Freitag, 11.12.2020

Nachhaltigkeitsprojekt: Nein zu Auto, Plastik und Fleisch

Leserbrief

Goslar. In unserer Zeit sind Umweltschutz und Nachhaltigkeit wichtiger denn je. Darin dürfte man sich einig sein. Doch mit der Umsetzung hapert es: Die Idee, die tägliche Routine nachhaltiger zu gestalten, erscheint häufig zu kompliziert und zu anstrengend, um sie letztendlich zu verwirklichen. 

Aber ist es tatsächlich so schwierig, seinen Teil beizutragen? Eine neunköpfige Gruppe des 13. Jahrgangs am Ratsgymnasium Goslar hat den Selbstversuch gewagt – und im Zuge ihres „Nachhaltigkeitsprojekts“ 41 weitere Schüler und Lehrer ihrer Schule dazu bewegt, eine Woche lang möglichst plastik- oder autofrei, vegetarisch oder vegan zu leben.

„Wir sind quasi die Generation Fridays for Future. Wir sind uns alle einig, dass etwas passieren muss“, erklärt Laura Mrosek. Sich dieser Verantwortung bewusst, hatten die Schüler das Thema der Gruppenarbeit im Seminarfach schnell ausgelotet. Jeder sollte versuchen, nachhaltiger zu leben und etwas Neues auszuprobieren. Damit die Datenerhebung umfangreicher sein würde, sollten aber noch mehrere mitmachen und die Ergebnisse am Ende durch eine Umfrage zusammengetragen werden. Um möglichst viele Schüler und Lehrer zur Teilnahme zu motivieren, verloste die Gruppe einen Gutschein des „Unverpackt“-Ladens in Goslar. Insgesamt 50 Teilnehmer, die Initiatoren eingeschlossen, haben schließlich den Selbstversuch gewagt. „Jeder durfte selbst aussuchen, welches Experiment er wählt. Das hat sich relativ gut verteilt“, sagt Elisa Mertens. „Der größte Teil hat vegetarisch gelebt, was zu erwarten war, weil es die wahrscheinlich leichteste Umstellung ist. Dafür hat aber jeweils knapp ein Fünftel auto- und plastikfrei gelebt. Die restlichen 25 Prozent haben vegan gegessen. Dadurch hat sich ein gutes Gesamtbild ergeben“, stellt sie zufrieden fest.

Das Auto stehen gelassen

Normalerweise fährt Carina Kleudgen mit dem Auto zur Schule. In der Projektwoche tauschte sie den gemütlichen fahrbaren Untersatz gegen den harten Fahrradsattel und strampelte sieben Tage lang von zu Hause, nahe der Granetalsperre in Astfeld, zum Ratsgymnasium und wieder zurück – wohlgemerkt ohne Elektroantrieb. Ihre Fahrzeit von sonst zehn Minuten hat sich dadurch vervierfacht. „Es war nicht leicht. Aber es hat auch Spaß gemacht. Wenn man morgens an der Schule angekommen war, war man auch gleich viel frischer im Kopf und hatte schon die Sporteinheit für den Tag hinter sich“, rekapituliert Carina fröhlich. „Ich glaube, beim Thema autofrei ist die Bequemlichkeit die Hürde. Für mich war es kein großes Problem, weil ich ein Morgenmensch bin. Aber für andere ist es sicherlich nicht ganz so einfach“, relativiert die 18-Jährige.

Zur Bequemlichkeit kommt die Gewohnheit als Hürde hinzu, wie Elisa durch ihren Selbstversuch festgestellt hat. Sie hat eine Woche lang vegetarisch gelebt. „Das größte Problem war, aus seiner Gewohnheit herauszukommen und nicht in den alten Rhythmus zu verfallen“, berichtet die 19-Jährige. Obwohl Fleisch eigentlich ein Genuss für sie sei, habe es ihr gar nicht groß gefehlt: „Ich habe mich sogar besser gefühlt, weil ich wusste, dass ich dadurch der Umwelt und den Tieren etwas Gute tue. Und es war relativ einfach, weil vegetarische Alternativen mittlerweile weitverbreitet sind“, sagt Elisa.

