Montag, 23.11.2020

Ein positiver Blick auf die Spielewelt

Leserbrief

Zum Abschalten, zum Dampfablassen oder einfach nur zum Spaß an der Freude: Das Zocken an PC oder Konsole gehört für viele Teenager zum Alltag. Aber ist das nicht ungesund? Benjamin Hillmann von der „Stiftung Digitale Spielekultur“ und Stefan Neubert, Leiter der „GamesTalente-Akademie“ 2020, geben Entwarnung. Zocken sei gar nicht so schädlich wie häufig vermutet. Im Gegenteil: Moderater Spielkonsum könne sich durchaus positiv auf junge Spieler auswirken.

Stefan Neubert. Foto: Privat
Fantasy, Action, Strategy, Jump ’n’ Run, Survival, Simulation – so lang die Liste der Videospiel-Genres ist, so vielseitig ist auch die Wirkung der Games: „Welche Fähigkeiten ein Spiel fördert, ist stark individuell abhängig“, erklärt Hillmann. Grundsätzlich zeichne Videospiele ihre Interaktivität aus: „Man kann Einfluss auf den Verlauf einer Geschichte nehmen, sich im Wettkampf mit anderen messen oder in andere Rollen schlüpfen. Man kann sich ausprobieren“, erklärt der Experte. Doch es gebe auch Spiele, die gezielt Fähigkeiten wie etwa logisches Denken oder die Kombinationsgabe fördern. Das lasse sich gut am Beispiel „E-Sport“ beobachten. „Professionelle Spieler haben sich ein unglaublich schnelles Reaktionsvermögen antrainiert“, sagt Hillmann.

Doch auch soziale Kompetenzen würden beim Spielen vermittelt, betont Stefan Neubert: „Ob man mit anderen spielt, die gleiche Interessen teilen, oder gemeinsam nach Lösungen für Probleme sucht: Das sind alles soziale Strukturen, die da wachsen. Das ist dieselbe Chance, die auch Sport bietet. Die Spielewelt ist nur ein weiteres Medium dafür.“

„Videospiele haben die Möglichkeit, eine Gesellschaft zu gestalten. Sie prägen Idealbilder. Wenn ich Games spiele, in denen zu 90 Prozent Männer mit muskelbepackten Körpern auftauchen, dann ist es dieses Rollenbild, das ich lerne. Glücklicherweise gibt es auch Spiele, die es anders machen und diverse Charaktere, etwa aus der LGBTQ+-Community zeigen, oder schlicht gar keine Geschlechter zuordnen“, erklärt Neubert. „Das betrifft vor allem die Indie-Szene. Aber man kann sehen, dass das langsam auch in größere Produktionen überfließt“, ergänzt Hillmann.

Benjamin Hillmann. Foto: Tim Flavor
Eine durchaus positive Bilanz, die die beiden Medienexperten ziehen. Dabei haben Videospiele längst nicht immer den besten Ruf genossen. Nicht zuletzt wurden in der Vergangenheit Ego-Shooter wie „Call Of Duty“ beschuldigt, gewalttätiges Verhalten zu provozieren. Doch Hillmann stellt klar: „Alle relevanten Studien zeigen, dass es keinen Zusammenhang zwischen Aggressivität und Spielen mit gewalthaltigen Inhalten gibt. Neue Medien werden immer erst einmal sehr kritisch gesehen. Die Vorwürfe sind meist haltlos, weil die Rückschlüsse rein aus der Beobachtung getroffen werden.“

Trotzdem müsse man beim Zocken wachsam sein, mahnen die Fachmänner. Mit Vorsicht sollen Spieler etwa In-Game-Käufe betrachten, die man oft in Free-to-play Spielen finde. „So ein Spiel ist auf den ersten Blick toll, weil man es kostenlos spielen kann. Aber oft wird man dazu verleitet, über die Zeit mehr Geld auszugeben als für ein Spiel, das man zu einem festen Preis kauft. Letztlich sind es wirtschaftliche Produkte“, ruft Hillmann in Erinnerung. „Das sollte man sich vor Augen halten.“

Kontrolle behalten

Neubert verweist derweil auf „suchtgefährdende Mechanismen“ in Spielen mit Belohnungssystemen. „Wenn ich über Monate hinweg dauerhaft Punkte sammle, kann es sein, dass ich das Spiel schneller zum Lebensinhalt werden lasse.“ Oberstes Gebot beim Zocken sei deshalb, genug Pausen einzulegen.

„Der Begriff Spieleabhängigkeit ist umstritten“, sagt Hillmann. „Die Weltgesundheitsorganistaion hat die Gaming-Disorder mit in ihren Katalog aufgenommen. Aber um zu sagen, was so eine Abhängigkeit ausmacht, fehlen empirische Daten.“ Neubert rät deshalb, darauf zu achten, das Spielen nicht „ausarten“ zu lassen und sich auch mal von den Games zu distanzieren.

Für eine angemessene Spieldauer gebe es keine strikten Regeln. Dennoch empfehle es sich für Teenager, nicht länger als 120 Minuten pro Tag zu spielen, erklärt Hillmann. Bei Kindern unter zehn Jahren sollten es nicht mehr als 60 Minuten sein. Wenn Jugendliche doch mal etwas länger spielen, muss sie aber nicht gleich ein schlechtes Gewissen plagen, finden die Experten: Hauptsache, wichtige Dinge geraten durch das Spielen nicht in den Hintergrund und man kann auch ohne das geliebte Videospiel Spaß haben. däm

GAMESTALENTE-AKADEMIE

Das Förderprogramm des Talentförderzentrums „Bildung & Begabung“ und der „Stiftung Digitale Spielekultur besteht aus einem Wettbewerb mit anschließender Akademie, in der Jugendliche mit der Hilfe von Fachleuten eigene Spielekonzepte umsetzen. Die nächste Runde startet im Frühjahr 2021. Nähere Infos gibt es unter gamestalente.de. 









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