Sonntag, 06.06.2021, 07:00 Uhr

„Wer ans Theater will, muss dafür brennen“

Die Braunschweiger Inszenierung der „Schneekönigin“ (2018) ist Patricia Stövesand besonders in Erinnerung geblieben. Zuerst assistierte die Goslarerin der Regie und übernahm später sogar eine Nebenrolle im Stück. „Die Produktion hat viel Spaß gemacht, das Team war einfach toll“, erzählt Patricia. Foto: B. Hickmann

Regie- und Notizbuch hat Patricia Stövesand immer dabei: Zehn bis vierzehn Stunden verbringt sie täglich im Theater. Ein fordernder Beruf – aber auch einer, der die 24-Jährige mit großer Begeisterung erfüllt. Foto: Agnes Nagy

Goslar. Im Theater auf der großen Bühne spielen oder hinter den Kulissen arbeiten – nur für wenige erfüllt sich dieser Traum: Stellen in Regie, Dramaturgie, Schauspiel und Co. sind hart umkämpft und gelten als alles andere als zukunftssicher. Patricia Stövesand aus Goslar hat sich dennoch den Weg ans Theater gebahnt: In der Schulzeit spielte sie in der Theater-AG des Christian-von-Dohm-Gymnasiums, heute ist die 24-Jährige Regieassistentin am Theater Bielefeld.

Patricia, was sind deine Aufgaben als Regieassistentin?

In einem festen Engagement betreue ich die Produktionen an einem Haus. Das heißt, ich bin die direkte Assistenz der Regie. Ich führe das Regiebuch und halte darin jeden Probenfortschritt fest, also zum Beispiel Anweisungen und Schritte der Schauspielerinnen und Schauspieler. Gleichzeitig bin ich dafür zuständig, dass das gesamte Team, also auch die Dramaturgie, immer die aktuellste Spielfassung bekommt. Und manchmal arbeitet man auch inhaltlich am Stück mit.

Wie hast du deine Leidenschaft für das Theater entdeckt?

Zum einen durch die Theater AG des Christian-von-Dohm-Gymnasiums, in der ich selbst aufgetreten bin, aber auch durch Lehrkräfte, die in mir eine Neugier für Literatur geweckt haben.

Wie hast du den Einstieg in die Theaterszene geschafft?

Anfangs hatte ich das Theater beruflich gar nicht ins Auge gefasst. Ich habe angefangen, Religion und Französisch auf Lehramt zu studieren, und brauchte dann ein außerschulisches Praktikum. Dafür habe ich mich beim Staatstheater Braunschweig beworben, hatte Glück und bekam dort eine Hospitanz. Das ist deshalb so spannend, weil eine Hospitanz am Theater praktisch der Einstieg in eine Regieassistenz ist. Hospitieren bedeutet, dass man der Assistenz, die in der Produktion tätig ist, zuarbeitet und ebenfalls assistiert. Danach habe ich noch etwas weiter hospitiert, relativ schnell Angebote bekommen und schließlich als bezahlte Regieassistentin gearbeitet.

Wusstest du sofort: Das wird mein Beruf?

Nein. Ich bin da etwas blauäugig herangegangen und schon gar nicht unter der Prämisse, das wird jetzt mein Beruf. Aber irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich gespürt habe, dass das mein Ort ist. Und ich bin bereit einen relativ hohen Tribut dafür zu zahlen, hier arbeiten zu dürfen. Ich habe dann angefangen, nebenbei freischaffend so viel zu arbeiten, dass ich mir damit mein Studium finanzieren konnte. Und das habe ich dann zu Germanistik und Theaterwissenschaft gewechselt.

Worin besteht dieser Tribut?

