Sonntag, 18.10.2020

Guter Wille und harte Arbeit zahlen sich aus

Leserbrief

Harz. Daniel Lylov und Amelia Dubinska vom Werner-von-Siemens-Gymnasium in Bad Harzburg sind ein gelungenes Beispiel dafür, dass Integration mit einer ordentlichen Portion Ehrgeiz mehr als gelingen kann. Die Jugendlichen aus Russland und Polen gehören zu den bundesweit 183 von 1061 Bewerbern, die vor Kurzem mit einem dreijährigen Stipendium der Start-Stiftung ausgezeichnet wurden. Zahlreiche Workshops und Seminare erwarten die beiden, darüber hinaus ein jährliches Bildungsgeld von 1000 Euro. Im Gespräch mit der Jungen Szene erzählen sie von ihrem Weg nach Deutschland und verraten, womit sie bei der Jury gepunktet haben.

Gleich zu Anfang des Gesprächs mit Daniel Lylov aus Bad Harzburg wird klar: Er sucht die Herausforderung. Vormittags Schule, nachmittags Hausaufgaben, anschließend Sport – für die eigene Fitness und die der anderen. Dank seiner jahrelangen Erfahrung im Verein ist der 16-Jährige bereits Schwimm- und Leichtathletiktrainer für Kinder und Jugendliche. Vor Ausbruch der Pandemie war er zusätzlich sieben Stunden die Woche als Rettungsschwimmer im Silberbornbad tätig. Und dann gibt es da noch die „Workout and Fitness-AG“ am Niedersächsischen Internatsgymnasium Bad Harzburg, die er leitet. Außerschulisches Engagement als dickes Plus für die Bewerbung? Check.

„Die meisten Stiftungen wollen sehen, dass man den Willen hat, etwas zu verändern“, erklärt der Elftklässler. „Aber jede Stiftung hat ihre eigenen Ideale. Mit denen muss man übereinstimmen. Beim Start-Stipendium hat mich das Ziel angesprochen, aus jungen Leuten Macher zu machen. Ich will mit neuen Aufgaben konfrontiert werden, mit verschiedenen Menschen zusammen kommen und dadurch neue Perspektiven gewinnen.“

Einsatz ist A und O

Daniel gewährt einen Einblick, wie das bei Start funktioniert. Im ersten Webinar sprach zunächst ein Historiker über die deutsche Wiedervereinigung, danach mussten die Jugendlichen ein eigenständiges Projekt zum Thema durchführen. Die Schwerpunkte ihrer Arbeit sowie die Form des Projekts, ob etwa Videobeitrag, Interview oder Rollenspiel, durften die Schüler selbst bestimmen. Diese Freiheit genießt Daniel. In der Schule fehle ihm oft der kreative Freiraum. Er denke lieber „outside the box“, teste alternative Wege, wie er erzählt.

Aber woher kommt dieser Ehrgeiz, diese Energie, so vieles anzupacken? „Manchmal fragen mich meine Freunde, ob ich überhaupt noch Zeit für mich habe“, sagt Daniel schmunzelnd. „Aber ich mag es, mich zu beschäftigten. Es ist anstrengend, aber ich suche die Herausforderung. Jeden Tag lerne ich etwas anderes. Das rentiert sich irgendwann“, ist er sich sicher.

Ehrgeiz geerbt

 

Als Jugendtrainer will Daniel seine Leidenschaft zum Sport an andere weitergeben.
Möglicherweise hat er den Ehrgeiz auch von seiner Mutter geerbt, die vor 15 Jahren entschied, mit ihrem eineinhalbjährigen Sohn aus Russland auszuwandern und in Deutschland ein Leben mit besseren Karrierechancen zu wagen. „Für meine Mutter war es anfangs sehr schwierig. In Russland hat sie sich Deutsch übers Internet selbst beigebracht und es im Studium in Deutschland nach learning by doing verbessert“, erzählt der Bad Harzburger stolz. Ihm seien das Erlernen der Sprache und Fußfassen in Deutschland durch den Kindergarten viel einfacher gefallen.

360-Grad-Wendung

Amelia Dubinskas Weg nach Deutschland dagegen war für die 17-Jährige ein einschneidendes Erlebnis. Bis 2015 lebte sie mit ihren Geschwistern und ihrer Mutter in Polen. Ihren Vater sah sie nur selten, weil er für eine in Braunlage ansässige Baufirma arbeitete. „In den Sommerferien hieß es dann, dass wir Urlaub in Deutschland machen und meinen Vater besuchen. Wir sollten all unsere Sachen packen. Als wir in Braunlage waren, haben uns unsere Eltern eine Wohnung gezeigt und gesagt: Hier werden wir jetzt leben“, erinnert sich Amelia. Freunde, Verwandte, die gewohnte Umgebung – all das lang plötzlich hinter der damals 12-Jährigen. „Aber nach ein paar Tagen wollte ich nicht mehr zurück. Ich dachte mir: Hier wird es uns besser gehen.“

 

Amelia will sich vor allem gegen Armut einsetzen. Fotos: Dämgen
Dass die Lebensbedingungen in Polen hart sein können, hat Amelia als Kind schnell verstanden. „Viele Menschen wissen dort nicht, wie sie aus der Armut herauskommen sollen, obwohl sie sich anstrengen“, erklärt die Braunlagerin. Deshalb wurde sie schon mit 10 Jahren sozial aktiv: Für mehrere unabhängige Organisationen sammelte sie Spenden, von denen etwa medizinische Geräte für Kinder in Krankenhäusern finanziert wurden. „Ich fand es nie in Ordnung, dass es Leute gibt, die noch viel weniger Geld haben als ich damals“, sagt Amelia.

Hoffnung auf Gleichgesinnte

Durch ihr Start-Stipendium erhofft sie sich nun, mit Gleichgesinnten dagegen anzugehen. Auch für mehr Gleichberechtigung und gegen Rassismus will sich die17-Jährige einsetzen. Engagieren tut sie sich aber bereits: Seit Anfang des Jahres ist sie Helferin beim Deutschen Roten Kreuz, absolviert bald einen Lehrgang zur Rettungssanitäterin und würde nach ihrem Praktikum im Seniorenzentrum am Park in Braunlage dort auch gerne weiter aushelfen.

So viel Tatkraft nach nur 5 Jahren Eingewöhnung hat die Jury von Start überzeugt. Amelia freut sich jetzt drauf, durch die Start-Projekte neue Bekanntschaften zu schließen und sich persönlich weiterzuentwickeln. Angesichts der Hürden, die sie und Daniel bisher gemeistert haben, wird sicherlich auch diese Mission ein Erfolg.









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