Montag, 29.11.2021, 20:00 Uhr

Nach dem Abitur ins Ausland: Antonia Batzdorfer berichtet über ihre abenteuerliche Reise nach Chile

Mit ihrer Cousine Pamela tanzt Antonia Batzdorfer auf der bunten Straße in Santiago de Chile. Fotos: Privat

Nach dem Abitur studieren? Ja gerne, aber nicht sofort. Antonia Batzdorfer aus Goslar hat dieses Jahr ihr Abitur am Ratsgymnasium gemacht und ist nun auf einem anderen Kontinent. Sie hat sich für ein Abenteuer in einem Land mit Sandstränden, Vulkankratern, malerischen Seen und Gletschern sowie gigantischen Gebirgen und Wüsten entschieden: eine Reise in das schmalste und längste Land der Welt, nach Chile.

Die Straßenkunst ist ein Highlight in Arica, der nördlichsten Stadt Chiles.

Derzeit wohnt sie in Arica, der nördlichsten Stadt Chiles, die von Wüste umgeben ist. Von dort aus möchte sie Chile ungefähr ein halbes Jahr, vom Norden bis in den Süden erkunden und auch einige Praktika absolvieren. Antonia Batzdorfer erzählt von den Vorteilen einer Auslandsreise, warum sie sich dafür entschieden hat und von vielen Erlebnissen sowie Erfahrungen, die sie in dem ersten Monat in Chile sammeln konnte.

Für Dich war schon während der Schulzeit klar, Du möchtest nicht sofort studieren. Warum hast Du Dich dagegen entschieden?

Nach 13 Jahren Schule konnte ich mir nicht vorstellen, gleich wieder in den akademischen Bereich zu gehen. Ich wusste noch gar nicht, was ich genau machen möchte, und habe nach der stressigen Zeit in der Schule erst einmal etwas Ruhe und Abwechslung gebraucht. Wegen Corona konnten auch nicht so viele Berufsmessen stattfinden, wodurch man weniger Einblicke in verschiedene Berufe bekommen hat.

Nach dem Abitur reisen viele durch Europa, in die USA oder nach Neuseeland. Wie bist Du auf die Idee gekommen, nach Chile zu reisen?

Ein Grund dafür ist, dass ich schon immer vorhatte, nach dem Abitur ins Ausland zu gehen. Geplant war eigentlich ein freiwilliges soziales Jahr, worüber ich mich auch schon auf Vermittlungsseiten informiert hatte, aber leider war das wegen Corona mit den Bewerbungen und der Planung nicht so einfach. Ich habe mich dann für eine Reise nach Chile entschieden, weil dort die Einreise mit meiner chilenischen Staatsbürgerschaft auch während Corona möglich ist. Diese besitze ich, weil meine Mutter in Chile geboren ist und längere Zeit auch dort gewohnt hat. Deswegen lebt ein großer Teil von meinen Verwandten in Chile, die ich seit 2015 nicht mehr gesehen habe und gerne wieder besuchen möchte.

Was hast Du neben dem Besuch Deiner Verwandten noch geplant?

Ich möchte viel durch das Land reisen, weil vom Norden bis in den Süden die Kultur und die Landschaft so vielseitig sind. Außerdem habe ich auf jeden Fall vor, einige Praktika zu machen, deswegen bin ich momentan an einer Montessori-Schule und helfe dort bei Schulprojekten, fahre mit auf Ausflüge und schaue beim Unterricht zu. Da finde ich es besonders interessant, dass in der Schule mehrere Schulpsychologen arbeiten, weil mich das psychologische Berufsfeld interessiert. Danach plane ich auch noch weitere Praktika im naturwissenschaftlichen Bereich.

Gibt es ein Praktikum, auf dass Du Dich besonders freust?

Ein Praktikum im biologischen und botanischen Bereich an der Uni in Concepción, weil ich mir vorstellen könnte, nächstes Jahr ein naturwissenschaftliches Studium in Richtung Biologie und Chemie zu beginnen. Deshalb wäre ein weiteres Praktikum im Labor bei meiner Cousine, die Doktorin der Chemie ist, bestimmt auch spannend.

Siehst Du neben der Berufsorientierung noch weitere Vorteile an Auslandsreisen?

Reisen gibt einem die Chance, neue Einblicke zu bekommen, eine fremde Kultur kennenzulernen oder eine andere Sprache zu lernen und zu verbessern. Außerdem hat man noch mal einen anderen Blickwinkel auf sein Leben, wenn man sieht, wie die anderen Menschen leben. Das lässt einen auch offener werden, weil man jeden Tag etwas Neues sieht und lernt, alles nach dem Motto „go with the flow“. Ich merke auch, wie wenig Dinge man wirklich braucht, da mein gesamtes Gepäck in einen Koffer passen musste. Zu Hause hat man seinen ganzen Berg an Kleidung, aber auf Reisen stellt man fest, dass man viel minimalistischer leben kann.

