Ein Blick zurück
Montag, 23.01.2023 , 13:00 Uhr

Punks, Popper & Co. – Die Teens der 80er

Walkman auf der Poppertolle, Spandau Ballett im Ohr und die Schlaghose als Statement-Piece. Diese so genannten „Popper“, eine Jugendbewegung aus den 1980ern Jahren, orientierten sich modegeschichtlich an den britischen Mods der 1960er Jahre.

Was für eine Dauerwelle: So sah Sabine Kempfer (rechts) in den 80er Jahren aus. Foto: Sowa

Das hell erleuchtete Kinoplakat an der Wand bewirbt einen neuen Filmhit aus den Staaten, als eine Gruppe von jungen, teuer gekleideten Männern und Frauen um die Straßenecke schlendert. Einer von ihnen läuft träge hinterher, Walkman auf der Poppertolle, Spandau Ballett im Ohr.

Diese so genannten „Popper“, eine Jugendbewegung aus den 1980ern Jahren, orientierten sich modegeschichtlich an den britischen Mods der 1960er Jahre. 1979 entstand die Bewegung in Hamburger Gymnasien und breitete sich aus wie ein Fegefeuer. Viele Jugendliche aus der wohlhabenderen Mittel- und Oberschicht zählten sich zu dieser Jugendkultur. Ein „Must-have“ eines Poppers war die Mode klassischer Designer wie Burberry oder Ralf Lauren. Diese Marken dienten bereits gut situierten Schülern an amerikanischen Privatschulen als Mode: Popper feierten den Konsum in karierten Chinos, Pullundern und weißen Kragen. Anders als andere Jugendkulturen hatten die Popper keinen eigenen Musikstil, der eng mit der Bewegung verknüpft war. Sie waren leicht erkennbar an der typischen Frisur: kurze Haare, Seitenscheitel mit Pony über dem Auge. In einer von Protesten geprägten Zeit gaben sich die Popper betont gesellschaftsangepasst und sahen sie teilweise auch auf alternative Jugendbewegungen herab.

Luxus und Poppertolle

Das Aufblühen dieser Jugendkulturen wurde vor allem durch die hohe Jugendarbeitslosigkeit begünstigt. Sudmerbergerin Natascha Ehlers, geboren 1970, erinnert sich im Gespräch mit der GZ an ihre Jugendjahre zurück. Sie bestätigt: „Zu meiner Zeit hat man sich Sorgen gemacht, dass man eine Lehrstelle bekommt.“

Mehr Jugendliche denn je strömten in die Universitäten, doch bezahlbarer Wohnraum war nur sporadisch erhältlich. Auch fehlender Umweltschutz wurde nach und nach ein Problem. Da die Jugendlichen jeweils anders mit der sozialen Situation umgingen, bildeten sich viele unterschiedliche Untergruppen, mit eigenen politischen Orientierungen, Moderichtungen und Musikgeschmäckern. „Die meisten Menschen in unserer Gesellschaft leben nicht unter (...) täglicher Gefährdung; es ist deshalb nicht ungewöhnlich, dass viele, gerade junge Menschen sich stärker auf (…) ihre eigene persönliche Entwicklung konzentrieren“, schreibt Dr. Peter Glotz, Senator für Wissenschaft und Forschung in Berlin in einem Gewerklichen Monatsheft von 1980.

Die Neue Deutsche Welle

Die Neue Deutsche Welle (NDW) war zunächst bloß als eine Untergrundbewegung in Großstädten anzutreffen. Ende der Siebziger entwickelte sich das Phänomen zu einer kurzlebigen Bewegung der Massen. Abstammend vom britischen Punk und New Wave sind einige der deutschsprachigen Musikhits heute weltbekannt: Nenas 99 Luftballons landete sogar auf Platz zwei der amerikanischen Billboard Charts. Charakteristisch für die New Wavers waren Anzüge, dessen Silhouetten an die der 50er Jahre erinnerten. Vollendet wurden die Looks durch spitz zulaufende Schuhe, die Winkelpicker. Harte Gesichtskonturen wurden durch Make-up und Brillen akzentuiert und vor allem die weiblichen New Wavers trugen Dekolleté betonenden Schmuck. Besonders schockierend für die ältere Generation waren die hochtoupierten und ausrasierten Frisuren der Damen, die der peniblen Imitation des 50er Jahre Stils widersprachen.

Aus dem Punk- und New-Wave Umfeld entspross eine gesamte Schwarze Szene mit Splitterkulturen wie die Goth-Ästhetik. „Wir haben sie damals Gruftis genannt, glaube ich – diese Menschen hat man auch hier bei uns gesehen“, ergänzt Natascha mit einem Lachen.

New Wavers und verwandte Subkulturen versuchten sich so, von der Elterngeneration abzugrenzen und eine eigene Identität und Gruppenzusammenhalt aufzubauen. Werte wie Wohlstand hätte die Jugend laut Natascha eher weniger interessiert. Für sie war Unabhängigkeit ein hohes Gut.

