Montag, 18.10.2021, 16:04 Uhr

Finneas Baird O’Connell: Mehr als nur Billy Eilishs großer Bruder

Das neue Album „Optimist“ von Finneas Baird O’Connell ist seit dem 15. Oktober auf dem Markt. Foto: picture alliance/dpa/Universal Music

Der hochbegabte Komponist, Multiinstrumentalist, Sänger und Produzent Finneas Baird O’Connell ist nicht nur als Co-Songschreiber und -produzent maßgeblich mitverantwortlich für die Meilensteinmusik seiner kleinen Schwester Billie Eilish. Auch die eigenen Songs des 24-Jährigen aus Los Angeles, zu hören auf dem Debüt „Optimist“, sind absolut formidabel. Das Interview mit Finneas lief per Videoanruf in Los Angeles.

Finneas, bei dir zu Hause ist es gerade erst 8.30 Uhr. Hart?

Ich bin echt kein Frühaufsteher und froh, dass ich nicht verschlafen und mir sogar schon einen Kaffee gemacht habe (lacht). Ich mag es, zeitig aufzustehen, weil ich dann das Gefühl habe, ich habe schon was erreicht, bevor der Tag überhaupt angefangen hat.

WannbistdudennamKreativsten?

Früher tatsächlich nachts, aber mittlerweile eher am Nachmittag, weil mich sehr langes Wachbleiben und sehr langes Schlafen immer mehr aus dem Rhythmus bringen. Meine glücklichsten und kreativsten Momente sind stets die, wenn ich einfach ganz entspannt dasitze, mich niemand drängt und niemand etwas von mir will. „Optimist“ ist mehr oder weniger parallel zu Billies Album „Happier Than Ever“ entstanden.

Deine Schwester ist fünf Jahre jünger als du. Wie ging das los bei euch zuhause mit der Musik?

Mit 12 Jahren begann ich, Songs zu schreiben, mit 14 das Produzieren, alles zuhause im Kinderzimmer. Später gesellte sich häufig Billie dazu. Anfangs haben wir aber ziemlichen Käse fabriziert, finde ich. Als ich 17 war, konnte man sich meine Musik so langsam anhören.

WasistdirwichtigbeimSongschreiben?

Ich will nichts machen, das trendy ist. Mir gefällt Popmusik, die so aufgebaut ist, dass man sie sich auch in Jahren noch gerne anhören wird.

Billie und du, ihr habt in den vergangenen Jahren eine Weltkarriere hingelegt. Was machen die Millionen von verkauften Alben oder auch die bisher acht gewonnenen Grammy-Awards mit dir?

Ich bin dankbar für jede einzelne Auszeichnung. Aber Chartpositionen und Erfolge machen dich auch nicht glücklicher, wenn du vorher nicht glücklich warst. Und wenn es dir vorher schon gut geht, dann hat das nur wenig mit deiner Karriere zu tun, sondern weil deine Liebsten bei dir sind, deine Beziehung gut läuft oder du einen schönen Tag draußen beim Felsenklettern oder beim Wandern hattest. Ganz ehrlich: Wenn du depressiv bist, bist du mit und ohne Grammy depressiv. Und umgekehrt.

Welche Rezepte haben für dich funktioniert, um deine Depressionen in den Griff zu bekommen?

Ich versuche, mein Glück zu genießen. Und mehr von dem zu machen, was ich ohnehin liebe. Wenn du gerne kochst, koch noch mehr. Wenn du gerne Zeit mit jemandem verbringst, verbring noch mehr Zeit mit diesem Menschen. Also, was habe ich gemacht? Die Zitronen in meinem Garten geerntet und anderthalb Jahre lang, wenn ich nicht im Studio war, mit meiner Freundin verbracht, oft in der Küche. Oder draußen in der Natur. Wenn du allerdings akut an Depressionen leidest, wird ein Spaziergang deinen Zustand nicht verbessern. Man muss das ernst nehmen und sich Hilfe suchen. Ich habe zum Beispiel seit Jahren einen Therapeuten. Seine Devise lautet „Mach dir keine Sorgen, wir finden einen Weg für dich“. Und bisher hat er immer Recht gehabt. Je älter ich werde, desto ausgeglichener werde ich.

Dieses Sorgenmachen wiederum ist allgegenwärtig in deinen Songs auf „Optimist“. Bist du überhaupt wirklich einer?

Ja, ich bin ein Optimist! Und ja, ich bin ein Mensch, der sich immerzu und über alles Sorgen macht. Früher war es noch schlimmer. Ich war nie eine wirklich sorgenfreie Person. Schon als Junge habe ich viel über den Tod nachgegrübelt. Und über die Zukunft. Ich wäre gern ein unbeschwerter Mensch, aber das ist mir wohl nicht vergönnt.

Hast du dich jemals gefragt, warum du dir so viele Sorgen machst?

Nö, das war eben so. Eher im Gegenteil: Schon als Kind fand ich es verwunderlich, dass nicht alle so viel nachdachten wie ich. Das geht mir bis heute so. Ich neige zu denken, dass auch alle anderen beschäftigen müsse, was mich beschäftigt. In der Schule ist es so gewesen, dass ich die anderen Kinder komisch fand – und die anderen Kinder mich. Trotzdem hatte und habe ich ein paar wirklich gute, enge Freunde. Auch mit meiner Familie, Billie, meinen Eltern, verstehe ich mich supergut.

Vielen, die sowieso schon psychisch angespannt waren, hat die Pandemie besonders zugesetzt. Dir auch?

Das Komische ist, dass ich mich ganz wohl gefühlt habe. Ich hatte Zeit, keine Verpflichtungen und keine Veranstaltungen mehr, ich war anderthalb Jahre mit meiner Familie und meiner Freundin zusammen. Es ist nicht so, dass ich gesagt habe „Wow, ein Virus, wie cool“, aber ich habe manches Mal zu meiner Freundin gesagt, sie solle diesen Lebensabschnitt genießen. Denn hektisch wird es schon früh genug wieder, wie man ja jetzt auch sieht.

Im Text zu „The Kids Are All Dying“ fragst du, wie man über die Liebe singen könne angesichts des ganzen geballten Leids auf dieser Welt. Was ist deine Antwort?

Geopolitische und soziale Fragen und Probleme sind wichtig. Kunst, Offenheit und Emotionalität sind es aber auch. Ich versuche, beides zu verbinden.

Kommst du mir der Verantwortung, die du als erfolgreicher, berühmter Künstler hast, klar?

Ich wachse in diese Rolle rein. Die Macht, die einem zugesprochen wird, kann einem Angst machen. Aber ich habe keine Wahl und fühle mich privilegiert, eine Plattform zu haben, um über dringende und bedeutsame Themen zu sprechen.


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