Schreiben als Beruf
Dienstag, 23.05.2023 , 17:00 Uhr

Künstler „Tschief“ (30): „Mich verunsichert diese Asymmetrie“

Der Instagram-Künstler Sebastian Becker alias „Tschief“ spricht im exklusiven GZ-Interview über plötzliche Prominenz, Panikattacken und seine Jugend in Salzgitter. Seine rund 100.000 Follower haben ihm einen unerwarteten Karrierewechsel ermöglicht.

Mit Sprüchen im Internet verdient Sebastian Becker alias „Tschief“ seinen Lebensunterhalt. Oft geht es um Trauer und Liebe.

Mit Sprüchen im Internet verdient Sebastian Becker alias „Tschief“ seinen Lebensunterhalt. Oft geht es um Trauer und Liebe. Foto: Emma Oehl

Eine weiße Kachel, ein Spruch in krakeliger Schrift und jede Menge Gefühle. Das sind die Markenzeichen von Sebastian Becker, dessen Instagram-Account @tschieftschief rund 100.000 Follower inspiriert. Mittlerweile lebt er von den Verkäufen seiner Kunstdrucke und Kleidung. Im GZ-Interview spricht der Ex-Salzgitteraner über die Tücken des plötzlichen Erfolgs, das Leben mit Panikattacken und den Kitsch der deutschen Sprache.

Für jemanden, der Dich nicht kennt: Wie würdest Du beschreiben, was Du machst?

Ich habe früher viel gezeichnet und Sachen dazu geschrieben. Irgendwann bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es schneller geht, zu schreiben, als es extra zu malen. Und dann habe ich fast nur noch geschrieben. Das, was ich schreibe, wurde mal als „Kalendersprüche für Millenials“ beschrieben oder „Wandtattoos für Gen-Z“. Ich wurde immer mal wieder in die Insta-Poesie-Ecke gesteckt und ich glaube, da passe ich auch ganz okay rein. Auch wenn ich nicht so gut reimen kann, wie die meisten da, und meine Texte viel kürzer sind.

Du hast auf Instagram fast 100.000 Follower. Wie stehst Du zu dem Begriff „Influencer“?

Ich verstehe es bei der Account-Größe, da einsortiert zu werden. Aber ich mache ja wenig Vlog-Content über meinen Alltag und bewerbe auch keine fremden Produkte, ich vermarkte nur meine eigenen. Ich würde da versuchen, mich abzugrenzen, aber es kränkt mich auch nicht.

Hattest Du schon immer vor, Kunst zum Beruf zu machen oder ist das einfach geschehen?

Das war immer nur ein Hobby und nie Berufsperspektive. Den Instagram-Account habe ich seit 2013 oder seit 2014. Im Studium war es cool, den zu haben. Wenn ich pleite war, konnte ich über die Story ein paar beschriebene Zettel für 10 Euro verkaufen. Und dann konnte ich abends in die Kneipe gehen, war nicht mehr pleite und hatte 30 Euro. Aber der Account war für mich nie eine realistische Berufsperspektive. Der hatte auch nach acht Jahren erst 3000 Follower. Es wäre utopisch gewesen zu glauben, das würde etwas werden, wovon ich leben kann. Beruflich war eigentlich schon alles ganz klar mit einer Marketing-Karriere.

Was ist dann passiert, dass Du jetzt doch hauptberuflich Kunst machst?

Es ging nicht mehr anders, ich hatte keine Zeit mehr für den Beruf neben der Kunst. Der Account hat Anfang 2022 auf einmal sehr schnell angefangen zu wachsen, sodass er kurz vor Weihnachten bei 90.000 Followern war. Es war schon im Sommer so, dass ich meinen Webshop, nicht mehr alleine erledigen konnte.

Ich bin morgens aufgestanden, habe kurz Instagram gemacht, dann bin ich ins Büro gefahren, habe in meinem normalen Beruf gearbeitet, bin abends nach Hause und habe Prints verpackt. Irgendwann kam ich mit dem Verpacken nicht mehr hinterher und habe angefangen, wieder Panikattacken zu bekommen. Dann habe ich den Webshop abgestellt und mir dafür Hilfe geholt. Danach wurde die Arbeit aber gar nicht so viel weniger, weil ich ja weiter Druckdateien erstellen und Texte schreiben musste.

