Montag, 07.12.2020

Goslar ist nicht Ibiza, aber lange noch nicht „trist“

Leserbrief

Goslar. „In Goslar haben alle Kinder Super RTL geguckt. Dort aufzuwachsen ist trist“, stand kürzlich in fett gedruckten Buchstaben auf der Mitte einer Doppelseite des Magazins „tip Berlin“. 

Auf dem Foto dahinter eine große, blonde Frau in glitzerndem Hosenanzug. Moment mal. Das ist doch Ava Vegas, die jetzt in Berlin als Sängerin durchstarten will. Oder besser gesagt die ehemalige Goslarerin Sarina Giffhorn, die vor knapp einer Woche im Interview mit der Jungen Szene nur so von der Stadt schwärmte.

Das riecht faul. Ein genauerer Blick offenbart den Zusammenhang. Ava spricht darüber, wie sie sich auf Ibiza erstmals mit 14 Jahren in einen Club schmuggelte und fortan an den Wochenenden heimlich mit ihren Freunden in Berliner Techno-Clubs feiern ging. Hier kommt die Kaiserstadt ins Spiel: „In Goslar haben irgendwie alle Kinder Super RTL geguckt. Dort aufzuwachsen ist ziemlich trist für Jugendliche.“

Nun rückt alles in Perspektive. Zwar sind es keine charmanten Worte, die die Sängerin über ihre Heimatstadt verliert, doch sie widerspricht sich auch nicht in dem, was sie in unserem Interview behauptete. Goslar beschrieb sie als einen Art Ruhepol: „Wenn ich nach Goslar komme, ist es jedes Mal wie Urlaub für mich“, sagte sie, was sich durchaus ins Gesamtbild fügt.

Über ihre Jugend sprachen wir im Interview nicht ausführlich. Lediglich fielen die Eckdaten. Wo sie zur Schule ging, wo sie Gesangsunterricht nahm, welche Freundschaften sie schloss. Gelogen hat sie nicht. Gut so, das hätte sonst aber Stunk gegeben. Und ich hätte meine vermeintliche Menschenkenntnis überdenken müssen, denn Sarina wirkte in ihrem Auftreten stets authentisch und sympathisch. Aber irgendwie wäre es dann doch schöner gewesen, die ausgesparten Fakten wären von Anfang an offengelegt wurden. Nach dem Motto: So war es für mich damals und jetzt ist es anders.

Aber zugegeben: Dass jungen Goslarern ihre Stadt manchmal etwas öde scheint, hört man nicht zum ersten Mal. Ist schon klar, dass junge Erwachsene, die gerne feiern gehen, mit dem mauen Angebot an Clubs nicht zufrieden sind. Und das darf man offen sagen, ohne dafür angemacht zu werden. Triste ist unsere Stadt deshalb trotzdem nicht.

Lächerlich ist aber, dass ein Berliner Magazin solch ein spitzes Zitat hervorhebt, obwohl das Wort „Goslar“ nur zwei Mal im Artikel fällt, überhaupt keine zentrale Rolle darin spielt und alleinstehend viel Raum für Missinterpretation lässt. Hat es eine Zeitschrift nötig, eine andere Stadt so plakativ negativ dastehen zu lassen, um sich selbst als exklusiver zu präsentieren? Im Endeffekt schadet die Redaktion dem Ruf ihrer Stadt nur selbst. däm









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