Der Beruf ändert viel an der eigenen Lebensplanung. Für meine Freundinnen bin ich wenig erreichbar. Ich gebe mein Bestes, da zu sein, aber ich bin pro Tag praktisch zehn bis vierzehn Stunden am Theater. Das muss man irgendwie aushalten können. Aktuell bin ich in Bielefeld angestellt, aber als ich noch freischaffend gearbeitet habe, bin ich immer nur produktionsbedingt an die Häuser gekommen. In der Zwischenzeit hatte ich keinen festen Job.

Gab es Momente, in denen du stark daran gezweifelt hast, dass du so weitermachen willst?

Ja, solche Momente gab es oft. Aber ich war nie an einem Punkt, an dem ich gesagt hätte, es ist so schlimm, dass ich es nicht mehr schaffe und aufhöre. Egal wie heftige Machtstrukturen in diesem System sind, egal wie fragwürdig manche Gagen verhandelt werden, und egal, auf was für Menschen ich bei meiner Arbeit schon getroffen bin, für das Theater brenne ich. Ich sitze ganz oft in den Proben und denke mir: Krass, hierfür werde ich bezahlt, was für ein Privileg!

Arbeit am Theater gilt als sehr unsicher. Wie schwierig ist es, dort Fuß zu fassen?

Prinzipiell muss man sagen, dass alle Berufe am Theater, ob Handwerk, Dramaturgie oder Spiel gleich unsicher sind. Vor allem die Bereiche Spiel und Orchester sind hart umkämpft. Es gibt um die 20 staatlichen Schauspielschulen in Deutschland und dabei vielleicht jeweils fünf Plätze für Frauen und Männer, aber es bewerben sich Hunderte. Um dort hinein zu kommen, muss man einfach ein gewisses Maß an Talent mitbringen. Wer ins Theater will, muss dafür brennen.

Was gefällt dir an deiner Arbeit am besten?

Künstlerisch arbeiten zu dürfen und Menschen für diese Kunstform zu begeistern. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Theater ein sicherer Raum für Menschen sein kann, in dem Sexualität, Herkunft, Geschlecht und sozialer Status keine Rolle spielen. Ich kann dazu beitragen, diesen Raum zu schaffen. Und den gesamten Arbeitstag bin ich von kreativen, klugen und engagierten Menschen umgeben.

Wie kommst du an Aufträge?

Manchmal werden Assistenzen ausgeschrieben und manchmal kommt man durch Initiativbewerbungen an Stellen. Hauptsächlich läuft es aber über Kontakte. Da zeigt sich deutlich, dass die Arbeit am Theater ein solidarischer Beruf ist. Sich zu vernetzen ist wichtig.

Die Pandemie hat das Theater hart getroffen. Wie ist es dir in der Corona-Zeit bisher ergangen?

Anfang 2020 hatte ich meine Produktion verloren, aber das große Glück, weiterhin bezahlt zu werden. Ich hatte dann einen freien Sommer und konnte in Berlin zum ersten Mal in vier Jahren Pause machen. Die war sehr gut – und die war vor allem auch ziemlich notwendig.

Was willst du Theaternachwuchs unbedingt mit auf den Weg geben?

Wenn du es machen willst, dann mach es einfach. Aber sei dir bewusst, dass du wahrscheinlich schnell an einen Punkt kommen wirst, an dem du sehr erschöpft bist. Die Trennung von Beruflichem und Privatem, Arbeit und Pause, ist nicht leicht. Da sollte man sich immer vor Augen führen, dass das Theater es nicht wert ist, den eigenen Seelenfrieden aufzugeben. Ich finde aber, dass man kein dickes Fell braucht. Man sollte sich einfach selbst ernst nehmen, wissen, wofür man einsteht, und das auf eine faire Art kommunizieren. Und man sollte sich klar machen, dass es keine Entwicklung ist, die in zwei bis drei Jahren abgeschlossen ist. 

Regie- und Notizbuch hat Patricia Stövesand immer dabei: Zehn bis vierzehn Stunden verbringt sie täglich im Theater. Ein fordernder Beruf – aber auch einer, der die 24-Jährige mit großer Begeisterung erfüllt. Foto: Agnes Nagy


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