Montag, 29.03.2021, 16:00 Uhr

Die Dinge mit Humor nehmen

Für Jugendliche sind oft ihre Freunde, die sogenannte „Peergroup“, am Wichtigsten. Foto: Unsplash

Sylvia Berghoff

Die Pubertät, sie kann Eltern und auch Pubertierenden manchmal den letzten Nerv rauben. Alles verändert sich, oft bleibt nur die Frage „Was passiert hier eigentlich gerade?“ Doch meistens ist in Wirklichkeit alles halb so wild und es gibt eine ganz logische Erklärung. Ein paar dieser Erklärungen für die Rätsel der Pubertät gibt die Diplom-Psychologin Sylvia Berghoff in diesem Interview. Berghoff arbeitet schon seit fast zehn Jahren in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Landkreises Goslar in Bad Harzburg und hat viel Erfahrung mit dem Thema.

Die Pubertät, sie kann Eltern und auch Pubertierenden manchmal den letzten Nerv rauben. Alles verändert sich, oft bleibt nur die Frage „Was passiert hier eigentlich gerade?“ Doch meistens ist in Wirklichkeit alles halb so wild und es gibt eine ganz logische Erklärung. Ein paar dieser Erklärungen für die Rätsel der Pubertät gibt die Diplom-Psychologin Sylvia Berghoff in diesem Interview. Berghoff arbeitet schon seit fast zehn Jahren in der Beratungsstelle für Eltern, Kinder und Jugendliche (BEKJ) des Landkreises Goslar in Bad Harzburg und hat viel Erfahrung mit dem Thema.

Frau Berghoff, eine ganz grundlegende Frage zu Beginn: Mit welchem Alter ist man überhaupt in der Pubertät? Wann fängt sie an und wann ist sie zu Ende?

Das ist unterschiedlich. Manche haben einen sehr frühen Beginn, das kann schon mit neun Jahren sein, andere kommen erst mit elf, zwölf oder 13 in die Pubertät. Neben den körperlichen und hormonellen Veränderungen gibt es auch hirnorganische Veränderungen. Das ganze Gehirn wird also umgebaut und das kann bis zum 25. Lebensjahr andauern. Man kann also nicht ganz genau sagen, von dann bis dann ist Pubertät.

Sie haben gerade schon die Veränderungen angesprochen, die die Pubertät bringt. Wie kann man mit der Unsicherheit und den Sorgen umgehen, die vielleicht durch diese Veränderungen und den Umbruch entstehen?

Es gibt das Sprichwort: „Geteiltes Leid ist halbes Leid.“ Das soll heißen: Reden hilft. Sich Unterstützung holen, zum Beispiel vom Schulsozialarbeiter oder der Schulsozialarbeiterin oder in unserer Beratungsstelle. Auch mit Freunden sprechen und sich innerhalb der „Peergroup“, also unter Gleichaltrigen, austauschen, kann helfen. Dort haben ja zu der Zeit die meisten die gleichen Probleme und Sorgen. Dann gibt es natürlich auch noch die eigene Familie, an die man sich wenden kann, an Eltern oder Großeltern.

Viele fragen sich in der Pubertät: „Was passiert hier eigentlich mit mir?“

In der Pubertät passieren hormonelle Veränderungen und damit auch körperliche Veränderungen. Die sieht man auch: Die Stimme bei den Jungs wird tiefer, bei den Mädchen bildet sich die Brust, Haare sprießen, der ganze Körperbau verändert sich. Dazu kommt die Gehirnentwicklung, die einen großen Teil ausmacht. Die Nervenbahnen bekommen eine neue Ummantelung, sodass der Informationsfluss schneller geht. Das beginnt im Nacken und zieht sich bis hin zur Stirn. Der Stirnbereich wird zum Schluss umgebildet. Dort liegt, was für Planung und Organisation zuständig ist. Deshalb kommt es in der Pubertät auch öfter zu Problemen, denn es müssen viele Entscheidungen, wie über den Schulabschluss und den Weg danach getroffen werden. Außerdem ist planvolles Handeln, zum Beispiel bei Vorbereitungen auf Prüfungen gefragt. Wenn dann gerade das ganze Gehirn umgebaut wird, ist das oft schwierig. Außerdem neigt man zu Risikoverhalten. Das ist auch darin begründet, dann man in der Pubertät eine sehr schnelle Reaktionszeit hat, nie wieder wird man so gut reagieren können.

Wenn man also manchmal das Gefühl hat, dass irgendwas mit einem nicht stimmt, dann ist das gar nicht unbedingt Einbildung. Das sind einfach die vielen Veränderungen in Körper und Gehirn, die einem dieses Gefühl geben?

Genau! Das Gehirn ist eine Großbaustelle zu dieser Zeit und auch am Körper wird einiges umgebaut. Selbst der Melatoninausstoß, der fürs Einschlafen zuständig ist, verändert sich, er beginnt später. Dadurch kommt man später zur Ruhe und morgens nicht aus den Federn, weswegen viele Probleme haben, morgens um 8 Uhr die Schule zu erreichen.

Woher kommen die zum Teil recht extremen Emotionen, die Jugendliche manchmal spüren, ohne dass sie sich diese erklären können?

Die Hauptaufgabe der Pubertät, neben der körperlichen Entwicklung, ist eine Persönlichkeits- und Identitätsfindung. Das heißt, ich muss für mich erst mal herausfinden: Wer bin ich? Wo will ich hin und welche Ziele habe ich? Da unterhalten sich die meisten viel mit ihren Freunden. Hinzu kommen aber die Erwartungen, die die Eltern haben. Dann befindet sich das Gehirn ja im Umbau, vieles fällt mir vielleicht schwerer, zum Beispiel die Konzentration. Es entwickeln sich Interessen, die vielleicht nicht zur Schule passen oder zu dem, was die Eltern wollen. Das führt zu Konflikten, die sich emotional stark entladen. Es ist körperlich viel los, und man weiß selber noch nicht genau, wo die Reise hingehen soll. Das macht eine emotionale Unruhe aus.

Ein Thema, das durch die Medien und durch Instagram und Co. eine sehr große Rolle spielt, ist das Aussehen. Oft sind es aber unrealistische Schönheitsideale, die dort gezeigt werden und junge Menschen total verunsichern. Was kann man tun?

Zuerst einmal ist es immer gut, bei sich zu bleiben. Viele Probleme fangen mit einem Vergleich an. Jeder muss für sich Werte festlegen, die einem wichtig sind. Das könne eine gesunde Ernährung oder ein nachhaltiger Lebensstil sein. Die, die sich an den Schönheitsidealen, von irgendwelchen Fernsehshows orientieren, sollten sich in Gedächtnis rufen, dass das nicht die Realität ist. Das ist sind oft gestellte Szenen, mit denen Leute Geld verdienen. Wenn man trotzdem im Zweifel ist, kann man sich ehrliches Feedback von der Familie oder Freunden holen und darüber sprechen.

Was sollten sich Jugendliche in dieser Zeit mehr zu Herzen nehmen?

Irgendwann wird die Pubertät vorbei sein. Dann kann man sicher über das ein oder andere lachen. Es hilft, die Dinge mit Humor zu nehmen. Sich nicht so fertig zu machen sondern lieber zu sprechen, mit Vertrauenspersonen oder auch mit professioneller Hilfe. Und vielleicht auch mal die Perspektive zu wechseln. Das was einen gerade beschäftigt auf einer Skala zu sehen. Meist gibt es Schlimmeres als das, was einen gerade so in Rage versetzt. Dadurch wird alles ein bisschen relativiert.


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