Samstag, 07.10.2017

„Ich gehe jeden Tag sehr dankbar zu Bett“

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Mit einem ganz besonderen Gast kann der diesjährige Presseball am 4. November im Hotel Der Achtermann aufwarten: Der Ausnahmesänger Max Mutzke kommt nach Goslar. Seine Karriere begann in der Casting-Show von Stefan Raab, in der ein Teilnehmer für den ESC 2004 gesucht wurde. Seitdem ist der Schwarzwälder nicht mehr aus der deutschen Musiklandschaft wegzudenken und begeistert das Publikum mit seinen Konzerten, die von Soul und Pop bis zu Jazz und Klassik reichen. GZ-Mitarbeiter Claus Kohlmann sprach mit ihm über Landschaften, Leidenschaften und Familie.

Du kommst ja zum Presseball der Goslarschen Zeitung und bist da der Stargast…

Mutzke: Ja, was für ein lustiges Wort, oder? Das klingt immer so nach Hollywood, aber, ja, ich freue mich! Dann bin ich vielleicht eines der Highlights des Abends. Das mache ich gerne. (lacht)

Als überzeugter Schwarzwäldler, der Du bist, ist ein Auftritt im Harz da so etwas wie ein Heimspiel?

Sagen wir mal so, durch die ganzen enormen Reisen, die man so absolviert – während einer Tour oder auch zu anderen Gelegenheiten wie Studiotermine und Songwriting, kleine Konzerte, die wir ja in vielen verschiedenen Besetzungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz spielen – fällt einem nach den 13 Jahren, die ich das schon mache, immer wieder auf, wie groß und vielfältig Deutschland ist. Und vor allem, wo es überall schön ist. Früher hätte ich ja immer gesagt, dass der Schwarzwald die schönste Gegend der Welt ist. Das sage ich auch immer noch, aber das gilt ja nur für mich. (grinst) Es macht schon irgendwie stolz, in so einem bunten, abwechslungsreichen Land zu leben. Ich freue mich echt auf den Harz!

Aber auch auf der Bühne ist es doch bestimmt so, wie nach Hause zu kommen, schließlich ist bei der Galaband, die den Abend bestreitet, „Herb“ Jösch, der Schlagzeuger der Stefan-Raab-Band dabei, die Dich ja damals in den Castings begleitet hat.

Ja, klar, der ist dabei und das ist natürlich total cool. Ich freue mich echt riesig, ihn wiederzusehen, denn das letzte Mal habe ich ihn am letzten Tag von „TV total“ gesehen. Ich bin extra nach Köln gefahren, um das mitzuerleben, weil mich ja eine ganz lange Zeit mit dem Team verbindet. Was mich beeindruckt, ist, dass es in dem Team in den ganzen Jahren kaum Fluktuationen gab, und das sind auch über 40 Leute. Fast alle waren noch da. Es klingt total kitschig, aber es war dieses Familiengefühl, was rüberkam. Einfach mehr als nur eine Crew. Und wenn man nicht Familie sagen möchte, dann eben wie sehr gute Freunde, die einen immer sehr gut aufgenommen haben, wenn man mal wieder vorbeikam.

Was Deine Auftritte angeht, reicht der Spagat von der Elbphilharmonie mit 80-köpfigem Orchester über Clubs und Festivals bis zum Gala-Abend mit kleiner Band im „Achtermann“. Ist für Dich jeder Auftritt gleich oder unterscheidest Du doch?

Du kannst natürlich im Voraus nie sagen, wie ein Konzert wird. Zum Beispiel habe ich letztens während einer Messe gespielt, nur von einem Streichquintett begleitet. Das war ein Gala-Abend bei der weltgrößten Werkzeugbaumesse, und alle im Publikum waren Ingenieure und Geschäftsführer von Firmen rund um den Globus, das war total abgefahren. Vorher hatte ich noch die Befürchtung, es könnte eine ganz trockene Angelegenheit werden. Letztendlich war es ein genialer Auftritt, weil die Leute so geflasht waren von dem Mix aus Soul und Klassik, dass plötzlich so ein Ding, das Dir erst mal ganz komisch vorkommt, zu einem sehr guten Abend wird. Deshalb freue ich mich eigentlich immer erst mal auf jedes Konzert und will das gar nicht so werten. Vor Kurzem war ich auch mit der Bundeswehr-Big-Band im Schloss Bellevue und habe beim Bundespräsidenten gespielt. Gerade durch die Abwechslung macht alles enorm Spaß.

Du bedienst die verschiedensten Musikstile von Soul bis Jazz. Hast Du einen Favoriten?

Ich vergleiche das immer ein bisschen mit Essen gehen. Wenn Dein Lieblingsessen Lasagne wäre, dann findest Du es super, wenn Du sie bekommst. Am nächsten Tag findest Du es auch noch super. Am dritten Tag ist es vielleicht immer noch Dein Lieblingsessen, aber Du bekommst langsam mal Lust auf was anderes. So ist das für mich mit den Genres. Ich liebe es, Soul zu machen, aber auch die Sparte ist ja schon so breit gefächert. Trotzdem gibt es Jazzelemente. Ich freue mich, heute mit einer Big Band zu spielen, weil ich weiß, dass es morgen ein Jazztrio sein wird. Genau das macht es mir möglich, immer voll und ganz auf der Bühne zu sein. Auch immer mit einem ganz anderen Fokus. Ich stehe einfach anders auf der Bühne, weil es nicht so selbstverständlich ist. Man ist immer sehr konzentriert und voll bei der Sache, und das merkt das Publikum dann auch.

Hast Du durch die Vielseitigkeit Deinen Fankreis erweitern können, oder gab es auch abfällige Kommentare, speziell in Richtung Jazz?

