Freitag, 15.01.2021

Eine Generation auf dem Wartegleis

Einst stark motiviert, jetzt nur noch frustriert: Zahlreichen jungen Bewerbern ist angesichts der aktuellen Flaute auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt nur noch zum Seufzen zumute. Foto:Unsplash

Durchhalten. Aber wie lange noch? Eine Frage, die sich jungen Menschen zunehmend nicht nur aufdrängt, weil sie sich wünschen, endlich wieder auszugehen und ganz normal im Klassenzimmer oder dem Hörsaal zu sitzen. Sondern auch, weil für viele jetzt eigentlich die Zeit gekommen ist, den Weg für die spätere Karriere durch Praktika, eine Ausbildung oder den ersten zukunftsweisenden Job zu ebnen. Oder so lautete zumindest der Plan.

Viele Bewerber erfolglos

Auf den Schreibtischen zahlreicher junger Bewerber stapeln sich zurzeit die pandemiebedingten Absagen. So schlägt eine Zuversicht, mit der insbesondere die Jugend Corona anfangs noch so entschieden trotzte, immer häufiger in Frustration und sogar ernsthafte Zukunftsangst um. In der Studie„JuCo2“ der Universitäten Hildesheim und Frankfurt stimmten 45 Prozent der über 7000 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Aussage, Angst vor der Zukunft zu haben, „eher“ oder „voll“ zu. Sie fragen sich, was während einer wirtschaftlichen Talfahrt nach der Schule, dem Freiwilligendienst oder dem Studium folgen soll.

Vor allem der Ausbildungsmarkt sorgt derzeit für Verunsicherung. Von einem „Jahrgang Corona“ lasse sich im Hinblick auf die Ausbildungsbilanz 2019/20 aber nicht sprechen, gibt Christian Weinert Entwarnung. Rein rechnerisch seien auf 100 gemeldete betriebliche Ausbildungsstellen bundesweit 92 Ausbildungssuchende gekommen, fügt der Pressereferent der Bundesagentur für Arbeit an.

Arbeitsmarkt lässt zu wünschen übrig

Dennoch war der Anteil der Bewerber, die einen Ausbildungsplatz gefunden haben, Ende September der geringste seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2009. Entsprechend viele suchten über die Bundesagentur für Arbeit weiter nach einer geeigneten Stelle: In der Nachvermittlungszeit von Oktober bis Dezember waren es rund 73.000 junge Menschen, etwa 12.000 mehr als im Vorjahr. Elke Hannack, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DBG), bewertet die Lage als alarmierend: „Die Corona-Krise droht Langzeitschäden auf dem Ausbildungsmarkt zu hinterlassen. Alle Vorzeichen zeigen schon jetzt, dass das Ausbildungsjahr 2021 kaum besser wird. Vor allem junge Menschen mit niedrigen oder mittleren Schulabschlüssen sowie Jugendliche aus Einwandererfamilien drohen zu den Verlierern der Krise zu werden“, gibt sie in einer Pressemitteilung des DBG bekannt.

Auch die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt lässt zu wünschen übrig. Im Dezember waren laut Angaben der Bundesagentur für Arbeit 236.000 Menschen unter 25 Jahren arbeitslos, 45.000 mehr als im Vorjahr. Immerhin sei die Arbeitslosigkeit schwächer ausgefallen als erwartet, berichtet Dr. Hans Dietrich vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). „Im Spätherbst haben sich die Zahlen erholt, weil die Wirtschaft kurzfristig wieder in Schwung gekommen ist. Der Arbeitsmarkt hat schnell auf die konjunkturellen Auswirkungen reagiert.“

Harte Monate stehen bevor

Dennoch stehen zahlreichen jungen Erwachsenen harte Monate bevor. Für wen genau, sei nicht zuletzt abhängig von der jeweiligen Tätigkeit, betont Dr. Christian Leßmann, Professor für Volkswirtschaftslehre an der TU Dresden. Beispielsweise der niedergelassene Einzelhandel, die Gastronomie, Hotellerie, Tourismusbranche und Luftfahrt müssten sich auf schwere Zeiten einstellen. „Das resultiert langfristig in weniger Stellenangeboten“, erklärt der Professor.

Darüber, welche wirtschaftlichen Entwicklungen uns in der Zukunft erwarten und was das für Jugendliche und junge Erwachsene konkret bedeutet, lässt sich zurzeit nur mutmaßen. Professor Dr. Patrick Puhani vom Institut für Arbeitsökonomik an der Leibniz Universität Hannover meint: „Wir müssen uns jetzt fragen: Was passiert mit der Wirtschaft im globalen Kontext, und wie kann unser Bildungssystem darauf reagieren? Wenn wir im Sommer hoffentlich aus der Krise herauskommen, dürfte sich die Lage bessern. Wer jetzt aufgrund der Krise mit niedrigeren Löhnen neu in den Arbeitsmarkt einsteigt, wird dadurch aber langfristig gegenüber Boomphasen-Berufseinsteigern benachteiligt sein. Aufgrund der Bevölkerungsentwicklung werden qualifizierte junge Berufseinsteiger am Arbeitsmarkt jedoch nach wie vor gefragt sein.“ Ähnliche Vermutungen stellt auch Dietrich vom IAB an: „Erholt sich die Wirtschaft schnell, wird sich auch der Arbeitsmarkt wieder öffnen. Anhand früherer Analysen zu Konjunkturaufschwüngen lässt sich vermuten, dass sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt dann zumindest für besser Qualifizierte schnell wieder verbessern dürfte.“

„Leichter wird es nicht“

„Leichter wird es in Zukunft aber natürlich auch für den Akademiker garantiert nicht, weil die Beschäftigung sich insgesamt verschlechtern wird“, gibt derweil Leßmann von der TU Dresden zu bedenken. Er ist sich sicher: „Wir schieben eine Wirtschaftskrise vor uns her. Sie wird noch zum Tragen kommen. Die Gelder, die zur Überbrückung für diese schwere Zeit ausgeschüttet werden, führen zu einer hohen Staatsverschuldung. Und die Schulden müssen von jemandem getilgt werden, was mittelfristig zu erhöhten Steuern führt.“ Auswirkungen, die auch künftig noch Fragen der Generationsgerechtigkeit aufwerfen und die Einkommensperspektive von jungen Leuten beeinträchtigen werden, vermutet Leßmann.

Keine sehr beruhigenden Botschaften. Doch Verunsicherung könne auch „heilsam“ sein, merkt Leßmann an. Wer dazu gezwungen sei, sich aus der eigenen sicheren Blase hinaus zu bewegen, habe die Chance, sich weiterzuentwickeln. „Es bleibt nur, den Rat zu geben, dass man die Zeit jetzt für Zusatzqualifikationen durch Online-Kurse oder Fernstudien nutzen sollte, um sich innerhalb seiner Branche so breit aufzustellen wie möglich“, sagt Leßmann. Wir finden: Eine andere Wahl, als uns durchzubeißen, bleibt uns im Kampf gegen das Virus ohnehin nicht.


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