Tops und Flops 2022
Freitag, 30.12.2022 , 08:00 Uhr

Der musikalische Jahresrückblick der Jungen-Szene

Wie sieht das Jahr 2022 in der Musikbranche aus? Die Junge-Szene hat sich die großen Erfolgsgeschichten angeschaut, blickt auf einen tiefen Fall und stellt deutlich mehr Diversität fest. Ein musikalischer Jahresrückblick.

Mit ihrem Album „Midnights“ schreibt Taylor Swift Musikgeschichte.

Mit ihrem Album „Midnights“ schreibt Taylor Swift Musikgeschichte. Foto: Universal Music

Wo Schatten ist, da ist auch Licht. Herausforderungen und Sorgen machten auch vor den Popschaffenden in diesem Jahr nicht Halt. Es gibt allerdings eine ganze Reihe hoffnungsvoll stimmender Entwicklungen.

Die großen Schlagzeilen – und auch die großen Erfolge – des Pop- und Rockjahres gehörten indes vor allem den Etablierten und den Eh-schon-Reichen. Hört sich erst mal banal an, hat aber für viele Nicht-Große seit Monaten die Konsequenz, dass sie sehen müssen, wo sie bleiben. Vor allem im Live-Geschäft ist nach Corona die Kluft zwischen Triumphierenden und Vegetierenden noch einmal deutlich breiter geworden. Während sich etwa Ed Sheeran, Coldplay, Die Toten Hosen, Rammstein oder The Cure über die Einnahmen aus vollen Hallen und Stadien freuen, ist das zugleich ver- wie entwöhnte Publikum beim Kartenneukauf für alles, was keinen Event-Charakter verspricht, sehr widerborstig. Selbst eine renommierte Band wie Tocotronic musste eine Tournee für den Herbst absagen.

Große Erfolgsgeschichten

Derartige Probleme kennt Taylor Swift höchstens vom Hörensagen. Als die Sängerin Mitte Oktober ihr – tatsächlich sehr gelungenes – Album „Midnights“ veröffentlichte, dauerte es nur eine Woche, bis es weltweit das meistverkaufte Langspielwerk des Jahres wurde. Und kaum war der Vorverkauf für die 2023-US-Stadiontour namens „Eras“ gestartet, da brach das Ticketportal binnen weniger Minuten so spektakulär zusammen, als sei es von jemandem in Berlin programmiert worden.

So gut wie alle 2022-Rekorde, die irgendwas mit Zahlen zu tun haben, sicherte sich Swift quasi im Handumdrehen. Besonders kurios: Die ersten zehn Plätze der US-amerikanischen Single-Charts okkupierten Ende Oktober Songs aus „Midnights“. Auch die gute alte Beyoncé dürfte sehr zufrieden mit Mann und Kindern unterm Baum gesessen haben. Mit „Renaissance“, einer hochklassigen, wenngleich etwas übersteuert hibbeligen Hommage an die queere, schwarze Disco-Musik von früher bis übermorgen pustete und jauchzte sie im Sommer die letzten Pandemiepartikel aus den trägen Leibern.

Überhaupt lief Eskapismus prächtig. Gar nicht mal so wahnsinnig viele Menschen können sich auch beim Musikhören nichts Aufregenderes vorstellen, als weiter vor Despoten-Invasionen oder anstehenden Weltuntergängen zu frösteln, und daher waren feierfröhliche Lieder wie „About Damn Time“ von Lizzo, Nina Chubas „Wildberry Lillet“, die Schlussmachhymne „abcdefu“ von der US-Teenagerin Gayle, das spritzige „Angelica“ von der Frauenrockduoentdeckung Wet Leg, so ziemlich alles vom neuen Bilderbuch-Album „Gelb ist das Feld“ oder auch lässige „Black Summer“ von den Red Hot Chili Peppers sehr beliebt. Letztere fielen ferner damit auf, dass sie erst sechs Jahre keins und dann innerhalb von sechs Monaten zwei Auch-noch-Doppel-Alben („Unlimited Love“ und „Return Of The Dream Canteen“) raushauten, die ein gewisses Übersättigungspotenzial in sich bargen – viel hilft nicht immer viel.

Schlüpfige Songs

Auf der dumpfen Seite des Einfach-mal-Spaß-haben-Musiktrends lauerte unterdessen eine gewisse Puffmama namens „Layla“, die von den zwei Strategen DJ Robin und Schürze so passgenau ins Aufregungssommerloch gehievt wurde, dass sich bis zum Jahresende kein Song vorbeiquetschen konnte: „Layla“ ist in Deutschland die erfolgreichste Single des Jahres (erfolgreichstes Album hierzulande wurde übrigens das mittelmäßige „Zeit“ von Rammstein).