(lacht) Tatsächlich irgendwie beides. Vor fünf Jahren habe ich das Jazz-Album „Durch einander“ gemacht. Das sollte eigentlich nur ein Befreiungsschlag für mich selbst sein, um aus diesem Korsett rauszukommen, in dem ich schon drin war, so festgelegt, so auf Mainstream gepolt. Lustigerweise wurde genau dieses Album zu meinem erfolgreichsten. Da war es dann so, dass die Tour davor, mit einem Pop-Album, das wesentlich weniger Erfolg gehabt hatte, überall ausverkauft war. Dann sind wir mit dem Jazzalbum auf Tour gegangen, und es kamen nur noch weniger als 200 Leute pro Show, oder vielleicht 400 in großen Städten, aber eben nicht mehr 1000, wie vorher. Im Endeffekt war es nur das blöde J-Wort, also „Jazz“. Das ist dann der Preis dafür, dass ich in den Genres hin und her springe. Das merke ich schon. Ich habe nicht diese breite Fanbase, wie sie zum Beispiel ein Clueso hat. Aber dafür spielen wir in einem Jahr alle Rockfestivals und im nächsten alle kultursubventionierten Jazzfestivals.

Man könnte Dich fast schon als schizophren bezeichnen: Auf der einen Seite der überzeugte Musiker und auf der anderen der überzeugte Familienmensch. Wie kriegst Du das denn übereinander?

Das ist eine Frage, die für mich in meinem Leben tatsächlich immer wieder auftaucht. Ich bin ja oft lange am Stück von zu Hause weg. Aber in meinem Terminkalender sind ganz viele Sachen drin, die dann immer aufploppen, zum Beispiel Instrumentalunterricht für eines meiner Kinder oder ein Zahnarzttermin oder so. Da versuche ich schon, immer dran zu bleiben, ein Teil davon zu sein. Dazu gehört auch regelmäßiges telefonieren, auch wenn es Wochen gibt, an denen das schon mal zwei, drei Tage nicht funktioniert. Aber wenn ich dann zu Hause bin, bin ich wirklich da. Ich habe dann keinerlei Verpflichtungen, die mit meinem Beruf zu tun haben, außer vielleicht Telefoninterviews geben oder E-Mails checken. Das heißt, ich mache nichts anderes als Holz machen gehen, an unserem Lkw rumschrauben, den wir zu einem Expeditionsmobil umbauen (eine Art Unimog für eine geplante Weltreise, Anm. d. Red.), Rasen mähen, einkaufen und die Kinder wegbringen und abholen. Ich steh jeden Morgen mit denen auf, und wir frühstücken zusammen und wir erleben den Tagesstart. Und ich bringe immer alle ins Bett. Ich klinke mich zu Hause gar nicht aus, im Gegenteil.

Die Familie ist also Dein Ausgleich.

Nein, es ist gar kein Ausgleich, sondern viel wichtiger. Es ist meine Basis. Ich habe mein Leben mal mit einem Baum verglichen. Wenn Du Deine Karriere hast, aber keine Familie, dann ist der Stamm die Karriere und das ganze Leben hängt in Form der Äste dran. Wenn dann mal ein Sturm kommt, wackelt der ganze Baum und Du kannst nur hoffen, dass der Stamm, also die Karriere, hält. Sobald die Familie da ist, sind die Grundbedürfnisse, die man entwickelt, nämlich dass Deine Kinder nicht verhungern, nicht erfrieren und Bildung und ärztliche Versorgung bekommen, viel wichtiger. In Deutschland sind die eben gesichert, da können wir ja wirklich glücklich sein. Und dann ist nämlich Deine Familie der Baumstamm, und die Karriere nur noch ein starker Ast. Selbst wenn der abbrechen würde, steht der Baum an sich immer noch sicher.

Was ist Deine Vorstellung eines perfekten Tages?

(lacht) Es ist so, dass die Tage wirklich so unterschiedlich sind, dass ich, wenn ich unterwegs bin, schon mal ganz andere Aufgaben und Zeiten habe. Zu Hause gehe ich zum Beispiel immer sehr früh ins Bett, so spätestens um zehn, und stehe eben um halb sieben wieder auf. In Studiowochen wird es meistens ein Uhr nachts, auf Tour selten vor drei. Dann schlafe ich dementsprechend länger. Und ich habe andere Verpflichtungen, ich esse viel später und so. Es kann auf Tour ein perfekter Tag im Nightliner sein, aber meine Lieblingstage sind tatsächlich die Sonntage zu Hause mit allen zusammen am Frühstückstisch. Und dass man sich dann überlegen kann, wie man den Tag zusammen verbringt, weil ja keine Geschäfte auf haben.

Wo siehst Du Dich und Deine Musik in fünf oder zehn Jahren?

Vor zehn Jahren wurde mir die Frage auch schon mal gestellt, und da habe ich gesagt, wenn ich in zehn Jahren immer noch da bin, wo ich bin, also Musik machen zu können, und nur die, die ich will, ohne noch einen Job für den Lebensunterhalt zu brauchen, dann ist es genau das, was ich will. Das habe ich geschafft. Ich kann nicht nur einfach meine Familie und mich versorgen, sondern bin zum Glück insofern darüber hinaus, dass ich nicht erst Geld beiseitelegen muss, um in den Urlaub fahren zu können oder Extraanschaffungen zu tätigen. Dessen bin ich mir total bewusst. Ich strebe aber nicht danach, immer noch mehr Geld zu scheffeln, sondern ich wäre glücklich, wenn ich tatsächlich in zehn Jahren immer noch da wäre, wo ich jetzt bin: unabhängig zu sein, und die Musik machen zu können, die ich will, ohne einen anderen Job zu brauchen. Ich gehe jeden Tag sehr dankbar dafür zu Bett.