Dienstag, 21.12.2021, 11:00 Uhr

Alo Thadeus im Interview: „Es ist Zeit, einen Song zu machen“

Der Rapper Alo Thadeus ist in Goslar aufgewachsen und lebt mittlerweile in Braunschweig. Foto: Bake

Er ist Newcomer, Rapper und für viele wahrscheinlich noch ein Geheimtipp. Der 26-jährige Alo Thadeus hat musikalisch einiges ausprobiert und damit auch bereits polarisiert. „Bin ich nicht“, „Nachtaktiv“ und „Chuck Bass“ ist nur eine Auswahl der bereits 15 veröffentlichten Songs, die auf YouTube, Apple Music, Spotify und anderen gängigen Streamingdiensten zu finden sind. Der nächste Release folgt an Silvester.

Goslar. Der Musiker Alo Thadeus ist in Goslar aufgewachsen und spricht in einem Interview über seine Anfänge im Musikbusiness, warum ihm Ehrlichkeit in seinen Texten extrem wichtig ist, wie er mit Hate umgeht und warum er glaubt, dass seine Musik die Beste sein wird.

Dein echter Name ist Thadaeus Friedemann Otto, wie kam es zu Deinem Künstlernamen Alo Thadeus?

Für eine internationale Karriere wollte ich einen Künstlernamen haben, der auf Englisch funktioniert. Ich lag auf meinem Bett und mir ist der Name „Alo“ einfach eingefallen. Thadaeus ist der Name, den mir meine Mutter gegeben hat und den wollte ich nicht ablegen. Ich wollte einen Künstlernamen haben, der männlich und weiblich, sowohl alt als auch neu und der antik aber auch futuristisch klingt.

Es war mir wichtig, dass der Name in allen Sprachen verständlich ist. Und das „a“ in Thadaeus habe ich weggelassen, weil es im englischen einfach keinen Sinn ergibt.

Vor Kurzem habt Ihr in Zusammenarbeit mit Nathan KnK undPelé810 Euren neuen Song „Nachtaktiv“ released. Wie entsteht so ein Song?

Der Song stammt von NathanKnK - Das ist ein Künstler, den meine rechte Hand Martin Moll entdeckt hat. Nathan fand die Idee cool, eine Hook für mich zu schreiben, aber mit seiner Songidee. Allerdings ist es für mich als Künstler schwer, den Text von jemand anderem zu performen. Die Melodie und der Flow vom Song haben mir sehr gut gefallen, deswegen habe ich von meinem Part die Lyrics verändert. So hat es sich entwickelt, dass ich den Refrain für den Song übernommen und auch noch einen Part selbst geschrieben habe.

Wir wollten dem ganzen Song aber noch etwas mehr persönliche Bedeutung geben. Nathan hatte zwischenzeitlich drei verschiedenen Jobs und strebt nebenbei noch eine Karriere als Musiker an - auch das sollte Teil des Liedes werden. Mir persönlich ist es beim Schreiben sehr wichtig, dass ehrliche Aspekte, Individualität, Authentizität und persönliche Elemente enthalten sind. Wie zum Beispiel bei meinem Teil: „schieb ne Doppelschicht mit Kopfhörern“. Mein Job ist es nämlich, jeden Tag bis tief in die Nacht Musik zu machen. Der Song heißt „Nachtaktiv“, deswegen wollten wir darüber schreiben, was wir in der Nacht so erleben. Ich schreibe darüber, wie ich in der Nacht Musik mache, Nathan, wie er sich durch die Nacht schuftet und Pelé810 ist auf der Suche nach Geld. Der Song ist gerade unter dem lyrischen Aspekt gut gelungen, weil jeder seine eigene Geschichte erzählt.

Wie hast Du mit der Musik angefangen?

Ich habe vor rund fünf Jahren angefangen, am Computer mithilfe eines Programms digitale Instrumente und Drums einzuspielen. Danach habe ich auf meine eigenen Beats gerappt und Texte geschrieben. Diese waren mir zu dieser Zeit allerdings noch nicht gut genug, weswegen ich erst mal auf Internetbeats zurückgegriffen habe. Wenn ich einen Beat besonders fühle, durch den Rhythmus, die Melodie oder das Instrument, überlege ich mir dabei, welche Geschichte ich zu diesem Beat erzählen möchte.

Ich spüre dann in mir, es ist Zeit, einen Song zu machen.

Wo holst Du Dir Deine Inspiration für neue Songs?

Ich fing an, Dinge, die mich berühren, aufzuschreiben. Es können Wörter, Situationen oder Farben sein. Ich beschreibe im ersten Schritt nur eine Situation. Dann können noch Dinge dazukommen, die mir persönlich wichtig sind. Gesellschaftliche Sachen, meine Vergangenheit, Situationen, die in der Zukunft passieren könnten, Wünsche, Träume, Ängste oder Sorgen.

Größtenteils hole ich mir meine Inspiration aus dem Alltag, aus meinem privaten Leben und aus meiner persönlichen Wahrnehmung auf das Leben. Was ich denke, was ich fühle, was ich für wichtig erachte. Es müssen am Ende Dinge sein, die es würdig sind, niedergeschrieben zu werden. Und sehr wichtig ist natürlich auch, dass ich Situationen oder Gegebenheiten aufschreibe, die andere nachempfinden können oder vielleicht auch schon durchmachen mussten.

In Deinem Song „Zeit Lang“ sagst Du, dass Du dachtest Ihr würdet scheitern. Worauf ist das bezogen?