Ich musste mich auf einmal mit Steuerthemen beschäftigen. Was vorher an Logistik-Kram viel Zeit gefressen hat, war dann auf einmal Business-Kram, der dazu kam. Zum Jahreswechsel habe ich dann meinen Job gekündigt und mich selbstständig gemacht und mit dreißig Jahren einen sehr überraschenden Karrierewechsel gemacht. Von „irgendwas mit Marketing“ zu „irgendwie in der Schreib-Bubble bei Instagram“.

Erinnerst Du Dich an den ersten Beitrag, der durch die Decke ging?

Die allerersten beiden Posts, die durch die Decke gingen waren 2018 oder 2019. Und zwar einmal „Warum ich Philipp Amthor scheiße finde“ und einmal ein Text über Friedrich Merz. Damit ist der Account nicht groß gewachsen, das war aber das erste Mal, dass ich Sachen hatte, die viral gegangen sind. Das war erst ab 2021, dass ein Post nach dem anderen immer mehr Likes bekam und immer mehr Reichweite.

Es waren gar nicht einzelne Posts, die so krass herausgestochen sind, sondern der ganze Account ist durch die Decke gegangen. Auch im Vergleich zu anderen Accounts hat der Algorithmus mich sehr gepusht. Weshalb er das gemacht hat, weiß ich nicht. Das ist viel Glück, was dazugehört.

Es hat auch beim Wachsen geholfen, dass ich von Englisch auf Deutsch gewechselt habe. Vorher habe ich auf Englisch geschrieben, weil ich Deutsch so peinlich fand und uncool. Gerade beim Schreiben über Liebe oder Angst war mir das lieber, eine „Coolness-Barriere“ zu haben und dafür war Englisch gut. Englisch ist Pop-Musik und Deutsch ist Schlager.

Was hat sich dann geändert?

Im Herbst 2021 ist mein Vater verunglückt und ich habe viel über Trauer geschrieben. Da fand ich zum ersten Mal diese Sprach-Distanz oder Coolness-Barriere störend. Ich wollte ja nicht cool sein in meiner Trauer, sondern traurig. Ich wollte einfach über das schreiben, was ich fühle und wie ich es fühle, und habe angefangen, auf Deutsch über das Trauern und das Vermissen zu schreiben.

Da habe ich auch zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, dass ich nicht die Deutungshoheit habe über die Texte, die ich ohne Kontext veröffentliche. Für mich hat ein Text ausgesagt: „Ich vermisse meinen verstorbenen Vater.“ Da hat sich dann ein Pärchen darunter markiert, das eine Fernbeziehung führt, und das sich auch vermisst. Aber inzwischen mag ich das gerne, wenn sich viele Leute in den Texten wiederfinden.

Wenn die Texte so allgemein gehalten sind, kannst Du dann einschätzen, bei welcher Gruppe deine Kunst am besten ankommt oder ist das ganz divers?

Die Zielgruppe ist relativ klar. Etwas über 80 Prozent der Menschen, die mir folgen sind Frauen und insgesamt ist die Zielgruppe zwischen 16 und 32 Jahren alt, der Hauptteil zwischen 18 und 24 Jahren. Ich glaube, dass das sehr mit der Art zu tun hat, wie diese Generation Social-Media benutzt. Ich bin groß geworden mit „Mach keine Sauf-Fotos bei Facebook rein, sonst kriegst Du niemals einen Job.“ So hatte ich meine ersten Erfahrungen mit Social-Media, von daher hat man das sehr kuratiert gemacht. Influencer hatten sehr perfekte Leben und jeder hat nur Fotos von Kaffee und seinem Urlaub bei Instagram gepostet. Diese Angst ist bei der Generation, die nach mir kommt, nicht mehr so da. Die verfälschen sich nicht mehr so. Und sie sind da, glaube ich, ehrlicher auf Social-Media unterwegs. Das ist auch eine Kultur, in die meine Texte reinpassen. Nicht „Das Leben ist gut, alles ist geil und ich mache jetzt Urlaub auf Bali“, sondern: „Ich habe eine Angststörung, damit geht’s mir nicht so gut, ich vermisse wen oder ich liebe jemanden.“

Du sprichst öffentlich über Deine Angststörung. Das Wichtigste zuerst: Wie geht es Dir gerade?

Okay. Ich hatte letzte Woche eine Ausstellung in Hamburg, die sehr schön, aber auch überwältigend war. Immer wieder von Leuten angesprochen zu werden auf das, was ich im Internet mache, das passiert sonst hin und wieder mal in der U-Bahn, aber nicht in der erwartbaren Dichte, in der es auf der eigenen Ausstellung ist.

