Montag, 16.08.2021, 18:35 Uhr

Bleachers: Der Mann mit dem goldenen Staub

Antonoff ist ein sehr gefragter Produzent der Superstars Foto: Carlotta Kohl

Der gerade extrem gefragte Sänger, Musiker, Songschreiber und Produzent Jack Antonoff ist Experte für den sensiblen Superstarpop von Taylor Swift, Lorde und Lana del Rey. Aber auch allein kann er glänzen, wie „Take The Sadness Out Of Saturday Night“, sein drittes Album unter dem Namen Bleachers, beeindruckend belegt. Eine virtuelle Begegnung an einem Freitagabend.

Auf dem Fahrrad hat Jack Antonoff die besten Ideen. „Radfahren pustet mir auf wundersame Weise den Kopf durch“, sagt das einzige feste Mitglied der Band Bleachers. „Schlechte Gedanken und Gefühle sammeln sich im Gehirn wie Staub. Beim Radeln habe ich genau die richtige Geschwindigkeit, um den Ballast abzuschütteln und die guten Ideen zu behalten.“

Seine Lieblingsstrecke sei der Radweg am Strand von Long Beach Island in New Jersey. Antonoff lebt in New York, aber er stammt gebürtig aus New Jersey. „In New York habe ich Todesangst, wenn ich aufs Rad steige. Hier musst du immer damit rechnen, dass dich jemand mit der Autotür übel zu Fall bringt.“

Der stille Beobachter

„Allein unter vielen Menschen zu sein, finde ich ganz toll. Ich genieße das richtig, den unbehelligten Beobachter und Flaneur zu geben. Ich habe gerne Menschen um mich, aber ich will meistens nicht mit jemandem sprechen.“

Antonoff gehört zu den schrägeren Geschöpfen. Beim Zoom-Interview aus seinem Studio in Brooklyn macht er sich zwischendrin Notizen, weil ihm gerade irgendetwas eingefallen ist. Er wirkt zwar liebenswürdig und knuffig, aber auch versponnen, irgendwie tatsächlich halb an- und halbabwesend. „Am liebsten kommuniziere ich durch meine Songs“, sagt er. „Zu schreiben ist so ein grandios einsamer, der Realität entrückter Akt. Aber ich bin kein Eremit. Ich liebe es auch, im Studio mit anderen Kreativen zu kollaborieren.“ Man sollte diesen Mann, 37 Jahre ist er alt, vielleicht kurz erklären. Bekannt und erfolgreich wurde Jack Antonoff, der Junge aus Jersey, vor bald zehn Jahren als Teil der – inzwischen auf unbestimmte Zeit pausierenden – Alternative-Pop-Band fun. Für die Single „We Are Young“ bekamen die Jungs 2013 den „Song Of The Year“-Grammy, nur um kurze Zeit später eigene Wege zu gehen. Antonoff, zu dessen Ex-Freundinnen Scarlett Johansson und Lena Dunham zählen, gründete Bleachers, und eher beiläufig baute er sich eine Produzenten-Karriere auf.

Dezente Popmusik

Seine Spezialität ist geschmackvolle, etwas dezente, aber doch effektive Popmusik, gern mit Geigen, akustischen Gitarren, einer feinen Melodie und authentischem Text. Seit geraumer Zeit ist er der Mann für die Superstar-Produktionen. Mit Taylor Swift arbeitete Jack an „1989“ und „Folklore“, mit Lana del Rey konzipierte er das tolle „Norman Fucking Rockwell“-Album, für St. Vincents „Masseduction“ bekam er einen weiteren Grammy (insgesamt sind es schon fünf), und auch an Lordes kommendem Werk „Solar Power“ arbeitete er intensiv mit. „Ich staune jeden einzelnen Tag über mich, und wie weit ich gekommen bin“, sagt er. „Das ist echt groß geworden. Doch Kunst ist wie Magie, du kannst sie nicht erklären. Zu den grausamen Realitäten meiner Arbeit gehört, dass der Goldstaub nicht für immer an meinen Fingern kleben wird.“

Auf „Take The Sadness Out Of Saturday Night“ verstreut er seinen Zauber jedenfalls großflächig. Die Platte ist ein bisschen wie Antonoff selbst – schwer zu durchschauen, aber genial. Er hat ein paar sehr zackige, von Bläsern vorangetriebene und euphorisierende Popsongs wie „How Dare You Want More“ und vor allem das leicht Richtung Talking Heads tendierende „Stop Making This Hurt“ im Angebot. Aber auch reichlich ruhiges, nachdenkliches, ja trauriges Material wie „Secret Life“, auf dem Lana del Rey mitsingt. „Mein zentrales Thema auf der Platte ist die Unmöglichkeit, Freude und Hoffnung auf Dauer aufrechtzuerhalten. Ich habe zu viel Trauer erlebt, um unbeschwerte Musik zu machen, auch wenn mir das in seltenen Momenten gelingt.“ Mit 13 starb Jacks jüngere Schwester an Krebs, seine Arbeit beinhalte „mich unbequemen Fragen rund um meine Familie zu stellen und mich auch mit Ängsten und dem Dunklen zu konfrontieren, um daraus Zuversicht zu schöpfen.“


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