Mittwoch, 22.01.2020

Der Steiger kommt – vielleicht auf die Unesco-Liste

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Besondere Ehren für eine besondere Tradition: Das Steigerlied soll, einem Vorstoß aus dem Ruhrgebiet zufolge, unter den Schutz der Unesco gestellt werden. Das markante „Glück auf, Glück auf!“ ist im Erzgebirge und im Kohlerevier gleichermaßen zu Hause, und auch im Harz stimmen es Bergleute und mit dem Bergbau Verbundene an, wenn es gilt, sich auf seine Heimat, seine Identität und die Gemeinschaft unter Tage zu besinnen. Und wer möchte, kann sich an der GZ-Aktion „Singen Sie uns das Steigerlied“ beteiligen und seine eigene Interpretation zum Besten geben …

„Glück auf, Glück auf!“ Ob Erzgebirgs-Knappe oder Kohlekumpel, im Rammelsberg oder beim Glockenspiel am Goslarer Marktplatz: Wer mit dem Bergbau aufwuchs, kann das Steigerlied mitsingen. Nun soll die Bergarbeiter-Hymne nach einer Idee des Ruhrkohle-Chors aus Herten immaterielles Kulturerbe werden. Aber was bedeutet das eigentlich?

„Aktuell läuft die vierte Runde zum bundesweiten Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe – derzeit prüfen die Länder die eingegangenen Bewerbungen“, schildert Stephanie Laumen, Pressesprecherin der deutschen Unesco-Kommission den Stand des Verfahrens. Die Initiative stammt aus dem Ruhrgebiet, und zwar vom Ruhrkohle-Chor der Essener RAG-Stiftung, die auch als Antragstellerin fungierte. Das Lied sei „ein Stück der DNA der Bergleute“, hieß es.

Zunächst einmal geht es um „Wertschätzung und Anerkennung, um Wissen und Können und um die Wahrung ausgeübter Tradition“, sagt Gerhard Lenz, der Direktor des Rammelsberges und Leiter der Welterbe-Stiftung. Als solcher ist er für die Bewahrung des physischen Welterbes in Goslar zuständig. Mit immateriellem Kulturerbe habe er eigentlich nichts zu tun, macht er klar. In die Stiftung oder das Konzept des Rammelsbergs werde das Welterbe der anderen Art also nicht integriert.

Gesang am Welterbetag

Dennoch: Bei Veranstaltungen im Berg, wie den Konzerten von „Miner‘s Rock“, aber auch bei Festen, gehört das Lied einfach dazu. Und wenn Goslar im Juni Gastgeber des Welterbetages sein wird, kommt auch der Steiger zu Ehren: „Da wird es gesungen, als Zwischenspiel zwischen den Tagungsstrecken“, verrät Lenz. Von wem, will er noch für sich behalten. Persönlich findet er die Idee sehr gut. „Das Thema Bergbau ist ja eine im Verschwinden begriffene Tradition. Das Lied enthält viel, was die Tätigkeit des Bergbaus ausgemacht hat. Und in ihm ist viel, was die Menschen mit einander verbunden hat.“

„Sehr spannend“ und „eine ganz amüsante Sache“ nennt Dr. Axel Koch den Vorstoß. Der Mediziner, der das Lied traditionell beim „Miner‘s Rock“-Konzert im Rammelsberg singt, wird voraussichtlich seinen Umgang mit dem „Steiger“ und seine Interpretation nicht verändern, auch wenn es sich um Strophen mit Welterbestatus handelt. „Es ist ein wichtiges Lied, und es hat etwas Traditionelles. Ich sehe es als Traditionspflege, es wird ja etwas besungen, was so gar nicht mehr da ist.“ Welche Variante er singt, ist für ihn gar keine Frage: ganz klar die Clausthaler Fassung, die traditionellen sechs Strophen. Wobei er auch viele Fakultätsstrophen aus seiner Studienzeit kennt. Fast jede Studienrichtung hatte eine eigene, „da ist der Fantasie keine Grenze gesetzt, und die sind alle ziemlich deftig.“ Klar, dass der Arzt die Strophe sein Zunft parat hat: „Wir Mediziner sein’s kreuzbrave Leut ... wir flicken euch die Leber, dass ihr saufen könnt wie Eber.“ Diese Verse werden wohl nicht unter Unesco-Schutz gestellt.

Finanzielle Unterstützung gibt es nicht

Der Zeitplan: „Der deutschen Unesco-Kommission werden von den Ländern weitergeleitete Dossiers ab Sommer 2020 zur Begutachtung vorgelegt, im Frühjahr 2021 werden die zuständigen Stellen entscheiden“ so Laumen. Zuständig ist die Kultusministerkonferenz in Absprache mit der Bundesbeauftragten für Kultur.

Was bedeutet der Eintrag? Darf man keine Strophen mehr hinzu erfinden? „Schutzstatus wie in der Denkmalpflege gibt es beim Immateriellen Kulturerbe nicht“, erläutert Elisa Kaiser, Pressereferentin beim Ministerium für Kultur in Nordrhein-Westfalen. Es gehe darum, „die Lebensfähigkeit kultureller Ausdrucksformen sicherzustellen, das bedeutet, die Voraussetzungen für ihre fortwährende Weiterentwicklung und Weitergabe zu gewährleisten.“ Finanzielle Unterstützung gibt es nicht, man könne aber mit dem Status werben, „um Ressourcen zu akquirieren“ und für nicht-kommerzielle Aktivitäten „ein entsprechendes Logo nutzen.“ Und könnte Goslar als Welterbe- und Bergbau-Stadt sich noch einbringen? „Grundsätzlich ist es für Dritte immer möglich, einen Antrag affirmativ zu unterstützen“, sagt Elisa Kaiser.