Gestatten, Kitaro vom Friedhof

Abbildungen: Reprodukt Verlag

Der einäugige Yokai-Junge Kitaro ist mit allen Wassern gewaschen und in seiner gelb-schwarz gestreiften Weste fast unverwüstlich. Das muss er auch sein, denn er nimmt es mit Geistern, Monstern und Gangstern auf, die den Menschen das Leben schwer machen. Der Klassiker vom Manga-Meister Shigeru Mizuki ist nun erstmals auf Deutsch erschienen.

Es tobt ein Sturm. Eine kleine Hand reckt sich nachts aus einem Grab. Kurz darauf ist Babygeschrei auf dem alten Friedhof zu hören – Kitaro ist geboren. Für einen Menschen wäre so ein Start ins Leben sehr ungewöhnlich, für den einäugigen Jungen Kitaro ist er schon eher standesgemäß. Schließlich ist er der letzte Nachfahre vom Stamm der Yokai. Zwar sind seine Eltern, eine Hexe und eine Mumie, vor seiner Geburt gestorben. Vollwaise ist Kitaro aber nicht. Denn ein Auge seines toten Vaters hat sich selbstständig gemacht und wacht nun über seinen Spross – wenn es nicht gerade ein Bad in einer guten Schale warmem Tee nimmt. Schon die Anfänge von Shigeru Mizukis Manga-Reihe „Kirato vom Friedhof“ zeigen: Hier ist viel Gruseliges, Paranormales und Ulkiges zu erwarten.

Im Japan der 1960er Jahre erlebt der einäugige Yokai-Junge viele unheimliche Abenteuer, wobei sich schnell herausstellt, dass Menschen Kitaro eher nicht mögen. Trotzdem hilft er ihnen, wenn sie von übernatürlichen Wesen bedroht oder heimgesucht werden. Dabei setzt der mit Spezialfähigkeiten ausgestattete Kitaro oft auf ein friedensstiftendes Vorgehen. Das hält ihn allerdings nicht davon ab, einigen Leuten auch haarsträubende Lektionen zu erteilen und sie buchstäblich zur Hölle fahren zu lassen – denn als Yokai kann Kitaro dort ein und ausgehen. Muss er sich gegen andere Yokai oder Monster wehren, überrascht der Junge vom Friedhof mit immer neuen Talenten. Seine Haare können zum Beispiel als Geister-Materie-Sensoren dienen, aber auch als Stachel-Geschosse eingesetzt werden. Er kann sich blitzschnell in den Boden eingraben, oder auch seine Form ändern und sich als Bodenmatte tarnen. Außerdem kann Kitaro für Menschen tödliche Strapazen und Situationen, wie zum Beispiel stundenlang im Schnee liegen, problemlos überstehen – sofern er seine schwarz-gelb gestreifte Weste trägt. Die ist nämlich aus den Haaren seiner Vorfahren gewebt und die Quelle seine Kraft.

Dass Mizukis „Kitaro“ in den 1960ern spielt, kommt nicht von ungefähr, da die Reihe bereits in dieser Zeit entstanden ist. Sie war einer der ersten großen Erfolge des Manga-Zeichners und erfreut sich seit mehr als 50 Jahre großer Beliebtheit. Sie knüpft an die Tradition der japanischen Geister- und Gruselgeschichten an, die bei westlichen Lesern durch Lafcadio Hearns „Kwaidan – Seltsame Geschichten und Studien aus Japan“ bekannt gemacht wurden. „Kitaro“ ist in schwarz-weiß gehalten. Der typische Zeichen-Stil Mizukis beweist einerseits ein Auge fürs Detail und zeigt auf der anderen Seite eine ganz eigene und vereinfachende Interpretation von Körper- und Gesichtsformen. Die sich daraus ergebende Dynamik zieht mit. Geschickt verstärkt Mizuki so actionreiche und auch beschauliche Episoden und steuert die Lesegeschwindigkeit, ohne die Leser dabei zu überfordern.

Trotz seines Alters ist „Kitaro“ auch heute noch gut lesbar, unterhaltsam und zum Gruseln. Passend zum Beginn der dunklen Jahreszeit bringt der Berliner Reprodukt-Verlag diesen Urvater der modernen Monster- und Mystery-Manga erstmals in deutscher Sprache auf den Markt.

„Kitaro – Kitaros Geburt“ und „Kitaro – Der Krieg der Yokai“ von Shigeru Mizuki, Reprodukt Verlag, jeweils 192 Seiten, jeweils 6,90 Euro.


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