co-Regisseur Andreas Püst und Dramaturgin Julia von Thoen unterstützten hinter den Kulissen. Innerhalb von drei Tagen kamen rund 300 Jugendliche, um sich das „Ein-Mann-Theaterstück“ anzusehen, gemeinsam zu diskutieren und in sich anschließenden Workshops noch einmal wichtige Fakten zu erarbeiten.

Weg in die Radikalisierung

In „Jihad Baby!“ geht es um radikalen Islamismus. „Es ist ein Stück, das zeigt, welche Schritte man gehen muss, um sich radikalisieren zu lassen. Man kann es als Idee sehen, wie solch ein Prozess funktioniert“, erklärt Julia von Thoen, die selbst auch gerne als Schauspielerin auftritt. Dass es dabei nicht um die Verteufelung des Islam geht, solle dabei aber ebenso bewusst werden. „Egal welche Richtung, ob Islamismus, Rechts- oder Linksradikalismus oder andere extreme Formen – die Geschichte von Jona ist nur ein Beispiel. Radikalisierung läuft im Prinzip immer gleich ab“, erklärt Andreas Püst. Oft seien es Personen, die in solchen Gruppen Anerkennung und Zugehörigkeit suchen und auch finden. Ein offenes Ohr, gemeinsame Aktionen, zusammen Spaß haben, planen. Und dabei wird unterschwellig von vermeintlichen Freunden eine Ansichtsweise vermittelt, die sich Schritt für Schritt im Kopf verankert.

„Gerade junge Menschen sind in einer Lebensphase, in der ganz viel Neues auf sie zukommt. Was ist richtig, was falsch? Eine schwere Frage. Gruppen leiten an und sagen, wo es langgeht. Sie geben Halt und Struktur. Und plötzlich ergibt das Leben einen Sinn“, erklärt Püst den schleichenden Prozess. Gleichzeitig warnt der Schauspieler und Rechtsanwalt: „Es ist eigentlich ein sehr einfacher Weg. So kann man schnell von sich überzeugen. Das Weltbild, was diejenigen zeichnen, ist aber leider nur schwarz oder weiß.“

Im Theaterstück entflieht Jona den alttäglichen Problemen eines Teenagers. Zunächst versucht er, sich mit Drogen von Streitigkeiten mit den Eltern und Konflikten mit den Lehrern abzulenken. Doch dann lernt er Musa kennen, der ihn fasziniert. Aber diese Freundschaft ist nicht echt – zu spät merkt Jona, dass er in einen Strudel aus Radikalisierung gerät, der ihn letztendlich das Leben kostet. Hätte ihm jemand helfen können? Vielleicht seine Freundin? Oder die Eltern? Nicht in diesem Theaterstück. Doch wie oft passieren solche Szenen in der Realität? Initiiert durch den Jugendschutz des Landkreises Goslar, Claudia Hopp und Celina Achtel, und das Präventionsteam der Polizei Goslar mit Stephani Gobernack und Marion Becker, sollten die Projekttage den Schülern einen Einblick geben, wie solch ein Radikalisierungsprozess überhaupt abläuft.

Kein alltägliches Thema

Alltäglich sei das Thema, zumindest für die meisten Jugendlichen, (noch) nicht. „Ich fand es interessant, mal eine andere Sichtweise zu kennenzulernen“, sagt Schülerin Jennifer Nadine Diedrich (19). Mittlerweile könne sie nachvollziehen, wie solche Radikale eigentlich entstehen. „Islamismus ist ein sehr sensibles Thema“, findet der 19-jährige Jan Nikolas Meyer, der bisher keine Erfahrung mit Radikalisierung im Allgemeinen gemacht habe. „In den Medien sieht man immer die Folgen, aber nicht, wie der Weg dorthin funktioniert“, so der Schüler.

Auch Joe Hartwig (17) hatte zuvor keine Berührungspunkte damit. „Im Workshop haben wir erfahren, dass ein Drittel der Deutschen, die zum Islam konvertiert sind, für den IS kämpfen. Das hat mich geschockt!“ Der 17-Jährige erzählt, dass es in seiner Schule viele Kulturen und somit auch Religionen gebe. „Da hat man auch mal eine andere Sichtweise.“ Gefördert wird das Projekt durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Zu den teilnehmenden Schulen gehörten das Ratsgymnasium Goslar, die Adolf-Grimme-Gesamtschule Oker, die Oberschule an der Deilich Bad Harzburg und die Oberschule Langelsheim.









Weitere Topthemen aus der Region:
  • Lokal-Sport
    Harzer Falken trotz langer Pause zuversichtlich
    Mehr
  • Lokal-Sport
    MTK Bad Harzburg feiert Dreifachsieg
    Mehr
  • Lokal-Sport
    MTV Jahn Schladen empfängt Hornburg zum Derby
    Mehr
  • Lokal-Sport
    Bad Harzburg/Vienenburg hofft auf Überraschung
    Mehr
  • Region
    Wenn die blaue Tonne nicht geleert wird
    Mehr