Sonntag, 12.12.2021, 09:00 Uhr

Psychologin Claudia Brümmer im Interview: „Depressionen sind ein häufiges Thema“

Viele Jugendliche haben mit der derzeitigen Coronalage und der kalten Jahreszeit zu kämpfen. Symbolbild: Unsplash

Corona, Winter, Online-Unterricht: In diesen Tagen werden Jugendliche oft auf eine harte Probe gestellt. Das macht sich besonders bei der Psyche bemerkbar. Die Junge-Szene hat mit Psychologin Claudia Brümmer über die aktuellen Herausforderungen für Mensch und geist gesprochen. Was kann man dagegen tun?

Es ist Mitte Dezember. Die kalte und dunkle Jahreszeit hat viele Menschen fest im Griff. Der Wecker klingelt, es ist dunkel. Die Schul- oder Uniaufgaben sind beendet, noch immer ist es dunkel. Die Coronalage sieht auch in diesem Winter nicht besonders rosig aus und für viele Studierende rückt die Präsenzlehre wieder in weite Ferne.

Die Junge-Szene hat mit der Diplom-Psychologin der Beratungsstelle des Landkreises Goslar Claudia Brümmer über die Themen Winterdepression, Coronamüdigkeit und die erneute Onlinelehre gesprochen, und welche Auswirkungen die kalte Jahreszeit auf die Psyche hat.

Was unterscheidet eine Winterdepression von einer richtigen Depression? Gibt es da überhaupt Unterschiede?

Grundsätzlich ist es bei der Winterdepression jahreszeitenabhängig. Diese tritt dann immer eher in der dunkleren Jahreszeit auf, sprich vom Herbst bis zum Frühjahr. In der Regel sind die Beschwerden auch nicht so massiv wie bei einer stärkeren Depression im klassischen Sinne, wobei die Übergänge fließend sein können. Da muss man schon ein bisschen genauer gucken, wer einen stärkeren Leidensdruck hat. Dann würde ich immer empfehlen, das auch fachlich abklären zu lassen, ob da nicht doch noch eine stärkere Symptomatik hintersteckt. Entweder beim Arzt oder Therapeuten.

Wie entsteht eine Winterdepression überhaupt? Geht es nur darum, dass es früher dunkel wird, oder spielen da noch andere Faktoren mit rein?

Ein bisschen mag es sicherlich anlage- oder persönlichkeitsbedingt sein. Wenn jemand zum Beispiel von seiner eigenen persönlichen Verfassung schneller dazu neigt, auf verschiedene Ereignisse sensibler zu reagieren und eine negative Denkweise hat. Ist das Glas halb voll oder halb leer? Gerade wenn weniger Tageslicht vorhanden ist, bewirkt das ein Ungleichgewicht der Hormone und Botenstoffe im Gehirn. Das kann wiederum Auswirkungen auf die Wahrnehmung, Gefühlslage und das Verhalten haben. Wenn dann beispielsweise noch dauerhafter Stress, kritische Lebensereignisse oder pandemiebedingte Einschränkungen gegeben sind, dann ist man natürlich empfänglicher für so eine Art „November Blues“ oder Winterdepression.

Wir leben seit fast zwei Jahren in einer Pandemie. Jugendliche hatten lange Homeschooling und Onlineunterricht. Für viele Studierende ist die Onlinelehre jetzt auch tatsächlich wieder Alltag geworden. Was macht das mit den Gemütern und der psychischen Verfassung von Jugendlichen?

Es fehlen halt bestimmte Sachen. Die persönlichen Kontakt- und Interaktionsmöglichkeiten sind deutlich eingeschränkt, und finden vorwiegend nur über die verschiedenen Medien statt. Es ist etwas anderes, als wenn man persönlichen Kontakt haben kann. Zum Beispiel sind die jetzt neugeborenen Kinder relativ isoliert aufgewachsen. Einige haben noch nicht mal ein anderes Kind kennengelernt. Pandemiebedingt fehlen Sozialisationsmöglichkeiten, und Angebote soziale Kompetenzen zu erwerben. Für die Kinder und Jugendlichen fehlen oftmals Freizeitangebote, die Freude und Glücksgefühle auslösen können.

Psychologin Claudia Brümmer. Foto: Otte

Es sind Einschränkungen, die man sich nicht selber ausgesucht hat, sondern die von außen kommen. Hier bedarf es persönlicher Ressourcen zur Gestaltung eines relativ zufriedenstellenden Lebens, um mit den Einschränkungen zurecht zu kommen.

Untersuchungen haben bereits gezeigt, dass die Pandemie bei dem einen oder anderen auch langfristig zu psychischen Problemen, wie zum Beispiel Depressionen, Angstzuständen oder auch psychosomatischen Reaktionen führen kann.

Glauben Sie, dass es bei Jugendlichen irgendwann zu einer Trotzhaltung kommen kann, wenn sich die Lage in absehbarer Zeit nicht verbessert?

Das kann ich schlecht einschätzen. Es hängt immer vom Einzelfall ab. Wie ist jemand grundsätzlich aufgewachsen? In welchem Umfeld? Gibt es verlässliche Beziehungen? Welche Ressourcen hat jemand? Welche Handlungsstrategien hat jemand entwickelt? Wie geht jemand mit solchen Zeiten um? Welchen Blickwinkel hat jemand? Wird alles nur negativ, oder auch positiv gesehen?

