Samstag, 04.09.2021, 12:30 Uhr

„Catcalling“ ist kein Kompliment

Anzügliche Sprüche werden mit Kreide am Ort des Geschehens aufgeschrieben. Alle Menschen sollen sehen, wie allgegenwärtig verbale sexuelle Belästigung ist. Fotos: Otte

Anzügliche Sprüche auf offener Straße, übergriffige Nachrichten auf Social Media oder Ständiges hinterher pfeifen. „Hey, geiler Arsch“ oder „Komm doch mal rüber, mit mir ist es nachts immer lustig“ sind noch harmlose Beispiele für den Begriff „Catcalling“. Diese recht niedliche Bezeichnung beschreibt verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. 

Diese niedlich klingende Bezeichnung beschreibt aber verbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum. Für viele Frauen ist das Alltag, und sie haben gelernt, damit umzugehen. Laut Claudia Brümmer, Psychologin, und Günter Koschig vom Weißen Ring sind Merkmale von „Catcalls“ offensive Anspielungen auf das Aussehen und den Körper einer Frau. Auch unangemessene Aufforderungen gehören dazu.

„Catcalling“ ist kein Kompliment

„Catcalling“ ist kein Kompliment. Vornehmlich Frauen werden auf ihren Körper reduziert, ihnen wird durch diese Art der Kommunikation oft zu nahe getreten. Auch das Hinterherpfeifen gehört dazu.

Jede Frau nimmt „Catcalling“ anders auf. Manche Betroffene stören sich nicht daran. Es gibt keine einheitliche Verhaltensregeln für betroffene Frauen. Eine Möglichkeit mit dieser Art von sexueller Belästigung umzugehen ist es laut Experten, diese zu ignorieren. Es können aber auch Signale gesendet werden, die zeigen, dass solche Sätze Unwohlsein hervorrufen: „Lassen Sie mich bitte in Ruhe, ich will das nicht“ – soll deutlich machen, dass keine weitere Interaktion mehr gewünscht ist. Günther Koschig rät von einer offensiven Konfrontation mit dem „Catcaller“ ab, da dies schnell gefährlich werden kann. Wenn, vornehmlich Männer, sich in ihrem Stolz verletzt fühlten, könne es von verbaler zu körperlicher Belästigung oder sogar Köperverletzung kommen. Psychologin Claudia Brümmer stellt klar: „Die eigene Sicherheit hat immer Vorrang und man sollte auf jeden Fall auf die eigenen Gefühle achten.“ Sobald man sich belästigt fühlt, solle Hilfe gerufen werden. Damit Frauen beispielsweise auf dem Heimweg im Dunkeln jemanden zum Reden haben, könnten Freunde angerufen werden oder im Ernstfall auch die Polizei.

Verhaltenstipps

Um sicher auf offener Straße unterwegs zu sein, gibt der Weiße Ring Verhaltenstipps. Zum einen ist das Handy, gerade wenn man alleine unterwegs ist, der beste Freund. Es sollte immer aufgeladen und griffbereit sein, um im Ernstfall Hilfe rufen zu können. Zum anderen sollte immer auf die eigene körperliche Unversehrtheit und das Bauchgefühl geachtet werden. Auch ein aufrechter und selbstbewusster Gang sei ein Mittel, um sich vor „Catcalls“ zu schützen. Bei einer bedrohlichen Situation rät der Weiße Ring, auf Abstand zum Täter zu gehen und Passanten auf die Situation aufmerksam zu machen damit diese Zivilcourage zeigen können.

„Catcalling“ ist in Deutschland keine Straftat. Viele Menschen unterliegen dem Irrglauben, „Catcalls“ seien Komplimente und würden einer Frau auf offener Straße nichts ausmachen. Es wird ihnen signalisiert, dass sie begehrenswert sind.

Abhängig von der Intensität des „Catcallings“ kann wegen Beleidigung oder sexueller Belästigung Anzeige erstattet werden. Wann und ob „Catcalls“ strafrechtlich verfolgt werden, ist nicht einheitlich geregelt. Laut des Strafgesetzbuchs liegt eine sexuelle Belästigung erst bei einer körperlichen Berührung vor. Koschig sagt, dass „Catcalls“ dafür aber bereits die Vorstufe sind.

Ob rechtliche Schritte wegen Beleidigung eingeleitet werden können, werde individuell überprüft. Ausschlaggebend dafür ist, dass herabwürdigende Äußerungen getätigt wurden – allerdings ist auch das wieder Auslegungssache.

 

SERVICE

Wer sich auf dem nächtlichen Weg unwohl oder ängstlich fühlt, hat die Möglichkeit das Heimwegtelefon anzurufen. Ehrenamtliche Mitarbeiter begleiten die Anrufer telefonisch, bis sie sicher zu Hause angekommen sind.

Das Heimwegtelefon ist sonntags bis donnerstags von 20 bis zwölf Uhr erreicht werden. Freitags und samstags sind freiwillige Helfer von 20 bis drei Uhr morgens im Dienst.

Die Telefonnummer, unter der ein Begleiter für den Weg nach Hause angerufen werden kann, lautet: 0 30 12 07 41 82. Weitere Informationen sind über www.heimwegtelefon.de verfügbar.


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