Ich bin da für Menschen auf eine komische Art ein Promi, aber ich habe doch eigentlich erst seit einem halben Jahr einen Instagram-Account, der groß ist. Das ist alles für mich neu. Es fällt mir schwer, mich daran zu gewöhnen und das auch zu verstehen. Mich verunsichert diese Asymmetrie: Da sind Menschen, die irgendeine Bindung oder Beziehung zu mir haben, aber ich kenne sie nicht. Da war die Ausstellung eine gute Konfrontationsübung. Meine Therapeutin ist sehr stolz auf mich und ich bin auch stolz auf mich.

Schlägt sich Deine jeweils aktuelle Gefühlslage direkt in der Kunst nieder? Oder produzierst Du vor und lädst Deine Beiträge nach Plan hoch?

Ich habe keine Texte auf Halde, aber ich habe eine sehr volle Notizen-App. Da landen ab und zu Sachen und dann setze ich mich ab und zu hin zum Texteschreiben und gucke, was ich habe. Manchmal wird auch aus einer Idee von vor fünf Jahren ein Text, weil ich gebraucht habe, eine Formulierung zu finden, die ich schön finde. Es ist selten so, dass ein Post ein tagesaktuelles Gefühl ist. Gerade auch die Texte zur Trauer: Ich habe nach dem Tod meines Vaters erst einmal nichts gepostet, weil ich natürlich mit anderen Dingen beschäftigt war.

Aber generell: Man muss ja nicht Spaghetti Bolognese essen, um zu wissen, wie es schmeckt. Und genauso muss ich nicht in einer Beziehung sein, die zu Ende geht, um zu wissen, wie sich das anfühlt. Ich muss das nicht jetzt gerade durchmachen, um darüber schreiben zu können.

Was ist das für ein Gefühl, wenn sich fremde Menschen Tattoos mit Deinen Motiven stechen lassen?

Wenn es digital bleibt, bleibt es wie die Like-Zahlen abstrakt und absurd. Krass ist es immer, Leute zu treffen, die ein Motiv tätowiert haben. Ich habe jetzt sechs oder sieben Leute getroffen, die sich Motive von mir haben stechen lassen. Das war krass, das in echt auf der Haut zu sehen. Es ist ein sehr schönes Gefühl und eine große Wertschätzung.

Sind schon weitere Projekte wie die Ausstellung in Aussicht?

Ich möchte im Spätsommer oder Frühherbst mit Tilmann Schanze, mit dem ich die Ausstellung gemacht habe, noch einmal in Berlin ausstellen. Da sind wir gerade auf der Suche nach einem Ort und einem Termin.

Du bist in Salzgitter aufgewachsen, kennst aus Schulzeiten den Youtuber Marti Fischer. Was macht Salzgitter richtig, dass so viele kreative Köpfe von dort kommen?

Salzgitter hat mich auf jeden Fall früh zum Schreiben und zur Kunst gebracht, weil ich mich von Salzgitter abgrenzen wollte. Das hört sich sehr gemein an, aber Salzgitter motiviert ganz gut zum Wegkommen. Es ist schon eher ein Fluchttrieb gewesen. Ich habe mich immer mehr in Braunschweig, in Cafés und Schallplattenläden, wohlgefühlt.

Salzgitter ist ja nicht weit vom Harz entfernt. Hast Du eine Verbindung dahin?

Ja, ich war als Kind da oft wandern, oftmals auf den Brocken, weil ich den Harz sehr liebe, den Bach am Goetheweg zum Beispiel. Optisch ist es mittlerweile im Harz natürlich krass. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt, aber trotzdem sehe ich, wie sich der Wald verändert durch Umwelteinflüsse und den Borkenkäfer. Ich war früher aber auch viel in Goslar, weil meine Großeltern da im Altenheim waren.

Das klingt, als hätten wir eine Chance, Dich hier einmal im Wald zu treffen.

Das klingt wahrscheinlich doof und kitschig, aber ich merke, dass ich Wald total vermisse. Ich bin in letzter Zeit immer nur von einem Bahnhof zu irgendeinem anderen großem Stadtbahnhof gefahren. Berlin, Hamburg, Köln, Braunschweig. Auf den Zugfahrten habe ich gerade im Brandenburger Umland diese ganzen Nadelwälder gesehen mit richtig viel Moos unten. Seit zwei Monaten ist ein krasser Wunsch in mir drin: „Ich möchte da unbedingt stehen.“ Und neulich hat mich eine Freundin gefahren, auch durch die Wälder. Da habe ich auf wieder gemerkt: „Ich will in diesem doofen Wald stehen.“ Immer nur Stadt, Straße und Asphalt nervt. Ich will Moos.

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