Montag, 01.02.2021, 17:25 Uhr

Goslarer Abiturienten lernen lieber in der Schule als zu Hause

Momentan lernt Charlotte Reul (18) noch für die Vorabiklausuren, in wenigen Monaten stehen die Abiturprüfungen an. Ob sie diese wie geplant schreiben kann, weiß noch niemand. Foto: Brabanski

Adrian Beichler (18) lernt nur ungern in Distanz. Derzeit hat er aber keine andere Wahl: Ein Mitschüler wurde positiv auf das Corona-Virus getestet, bis Freitag soll der gesamte 13. Jahrgang im Home-Schooling bleiben. Foto: Dämgen

Goslar/Bad Harzburg. Das waren noch Zeiten: Als Schüler jubelten, wenn der Unterricht einmal ausfiel und es zu schön um wahr zu sein gewesen wäre, sich einfach so vom Unterricht befreien zu lassen. Jetzt ist es passiert – der Jubel bleibt entsprechend der Umstände aus. Das Infektionsgeschehen hat das niedersächsische Kultusministerium dazu veranlasst, die Präsenzpflicht im Land bis auf Weiteres aufzuheben. Das gilt zumindest für die Schüler, die jetzt überhaupt in die Schulen gelassen werden. Zwei von ihnen sind die Abiturienten Charlotte Reul vom Ratsgymnasium in Goslar und Adrian Beichler vom Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg. In regelmäßigen Beiträgen wird die Junge Szene sie auf ihrem Weg zum Abschluss in dieser ungewissen Zeit begleiten.

Freunde mit Abstand treffen

„Unser gesamter Jahrgang ist sich einig, dass man in der Schule am besten lernen kann. Vor allem im Hinblick aufs Abi“, positioniert sich Adrian Beichler klar. Nach den Weihnachtsferien machte sich der 18-Jährige also montags bis freitags auf in die Schule, so wie es alle seine Mitschüler taten. Immer dabei: Mund-Nasen-Schutz, die Freude darüber, die Freunde wenigstens auf Abstand zu treffen, an manchen Tagen aber auch ein flaues Gefühl im Magen, weil die britische Virus-Mutation für Menschen unter20 Jahren erheblich ansteckender sein soll als die bisherige Variante.

Heute plagt Adrian dieser verunsichernde Gedanke ausnahmsweise nicht so stark: Für seinen gesamten Jahrgang ist bis einschließlich Freitag Home-Schooling angesagt, weil ein Schüler positiv auf das Corona-Virus getestet wurde. Auf Empfehlung des Gesundheitsamts hat die Schule alle Abiturienten für zwei Wochen nach Hause geschickt.

Zu viel Ablenkung

Im Home-Schooling sieht Adrian sich jetzt wieder mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert, wie schon im vergangenen Jahr. „Aufgaben, die man in der Schule in einer Stunde schaffen würde, dauern zu Hause doppelt so lang“, sagt Adrian. Denn noch schwieriger als herauszufinden, wie man selbstständig richtig lernt, sei es, etwa dem Drang, lieber Serien zu schauen oder im Bett eine ausgiebige Lernpause einzulegen, zu widerstehen. Das hat auch Charlotte Reul vom Ratsgymnasium in Goslar zu spüren bekommen: „Als wir im ersten Lockdown auf digitalen Unterricht umsteigen mussten, ist Schule bei mir in den Hintergrund geraten. Die Motivation hat gefehlt, weil auch der Tagesrhythmus wegfiel“, gesteht die Abiturientin, die jetzt mehr als froh ist, ihre Schule besuchen zu dürfen.

Sorge vor der Mutation

Große Angst davor, sich dabei zu infizieren, hat Charlotte nicht: „Wir hatten und haben ja noch immer das Glück, dass unser Inzidenzwert im Vergleich zu anderen Regionen relativ niedrig ist“, sagt die Braunlagerin. Auch Adrian fühlt sich durch den Abstand, die Maske und das Lüften in der Schule „relativ“ sicher. „Aber die Virus-Mutation macht mir schon Angst, weil es eine leichtere Ausbreitung des Virus bedeutet und die Situation auf jeden Fall noch mal verschärfen wird“, erzählt er. Und auch Charlotte überkommt hin und wieder ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie realisiert, dass sie mitten im verschärften Lockdown zusammen mit ihren Mitschülern in einem Raum sitzt: „Ich darf mich jetzt nur noch mit einer Person treffen und in der Schule sehe ich meinen ganzen Jahrgang. Theoretisch dürfen wir noch nicht mal zusammen zum Auto laufen, aber in der Schule sind wir alle auf einem Fleck. Auch wenn ich meinen Mitschülern eigentlich vertraue, glaube ich, dass es immer Ausnahmen gibt, die sich privat mit mehreren treffen“, ahnt Charlotte.

Wie die Abiturklausuren, die Charlotte und Adrian bevorstehen, konkret ablaufen werden, und ob sie wie geplant im April stattfinden können, kann bisher niemand mit Sicherheit sagen. Das macht mürbe und frustriert. „Von den Abinoten hängt mehr oder weniger das spätere Leben ab“, betont Adrian. „Es ist alles richtig ärgerlich. Aber man kann ja nichts dran ändern“, sagt er. Immerhin habe er im Herbst schon das Vorabi erfolgreich hinter sich gebracht. Für Charlotte hingegen stehen die ersten Klausuren diesen Monat an. Dann heißt es, die wirren Gedanken in dieser ungewissen Zeit irgendwie zu sortieren und mitten in der Pandemie ganz bei sich zu sein.


Weitere Themen aus der Region