Glaubst Du auch, dass Du durch das Reisen selbstständiger werden wirst?

Auf jeden Fall, weil man in der Schulzeit immer die Eltern an der Seite hatte, die auch viel für einen gemacht haben. Jetzt muss ich mich um mich selbst kümmern und viel selber organisieren. Außerdem wird das Selbstbewusstsein gestärkt, weil man in einer anderen Sprache, die man nicht perfekt spricht, Gespräche führen und auch Probleme lösen muss. Das bereitet einen glaube ich gut auf das selbstständige Leben und Lernen im Studium vor.

Gab es schon Probleme und Herausforderungen, die Du bewältigen musstest?

Gleich schon auf dem Hinflug ist mein Handgepäck in Madrid abhandengekommen und ich musste innerhalb einer halben Stunde überlegen, ob ich auf den nächsten Flieger 24 Stunden warte, oder ohne Brille und andere wichtige Gegenstände weiterfliege. Diese Entscheidung zu treffen, trotzdem weiter zu fliegen, war auf jeden Fall eine Stresssituation. Zum Glück hat sich das aber durch viel hin-und-her-telefonieren geklärt, sodass alle Sachen, zwar mit Verspätung, aber heile bei mir angekommen sind.

Ist für Dich das Reisen in Zeiten von Corona eine Herausforderung?

Die allgemeine Maskenpflicht, sobald man aus dem Haus geht, ist während der Sommerzeit bei30 Grad natürlich nicht so angenehm. Einige Geschäfte haben noch geschlossen, und es gibt durch die Personenbeschränkungen lange Warteschlangen. Es wird bei jedem Laden und öffentlichen Gebäude deine Temperatur gemessen und sehr aufmerksam auf Desinfektion geachtet. Es gibt also noch viele Einschränkungen, aber man gewöhnt sich daran. Die Infektionslage verbessert sich sogar langsam, weil schon relativ viele Menschen, die dritte Corona-Impfung erhalten haben.

Gab es noch andere Situationen, an die Du Dich erst einmal gewöhnen musstest?

Zuerst an das Großstadtleben in Santiago, weil man nicht wie in Goslar mit dem Fahrrad alles erreichen kann, sondern sehr auf das Auto oder die U-Bahn angewiesen ist. Außerdem sollte man deutlich vorsichtiger sein, weil es auf den Straßen durch viele Überfälle auf Autos und Passanten viel gefährlicher ist. Deshalb gehe ich abends nicht alleine und nie ohne eine Bauchtasche aus dem Haus, da aus Handtaschen oder direkt aus deiner Hand das Handy oder andere Wertsachen geklaut werden können. Kinder werden zur Sicherheit fast immer mit dem Auto zur Schule gefahren und durch die höhere Kriminalität leben viele Menschen in Gated Communities, das heißt Zäune und Sicherheitsbeamten schützen die Wohnsiedlungen. Ich merke schon, dass hier die Schere zwischen Arm und Reich sehr weit auseinandergeht.

Was würdest Du Dir gerne aus Chile nach Deutschland wünschen?

Da fallen mir gleich zwei Sachen ein: Einmal Mercados und Ferias, das sind Straßenmärkte, die aber viel diverser sind. Die Vielfalt an Obst und Gemüse ist einfach ein Traum! Nur den Medikamentenwagen, der dir Medikamente für billig andreht, sollte man vielleicht nicht mitnehmen. Das Zweite ist, welches mit den Märkten aber auch zusammenhängt, dass sich alle Menschen in einem Viertel Nachbarn nennen. ‚Hallo Nachbar, hallo Nachbar!‘ Alle begrüßen sich so unterwegs auf den lauten und belebten Märkten oder im Viertel. Das finde ich schön, weil das die Offenheit und Gastfreundlichkeit der Menschen widerspiegelt. Ein Gespräch ist so viel persönlicher. In Deutschland empfinde ich oft, dass die Menschen in der Stadt reservierter und verschlossener sind.

Könntest Du Dir vorstellen, auch mal für längere Zeit in Chile zu wohnen?

Ja, auf jeden Fall könnte ich mir das vorstellen. Aber ich möchte erst einmal in Deutschland studieren, weil in Chile die Studiengebühren viel höher sind. Ich mag das Land und die Kultur. Ich sehe mich schon in Zukunft für längere Zeit hier.

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