Danger Dan: Wenn jede Zeile wirklich stimmen muss

Neues Album von Danger Dan mit klarer Kante gegen Rechts und zarten Klavierstücken . Foto: dpa/Jaro Suffner

Als Mitglied der Antilopen Gang ist Danger Dan einer der erfolgreichsten und bissigsten Rapper der Republik. Auf seinem Solo-Album „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ vollzieht der Aachener, der eigentlich Daniel Pongratz heißt, nun jedoch einen fulminanten Stilbruch. In musikalisch versierten Klavierballaden, die an Randy Newman oder Hannes Wader erinnern, erzählt der 37-Jährige Geschichten aus seinem Leben und geht, wie mit seiner Band, keiner politischen Kontroverse aus dem Weg.

Dan, das letzte Lied auf deinem Album heißt „Beginne jeden Tag mit einem Lächeln“. Hast du dich heute an deine eigene Devise gehalten?

Nicht unmittelbar. Ich wurde heute Morgen jäh um 7 Uhr von meiner Tochter geweckt und musste Fensterbilder malen. Das Lächeln kam erst währenddessen.

Du lebst in Berlin. Gehörst du zu den Menschen, die aktuell damit liebäugeln, raus aufs Land zu ziehen?

Kein Stück. Ich will nicht aufs Land ziehen, und ich will auch nicht noch fünf Jahre lang spazieren gehen. Ich freue mich wirklich darauf, wenn es endlich mal wieder losgeht mit dem Leben. Es geht jetzt einfach nicht mehr. Man wird auch nachlässiger. Anfangs bin ich mit Gummihandschuhen in den Supermarkt gegangen, mittlerweile hole ich mir auch schon mal mit einem Freund eine Pizza, und wir setzen uns an den Kanal. Ich denke sowieso, dass sich unser Leben nach Corona noch mehr draußen abspielen wird. Auf der Straße sitzen und Wein trinken, so wie in Italien, Spanien oder Frankreich, das mag ich richtig gern.

Im Lied „Ingloria Victoria“ erzählst du, dass sich die renommierte Aachener Victoria-Schule zwar auf Wikipedia mit deinem Namen schmückt, dich jedoch trotzdem rausgeworfen hat. Warst du so schwierig als Schüler?

Eigentlich war ich ein guter Schüler. Wenn man die Schuld für mein Scheitern ausmessen würde zwischen der Schule und mir, dann würde ich sagen, so ungefähr 50:50. Die Verantwortung liegt etwa zur Hälfte bei mir und zur Hälfte beim Schulsystem.

Aber leicht gemacht habe ich es denen auf keinen Fall. Ich war auf mehr Schulen als ich Klassen abgeschlossen habe. Ich habe die 11. Klasse nicht geschafft, und bin insgesamt auf elf Schulen gewesen.

Dein Vater ist der bekannte Pädagoge Ludwig A. Pongratz. Hat der nicht zu viel gekriegt mit dir?

Schon auch mal. Mein Vater findet im Nachhinein, dass eine Reformschule für mich vielleicht besser gewesen wäre. Er ist ja auch jemand, der gern pädagogische Konzepte kritisiert, deswegen ist er mit mir in Sachen Verantwortung der Schule schon auch zum Teil einer Meinung. Andererseits kennt er meine Biographie sehr gut und weiß, dass ich an vielen Stellen auch einfach nur scheiße gebaut habe.

Echt?

Ja, das ist die bittere Wahrheit. Ich war nicht der nette Rebell mit den langen Haaren, der Nietzsche zitiert hat. Ich war oft einfach nur ein destruktiver Bengel.

Nichtmals mit langen Haaren?

Doch, lange Haare hatte ich. Aber Nietzsche zitieren konnte ich nicht. Teilweise habe ich mich echt verweigert. Das Lehrpersonal war völlig überfordert, einen Typen wie mich irgendwie in die Gemeinschaft zu inkludieren.

Du bezeichnest Schule in dem Lied als „Repressionsapparat“. Das klingt recht hart.

In der Tat lernt man in der Schule viele nützliche Sachen wie Lesen und Schreiben, und ich würde mir wünschen, dass alle Menschen auf der Welt Zugang zu Alphabetisierung hätten. Gleichzeitig wird dir sehr verdeutlicht: „Entweder du machst mit, oder du bist schnell wieder draußen.“

Ich musste sogar schon die erste Klasse wiederholen. Mein Talent, mir Geschichten und Ausreden auszudenken, war in der Schule einfach nicht so gefragt.

Ist es ein Unterschied, Rap-Texte oder Texte zu Klaviermusik zu schreiben?

Ja. Die Texte für dieses Album fand ich schwieriger. Beim Rap löst eine Zeile schnell die nächste ab, da kann man auch mal pathetischen Mist erzählen. Mit Klavierbegleitung wird alles schnell intim und hallt länger nach. Da fällt es unangenehm auf, wenn man beim Texten nicht richtig sorgfältig ist oder das Gesagte ins Belanglose abdriftet. Es musste jede Zeile stimmen. An Liedern wie „Eine gute Nachricht“ habe ich mehrere Tage lang geschrieben.

Der Song hat mich fast ein bisschen an Herbert Grönemeyer erinnert. Worum geht es da eigentlich?

Irgendwie ist es ein Weihnachtslied. Mein Vater ist Christ. Er hat immer versucht, seinen anarchischen Kindern das Weihnachtsfest nahezubringen und zum Beispiel versucht, so ein proletarischen Klassengedanken in die Weihnachtsgeschichte einzubauen oder am Heiligabend Rio Reisers „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“ vorzuspielen. Und so habe ich vergangenes Jahr gedacht, mache ich etwas ähnliches doch mal für meine Tochter.

Ich bin zwar kein Christ geworden, wollte aber an der Tradition festhalten und habe versucht, ihr die Zeit auf neue Art zu erzählen. Ich habe ihr an einem Metermaß erläutert, wie lange die Erde schon existiert, wie lange es Menschen gibt, und wie wenige Millimeter kurz die Zeit „nach Christus“ ist.

Du wirst jetzt 38. Ist dieses musikalisch ruhige, schöne Album schon ein frühes Alterswerk?

Das weiß ich nicht. Ich hatte so ein Album schon vor, als ich noch um einiges jünger war. Aber erst jetzt habe ich die Ruhe, Zeit und Muße gefunden, das zu machen. Ein bisschen mag das mit dem Alter zu tun haben, aber ich hatte letztes Jahr kaum Termine und richtig Bock, zuhause zu bleiben, Klavier zu spielen und diese Lieder aufzunehmen.

Album: „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“


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