Parolenklau bei Impfgegner-Demos: Lilly Kleinkauf von Fridays for Future im GZ-Interview

„Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“ – Fridays for Future nutzt diese Parole gerne für sich. Doch in Goslar werden diese und andere Sätze nun von den „Montagsspaziergängern“, die gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren, benutzt. Archivfoto: Neumann

"Wir sind hier, wie sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut" - nur einer der Sprüche, die bei Fridays-for-Future-Demonstrationen gerufen wird. Doch kürzlich hörte man den Spruch - nur minmal abgewandelt - aus einer anderen Ecke: bei den Montagsdemonstrationen der Corona-Skeptiker. Die Fridays-for-Future-Organisation Goslar distanziert sich ausdrücklich davon, wie Lilly Kleinkauf im GZ-Interview erklärt.

Vor rund zwei Wochen wurden bei der Montagsdemonstration der Corona-Skeptiker in Goslar lautstark Sprüche gerufen, die sonst eigentlich in einem anderen Kontext bekannt sind. Nämlich von den Fridays-for-Future-Demonstrationen. Die 16-jährige FFF-Aktivistin Lilly Kleinkauf spricht im Namen der Fridays-for-Future-Organisation Goslar mit der Jungen Szene über die Vorkommnisse der kopierten Sprüche.

Wie seid ihr darauf aufmerksam geworden, dass bei einer Corona-Demonstration die Sprüche der Fridays-for-Future-Organisation verwendet wurden?

Ich habe das nur mitbekommen, weil ich einen Artikel in der Zeitung gelesen habe. Von uns war natürlich niemand bei der Montagsdemonstration. Dann habe ich gelesen, dass bei der Demonstration unsere Sprüche nicht nur einfach benutzt, ich würde schon sagen: missbraucht wurden – in wenig bis gar nicht abgewandelter Form. Das ist in anderen Ortsgruppen bei diesen Spaziergängen tatsächlich auch schon vorgekommen. Wir wollen uns ganz klar davon distanzieren und klarstellen, dass wir nicht dahinterstehen. Wir finden es unangebracht, dass Leute, mit denen wir so wenig am Hut haben, einfach unsere Sprüche für ihre Sache verwenden.

Um welche Sprüche handelt es sich dabei genau?

Vor allem handelt es sich um den Spruch „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Dieser Spruch wurde bei den „Spaziergängen“ fast eins zu eins wiedergegeben. Nur haben sie „klaut“ durch „raubt“ ersetzt. Das ist einfach genau der Spruch, mit dem man Fridays for Future in Verbindung bringt. Das war einer der ersten Sprüche, und wir wollen durch diese Kopie nicht mit den „Spaziergängern“ in Goslar in Verbindung gebracht werden.

Ist so etwas in der Region das erste Mal passiert, oder kam dieser „Sprücheklau“ schon öfter vor?

Das weiß ich nicht. Wir haben nur vor rund zwei Wochen in der Zeitung gelesen, dass dieser Spruch verwendet wurde. Es kann natürlich gut sein, dass das schon öfter vorgekommen ist, aber von uns nimmt natürlich niemand an diesen „Spaziergängen“ teil, daher wissen wir nicht, was dort alles gesagt wird.

Gibt es irgendetwas, das ihr als Friday-for-Future-Team den Spaziergängern sagen wollt?

Ja. Ich glaube, kritisches Hinterfragen von Maßnahmen ist immer angebracht. Das machen wir ja auch. Aber es geht nicht, dass Verschwörungstheoretiker und Rechtsradikale in den eigenen Reihen akzeptiert werden. Und vor allem geht es nicht, dass man wissenschaftliche Fakten leugnet – Fridays for Future ist nun mal eine faktenbasierte Bewegung. Daher ist es uns auch ganz wichtig, dass die Leute die Wissenschaft ernst nehmen, weil der Klimawandel auch auf wissenschaftlichen Fakten basiert.

Wir haben auch jetzt, während Corona, von der Politik gemerkt, man sollte die Wissenschaft ernst nehmen – und zwar die komplette Gesellschaft. Wenn solche Leute unsere Sprüche missbrauchen, versuchen sie, sich mit Fridays for Future und unserem Anliegen, sprich Klimaschutz und Klimagerechtigkeit, auf eine Stufe zu stellen. Ganz nach dem Motto: ihre Freiheit werde durch Corona-Maßnahmen genauso eingeschränkt wie die Freiheit der jungen und zukünftigen Generation durch das Unterlassen dringend notwendiger Klimaschutzmaßnahmen.

Gibt es etwas, das ihr in die Wege leiten wollt, solle das noch einmal vorkommen?

Ja, wir sind im Gespräch mit verschiedenen Jugendorganisationen und auch „Bündnis gegen Rechts“, und wir planen, eine Aktion zu machen mit verschiedenen anderen Bündnispartnern.

Habt ihr schon Ideen, was für eine Aktion das werden soll?

Ja, wir wollen auf jeden Fall gerne eine Kreide-Aktion machen. Das kann man immer gut machen, denn verantwortungsbewusste Menschen machen zu diesen Zeiten gerade keine großen Demonstrationen. Wir sind auch gerade eher mit der Politik im Gespräch, agieren praktisch im Hintergrund und planen auch Nachhaltigkeitstreffen. Bei uns ist erst mal so eine Art Kreide-Aktion im Kopf. Natürlich gibt es auch noch dieses Statement und weitere Möglichkeiten, sich gegen solche Leute starkzumachen.

Was kann ich mir unter einer Kreide-Aktion vorstellen?

Das haben wir schon öfter gemacht. Bei zum Beispiel globalen Klimastreiks. Dann schreiben wir einfach passende Sprüche mit Kreide auf belebte Straßen. Mit dieser Aktion können wir einfach und effektiv auf die Leute und die geklauten Sprüche aufmerksam machen. Auf den Routen, wo die „Spaziergänger“ langgehen, können wir dann klarstellen, dass das nicht Fridays for Future ist.

Habt ihr euch schon überlegt, was es für Sprüche sein sollen?

Jein. Also was wir immer ganz gerne mögen ist: „Gegen den Klimawandel gibt es keinen Impfstoff, gegen Corona schon“. Das steht ganz einfach dafür, dass wir beiden Krisen begegnen müssen, aber gegen Corona gibt es eine Möglichkeit. Nämlich, sich impfen zu lassen. Was auch solidarisch sehr sinnvoll ist.

Wir sammeln auch gerade noch Ideen, weil uns das ganz einfach gegen den Strich geht, dass Leute uns mit den Corona-Demonstrationen in Verbindung bringen. Wir können diesen Vergleich einfach nicht hinnehmen. Daher ist es uns sehr wichtig, solche Vergleiche zu unterbinden.

Die Klimakrise und die Coronakrise sind beides Krisen, die effektiv bekämpft werden müssen.

Wurdet ihr als Fridays-for-Future-Organisation durch die Verwendung eurer Sprüche schon mit den Montagsdemonstrationen in Verbindung gebracht?

Das weiß ich nicht. Das Problem ist nur, wenn ich zum Beispiel in die Stadt gehe und diese Sprüche höre, dann denke ich erst mal an Fridaysfor Future und nicht an Impfgegner. Daher müssen wir uns davon einfach distanzieren.


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