Laura Mrosek (von vorne links) und Tom Kopitz ließen sich in einem Gespräch mit Sandra Grischke (von hinten links) und Cornelia Schönfelder vom Goslarer „Unverpackt“-Laden Tipps zu nachhaltigem Konsum geben.

Das Experiment, vegan zu leben, erforderte schon mehr Planung, wie Charlotte Reul verdeutlicht. Sie musste größtenteils für sich alleine kochen, weil ihre Familie regelmäßig Fleisch esse. Das Essen an sich sei zwar lecker gewesen, doch selbst nach den Mahlzeiten habe die18-Jährige häufig ein unangenehmes Hungergefühl geplagt. Vegan zu leben, komme für sie daher nicht infrage. Dafür könne sie es sich vorstellen, künftig vegetarisch zu essen.

Essen spielte auch in Finja Henkis und Laura Mroseks Selbstversuch eine entscheidende Rolle. Beide produzierten eine Woche lang so wenig Plastikmüll wie möglich. Am schwierigsten fiel Finja das beim Lebensmittelkauf: „Man konnte eben nicht mehr die Bohnen aus der Metalldose nehmen, sondern musste alles frisch kochen“, berichtet die 18-Jährige. Das habe zwar mehr Planung verlangt, sei mit Blick auf die gesunde und frische Ernährung aber schön gewesen. „Andererseits musste man auf viel Leckeres verzichten, wie auf Riegel oder Süßigkeiten, die es einfach nicht ohne Plastikverpackung zu kaufen gibt“, fügt sie an. Da stimmt Laura ihr zu: „Man bemerkt beim Einkaufen erst, wie viel überhaupt in Plastik verpackt ist.“ Deshalb haben die beiden vor ihrem Selbstversuch bei „Goslar Unverpackt“ vorbeigeschaut: Früchte, trockene Lebensmittel, Getränke aus der Glasflasche, Waschmittel zum Abfüllen, Holzzahnbürsten, festes Duschgel und Haar-Seife seien Produkte, die man unkompliziert besorgen und gegen die üblichen Plastikprodukte zu Hause eintauschen könne. „So kann man reduzieren, ohne zu große Abstriche zu machen“, meint Finja. Plastikmüll gänzlich zu vermeiden, ist den Schülerinnen nicht gelungen. Im Vergleich zur vorherigen Woche sei der Plastikmüll aber um gute zwei Drittel geschrumpft. Ein Ergebnis, das die Mädchen durchaus zufrieden stimmt.

Mut zu kleinen Schritten

Genau solch eine Einstellung ist es, die sich Elisa für die Gesellschaft im Umgang mit dem Versuch zu mehr Nachhaltigkeit wünscht: „Man sollte den Leuten vermitteln, dass man dabei nicht perfekt sein und auch nicht auf alles verzichten muss. Schon kleine Schritte zu gehen, macht einen Unterschied.“

Das sieht auch der Rest der Gruppe so. Aus dem siebentägigen Selbstversuch haben sie allesamt positive Erfahrungen mitgenommen und wollen auch weiterhin daran festhalten, etwas nachhaltiger zu leben.

Carina will in den warmen Jahreszeiten so oft wie möglich mit dem Fahrrad zur Schule fahren, Elisa will künftig lieber nur einmal in der Woche Fleisch essen, Charlotte will ebenfalls ihren Fleischkonsum herunterschrauben und die Kuhmilch gegen den Haferdrink eintauschen, und Laura und Finja wollen weiterhin beim festen Duschgel, der Haar-Seife und der Holzzahnbürste bleiben. Die Hoffnung ist, dass die restlichen Teilnehmer des Experiments es ähnlich handhaben werden. Die Chancen stehen gut: In der Umfrage gaben 70 Prozent an, ihr Konsumverhalten ändern und nachhaltiger leben zu wollen.









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