Bei der Hook von „Zeit Lang“ habe ich mich sehr an Nathans Lyrics orientiert. Er singt darüber, dass es ihm schlecht geht und er viel durchmachen muss. Daher habe ich mich bei meinem Part sehr an der Stimmung von Nathan orientiert. Man kann daher nicht sagen, dass es auf irgendetwas Bestimmtes bezogen ist. Ich glaube viele Leute haben das Gefühl, das es oft sehr lange dauert, bis sich ihr Traum erfüllt. Sei es ein bestimmter Job, etwas Materielles oder eine Liebesbeziehung. Dieses Verlangen, was jeder in sich trägt, wo man noch hin oder was man haben möchte. Dafür muss man häufig sehr geduldig sein und deswegen glaube ich, dass viele den Gedanken „Fuck, es geht nicht mehr, aber ich muss jetzt trotzdem weiter machen“ nachvollziehen können.

Im Zusammenhang mit Deiner Single „Cry for Love“ zeigst Du auf Instagram Deine Bisexualität. Bist Du damit schon immer so offen umgegangen oder gab es einen Zeitpunkt, an dem Du Dich geoutet hast?

Ich habe mich 2018 geoutet. Die erste Person, der ich es erzählt habe, war unsere damalige Haushaltshilfe und etwas später habe ich es dann in die WhatsApp-Gruppe von mir und meinen Freunden geschrieben. Sie haben mir dann auch alle schnell geantwortet und meinten, dass für sie nur zählt, dass ich glücklich bin. Ich glaube, wenn man bisexuell ist, hat man nicht unbedingt das Gefühl etwas zu unterdrücken. Wenn ich schwul gewesen wäre, hätte ich das wahrscheinlich schon früher gespürt.

Tatsächlich war es am Ende der HipHop, der mich dazu gebracht hat, mich zu outen. Denn imHipHop, so habe ich es gelernt, muss man immer ehrlich sein. Es ist eines der wichtigsten Bestandteile dieser Musik und deshalb habe ich mich dazu entschieden, mich zu outen.

Hattest Du schon mit Hate zu tun und wenn ja wie gehst Du damit um?

Das erste Mal nach dem Release des „Cry for Love“ Videos. Ich war zu dieser Zeit irgendwie sehr wütend und dann habe ich zu der ersten Version von „Cry for Love“ von Freunden auch noch negatives Feedback bekommen, und das hat mich dann noch wütender gemacht. Auch, wie im HipHop mit Bi- und Homosexualität teilweise noch umgegangen wird, hat mich sehr aggressiv gemacht. Aus diesem Grund ist die Zeile: „Imma fuck your brother, fuck your mama, fuck your papa, fuck your sister. I’m the baddest export product here from Europe, yeha since Hitler“ entstanden.

Ein bisschen Internet-Hate habe ich dann wegen des Hitlervergleichs bekommen, was ich aber auch vollkommen verstehen kann. Ich habe das bewusst als Provokation und Ausdruck meiner eigenen Wut geschrieben.

Zu meiner Sexualität habe ich bisher nicht viel Hate bekommen. Allerdings ist erst letztens etwas dazu vorgefallen. Zu dem Song „Nachtaktiv“ hat jemand Nathan geschrieben, der meinte: „Ey, der Deutsche in dem Song ist schwul. Du kannst auch bei uns im Studio deine Songs aufnehmen und musst nicht mehr mit dem zusammenarbeiten“.

Das war die erste Abneigung, die ich bezüglich meiner Sexualität erfahren musste. Allerdings hat das meine Freunde viel aggressiver gemacht als mich selbst. Mich verletzt das persönlich nicht so sehr, weil ich glaube, dass viele Menschen die so homophob sind, dass vielleicht gar nicht aus ihrer Überzeugung sind, sondern weil sie in engstirnigen Konstrukten aufwuchsen, die ihnen von klein auf beibringen, dass Bi- oder Homosexualität nicht in ihr Weltbild passt.

Dass Du Dich in für eine Musikkarriere entschieden hast, fällt schon etwas aus der Kleinstadtnorm. Hat diese Entscheidung die Beziehung zu Deiner Familie verändert?

Nein. Vor allem von meiner Mutter, die leider 2019 verstorben ist, habe ich sehr viel Unterstützung erhalten. Sie hat immer zu mir und meinen Geschwistern gesagt, dass wir alles machen, werden und erreichen, können was wir wollen.

Mein Vater hingegen ist immer der rationalere Part gewesen. Mit ihm bin ich auch öfter aneinandergeraten, als ich meinte, dass ich mich voll auf die Musik konzentrieren und damit mein Geld verdienen möchte. Er wollte natürlich lieber, dass ich erst mal studiere oder eine Ausbildung mache - einfach etwas „Vernünftiges“.

Hast Du konkrete Ziele für die Zukunft?

Auf jeden Fall strebe ich eine internationale Karriere an! Mein Traum wäre es eine Kultur zu erschaffen von Musik, von HipHop, die international übergreifend ist und die Grenzen nach oben hin verschwimmen lässt. Eine Kultur, in der es ganz normal ist, dass Musiker aus Deutschland mit Musikern aus Amerika und England zusammenarbeiten.

Daher wäre ein Ziel natürlich, dass man mich in diesen Ländern kennt. Das ist auch der Grund, warum ich in Zukunft hauptsächlich Musik auf Englisch machen werde, einfach um international bekannt zu werden.

Warum sollte man Dich und Deine Musik hören?

Meine Musik sollte man hören, weil sie die Beste sein wird. Und meine Musik sollte man hören, weil sie anders ist. Weil ich jeden Song versuche anders klingen zu lassen, eine andere Geschichte zu erzählen, ein anderes Gefühl zu erzeugen, eine neue Farbe und Form zu entwickeln. Meine Lieder sind immer sehr nah an dem, was mir gerade passiert und hoffentlich auch an dem, was der Welt und den Menschen gerade passiert. Dadurch unterscheidet sie sich stark von anderer Musik.


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