Dabei sollte doch der Grundsatz gelten: Wenn schon schlüpfriger Schlagerpop, dann doch lieber von Roland Kaiser. Auf „Du, Deine Freundin und ich“, besingt der 70-Jährige ganz ungeniert eine kleine Threesome-Phantasie, das dazugehörige Album „Perspektiven“ beweist derweil Standfestigkeit in den Charts.

Noch eine Ecke anspruchsvoller drückt Max Raabe seine frivolen Lustbarkeiten aus, mit seinem Album „Wer hat hier schlechte Laune“ reüssiert der gebürtige Westfale ebenfalls seit Monaten prächtig. Und während sie die Rente mit 64 genießt, sahnte Kate Bush mit dem 37 Jahre alten „Running Up That Hill“ gigantisch ab – dank der Netflix-Serie „Stranger Things“, in der die tolle Nummer prominent zum Einsatz kommt. Noch mehr gute Nachrichten: „Mental Health“ ist weiter wichtig, mit Selena Gomez, Shawn Mendes und Justin Bieber gingen gleich drei Teen-Idole sehr offen mit ihren psychischen Unebenheiten um.

Diversität in der Musik

Darüber hinaus kommt die Sache mit der sogenannten Diversität endlich bei den Konsumierenden an. Sam Smith (non-binär) und Kim Petras (trans) etwa waren neulich zusammen auf Platz eins mit „Unholy“, noch zwei, drei Jahre, und die geschlechtlichen Identitäten sind erst gar keine Erwähnung mehr wert. Und auch der erfolgreichste Song des Jahres (zehn Wochen Nr. 1 in UK, 15 Wochen in USA) geht an einen echten Fortschrittsgeist. Harry Styles, an dessen „As It Was“ vom „Harry’s House“-Album man sich wirklich kaum satthören kann, trägt gelegentlich Kleider, soll, was man so hört, sehr nett sein und findet zweimal täglich Zeit zur Meditation. Styles gilt gemeinhin als einer der am wenigsten toxischen Männer im Pop und ist damit das exakte Gegenteil von: Ye. Oh je, früher hieß er Kanye West, er war seit jeher verhaltensauffällig, aber lange war alles von seiner Genialität gedeckt. Nun nicht mehr. Hartnäckig verzapfte er antisemitischen und sonstigen Unsinn, bis ihn endlich alle – von Adidas über Balenciaga bis zu seiner Plattenfirma – vor die Tür setzten.

Harry Styles, Sänger und Schauspieler aus Großbritannien, gilt als Vorreiter von Diversität in der Musikbranche.

Harry Styles, Sänger und Schauspieler aus Großbritannien, gilt als Vorreiter von Diversität in der Musikbranche. Foto: dpa/Camela

Eine eigene Modekollektion hat Bad Bunny bislang nicht, es würde sich aber bestimmt rechnen. Der 28-jährige Latin-Pop-Musiker aus Puerto Rico, bürgerlich Benito Antonio Martínez Ocasio und bei uns lange unterhalb der wirklichen Wahrnehmungsschwelle, hat sich auch schon mit Rock und Perlohrringen präsentiert, definiert sich als sexuell fluide und spricht offen über seine Depressionen. Vor allem aber ist Bad Bunny, dessen aktuelles Album „Un Verano Sin Ti“ heißt und Trap mit Reggae-Ton und anderen karibischen Rhythmen mischt, die auf Spotify meistgestreamte Künstlerperson des Jahres, vor Taylor Swift, vor Ed Sheeran, vor allen.

Kreislauf des Lebens

Das – rein subjektiv – beste Album des Jahres kommt unterdessen von Rosalía Vila Tobella, kurz Rosalía, aus Barcelona, heißt „Motomami“ und bringt mit spektakulärem, teils experimentellem, teils sehr melodischem Pop-Flamenco garantiert Schwung in jede noch so triste Silvesterparty.

Der Rapper Ye, früher bekannt als Kanye West, hat 2022 für überwiegend negative Schlagzeilen gesorgt.

Der Rapper Ye, früher bekannt als Kanye West, hat 2022 für überwiegend negative Schlagzeilen gesorgt. Foto: dpa/Landis

Und in Zukunft? Der Tod wird nicht gnädiger, er holte sich unter anderem Christine McVie, Meat Loaf, Taylor Hawkins von den Foo Fighters, Aaron Carter, Olivia Newton-John und Andy Fletcher von Depeche Mode. Vorgesorgt für die Zeit nach ihrem Ablegen haben bekanntlich Abba, deren Avatar-Show „Voyage“ seit Mai in London läuft. Barry Gibb von den Bee Gees und Cher (beide 76) haben sich die Sache schon mal näher angeguckt, während Peter Fox mit seinen zarten 51 nicht nur in seiner Nummer-eins-Single verlauten lässt, seinen Avatar gekillt zu haben, sondern auch gleich mal die Devise für 2023 ausgibt: „Alle malen schwarz, ich seh‘ die Zukunft pink/ Wenn du mich fragst, wird alles gut, mein Kind.“

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