Vielleicht hilft es auch, in die Zukunft zu schauen: Es gibt in den Sommermonaten bestimmt wieder eine Zeit, wo mehr möglich sein wird und wo einige schon jetzt ein bisschen Kraft schöpfen können, indem sie Pläne schmieden und sich schöne Dinge vornehmen.

Wenn etwas plötzlich nicht mehr geht, merkt man erst, wie wichtig die Dinge sind, die einem gut tun und die man machen kann, wenn man keine Einschränkungen hat. Oft sind das tatsächlich die kleinen Dinge im Leben.

Einige entdecken jetzt vielleicht auch das ein oder andere für sich neu. Wenn sie merken: okay das geht jetzt nicht, dann probiere ich jetzt mal was aus, was ich vielleicht vorher noch nie oder nur selten gemacht habe. Sei es etwas ganz Einfaches, dass jemand sich mal wieder ein Buch vornimmt, zeichnet oder musiziert. Oder man beginnt damit, ganz neue Sachen zu entdecken.

Diese Möglichkeiten können einem davor auch noch gar nicht bewusst gewesen sein. Viele müssen erst lernen, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Durch das Überangebot, was die meisten Menschen gewöhnt sind, fühlen sie sich jetzt deutlich eingeschränkter. Entschleunigung kann aber auch etwas Positives sein.

Haben Sie ein Stimmungsbild von den Jugendlichen im Landkreis, wie es ihnen momentan so geht?

Ich erlebe bei meiner Arbeit natürlich überwiegend Jugendliche, die Probleme haben. Von daher kann ich jetzt nicht auf alle schließen. Was uns doch auffällt, ist, dass zunehmend mehr Jugendliche entweder sich selber melden oder über Eltern angemeldet werden. Auch mit den genannten Schwierigkeiten. Beispielsweise mit sozialen Ängsten oder auch insbesondere mit depressiven Verstimmungen, mit selbstverletzendem Verhalten, psychosomatischen Reaktionen, mit Lernstörungen und mit Konzentrationsproblemen.

Depressionen sind ein häufiges Thema. Viele Probleme haben sich mit dem Homeschooling und dem dadurch fehlenden Anschluss in der Schule entwickelt. Da merken wir schon, dass es coronabedingt zunehmend mehr Anmeldungen, auch mit Schwierigkeiten im Lern- und Leistungsbereich gibt.

Gibt es etwas, dass Sie sich in der kommenden Zeit von der Politik für Jugendliche wünschen würden?

Es müssen Angebote für Kinder und Jugendliche geschaffen werden, damit sie sich weiter gut entwickeln können. Außerdem muss jeder Hilfe und Unterstützung bekommen, der sie braucht.

Haben Sie konkrete Tipps oder Anregungen, wie die Stimmung trotz der derzeitigen Situation und den oft dunklen und kalten Tagen gehoben werden kann?

Ich glaube, wichtig ist, dass jede und jeder mal guckt, was man hat und nicht, was man nicht hat. So können auch Selbstzufriedenheitserlebnisse geschaffen werden. Es ist nicht der richtige Blickwinkel, gerade in der Pandemie, immer nur zu schauen, was kann ich nicht, was darf ich nicht. Sondern was habe ich, was kann ich neu entdecken, welche Dinge haben mir schon in der Vergangenheit gut getan. Ganz wichtig ist, auch trotz der Pandemie, Kontakte zu anderen zu pflegen. Jemand der viel mit sich alleine ist, sollte gucken, wo es verlässliche, warmherzige Beziehungen zu anderen gibt, die einem gut tun und auch gebraucht werden.

Grundsätzlich hilft es immer, einen strukturierten Tagesablauf zu haben. Dabei sollte auf eine gesunde Balance zwischen Pflichten und angenehmen Tätigkeiten geachtet werden. Es soll Zeit zum Spielen, Genießen, Ausprobieren und Lernen sein. Das ist ganz wichtig.

Was auch positive Auswirkungen haben kann, ist, dass man sich jeden Tag mindestens drei Positive Aspekte des erlebten Tages bewusst macht. Eine Liste angenehmer Ereignisse kann entwickelt werden.

Was sind Dinge, die mir guttun? Das kann man auch am Tag durch Selbstbeobachtung neu für sich entdecken. Eine andere Möglichkeit wäre auch tatsächlich zu gucken, was ich mir für den Jahreswechsel vornehme. Dabei kann man sich aufschreiben, auf welche Ereignisse man sich besonders freut, welche Menschen man nach dem kalten Winter endlich wieder sehen kann und einfach Pläne schmiedet für den nächsten Urlaub. Auch farbige Kleidung oder helles, buntes Licht kann schon zu einer anderen Gemütslage führen.

Eine ausgewogene Ernährung ist auch immer ganz wichtig. Genauso wie Bewegung im Freien. Und da wo es möglich ist, können Zeiten genutzt werden, um tatsächlich etwas Sonnenlicht zu tanken.

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