„Wichtig waren Freunde“, meint Natascha. „Man ist immer unterwegs gewesen. Wir haben Partys geschmissen oder waren im Kino – jeder hatte seine eigene kleine Gruppe, mit der man unterwegs war. Man hat dieses Lebensgefühl von Freiheit gehabt.“

Rasierte Köpfe

Ende der 1970er Jahre, kurz nach dem Aufkommen des Punk in Deutschland, hielt die in Großbritannien entstandene Skinhead Subkultur Einzug in Deutschland. Die Skins, mit ihren rasierten Köpfen, Oi!-Musik, auffälligen Tätowierungen und Doc-Martens, wurden meist als „harte Kerle“ angesehen, mit denen man es sich nicht verscherzen sollte. Diese Außenwahrnehmung war wohl am ehesten geprägt durch die Gewaltbereitschaft, die an den Tag gelegt wurde. Die Szene hatte sich die Zurückgewinnung der Ästhetik der Arbeiterklasse aus den zwanziger Jahren zum Ziel gesetzt. Zusätzlich zur „Rebellion gegen die alltägliche Spießergesellschaft“ war die Ausrichtung einiger Skins rechtsextremistisch angehaucht.

Die Teds, abgeleitet von König Edward VII, machten vor allem durch ihren Kleidungsstil und der Liebe für authentischen Rock’n’roll auf sich aufmerksam. Die knielangen Anzugjacketts, auch Drapes genannt, waren im 19. Jahrhundert modern gewesen. Abgerundet durch einen androgynen Kleidungsstiel, inklusive Elvis-Tolle und auffällig gemusterte Westen, kam es zu Beginn des Jahrzehnts oft zu Auseinandersetzungen mit anderen Jugendkulturen. In Großstädten waren solche Bandenkriege keine Besonderheit.

Obwohl sich in Wahrheit nicht mehr als 20 bis 25 Prozent von Jugendlichen Subkulturen anschließen, sei der Einfluss von diesen Bewegungen nicht zu unterschätzen, schreibt die Bundeszentrale für politische Bildung: „Sie sind Meinungsbildner und kulturelle Vorbilder für eine große Mehrzahl an Gleichaltrigen, die sich mit keiner Jugendkultur voll identifizieren können – sich aber an diesen orientieren.“

LESEN SIE AUCH

Jane Fondas Jahrzehnt

Aber auch die jungen Menschen, welche sich keiner Subkultur zugehörig fühlten, hatten einen Look, der sich deutlich von dem der betagteren Altersklasse unterschied. Typisch war vor allem der weit verbreitete Vokuhila (vorne kurz – hinten lang) und die wilden, unbändigen Dauerwellen der jungen Frauen. Aus den USA schwappten nicht nur Hits von Musiksternchen wie Michael Jackson herüber, auch das Fitness-Fieber wurde durch Jane Fondas Videotapes bei der Jugend geweckt: „Aerobic war ganz groß – es gab diese bunten Sportklamotten“, erinnert sich Ehlers. Besonders beeinflusst wurde die junge Generation vom Release heutiger Filmklassiker der Epoche: Zurück in die Zukunft, Indiana Jones und Dirty Dancing sind Kult.

Umweltschutz im Trend

Ebenso en vogue wurde es, in Protesten und Hausbesetzungen für die eigenen Interessen einzustehen. Die Jugend sorgte sich um ihre Zukunft, und bei manchen siegte der Pessimismus – doch andere wollten anpacken. Nicht nur die Friedensgruppen der „Ökos“ oder „Alternativen“ sprachen sich infolge des Tschernobylausbruchs gegen den Bau von Kernkraftwerken aus. Natascha bestätigt: „Man hat sich echt Sorgen gemacht, dass noch mehr Atomkraftwerke gebaut werden.“ Mit öffentlichen Aktionen versuchen Friedens – und Umweltgruppen auf die Missstände hinzuweisen: „Es gab Proteste und Demos“, weiß Natascha.

Anfang des Jahrzehnts wurde das Phänomen des sauren Regens bekannt. Er sorgte für Waldsterben und beschädigte Häuser. Die DDR-Führung leugnete diese Probleme jedoch und die steigende Anzahl von Mitgliedern in oppositionellen Gruppen musste mit Verhaftungen und beruflichen Nachteilen rechnen.

Hausbesetzungen waren ein beliebtes Mittel geworden, um auf den Wohnungsnotstand aufmerksam zu machen. Studenten, Aussteiger und Drogenabhängige besetzten Häuser und setzten diese wieder instand. Bezahlbarer Wohnraum war knapp, und Altbauten wurden massenhaft entmietet, um Platz für Neubauten zu schaffen.

Dr. Peter Glotz fasste im Mai 1980 in einer Rede zusammen: „Ich bin weit entfernt davon, als orakelnder Besserwisser die ganze junge Generation als staatsverdrossen und resigniert hinzustellen. (…) Es gibt in den Gewerkschaften, den Kirchen, den Parteien, in vielen Bürgerinitiativen und freien Gruppen Beispiele von ermutigendem Engagement junger Leute. Kurz und gut: Es gibt keinen Anlass zu Verzweiflungsschreien über die junge Generation.“


Meist gelesen
Weitere Themen aus der Region
Aktuelle E-Paper-Ausgabe