Dienstag, 03.11.2020

Den Blick schärfen für ein starkes Europa

Leserbrief

Nini Tsiklauri hat nur eine Mission vor Augen: die Europäische Union stabilisieren. Warum? Als geborene Georgierin hat sie früh gelernt, dass Freiheit und Frieden keine Selbstverständlichkeiten sind – und schon gar keine, auf denen man sich ausruhen sollte.

1993 flüchtet Nini mit ihrer Familie vor dem Bürgerkrieg in Georgien nach Ungarn, zehn Jahre später zieht sie nach Deutschland. Als sie als Urlauberin in ihr Heimatland zurückkehrt, gerät sie mitten in die Bombenangriffe im Kaukasuskrieg. „Wenn ich das hier überlebe, dann werde ich alles in meiner Macht Stehende für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit tun“, schwört sich die damals 16-Jährige.

Heute ist Nini Tsiklauri studierte Politologin und Europa-Aktivistin bei der zivilgesellschaftlichen Bewegung „Pulse of Europe“. In ihrem ersten Buch teilt sie ihre Lebensgeschichte und fordert dazu auf: „Lasst uns um Europa kämpfen.“ Das Gespräch führte Lea Dämgen.

In „Lasst uns um Europa kämpfen“ schwärmst du nur so von der EU. Was begeistert dich am meisten an ihr?

Nini Tsiklauri: Es geht hier um Freiheit, Menschenrechte, Gleichberechtigung und eine offene Gesellschaft. Nirgendwo anders auf der Welt steht die Würde des Menschen so im Vordergrund und wird geschützt wie in der EU. Wir können wirklich stolz auf dieses Projekt sein.

Trotzdem ist nicht jeder so von der Europäischen Union überzeugt wie du. Woran liegt das?

Ich glaube, dass das menschlich ist. Wir haben uns einfach daran gewöhnt. 70 Jahre Frieden, das ist vor allem für meine Generation, die hier in der EU geboren worden ist, so normal wie Toastbrot (lacht). Ich glaube, wir betrachten das zu sehr als Normalität. Wenn man die andere Seite des Medaillons gesehen hat und weiß, wie sich Krieg anfühlt und wie es ist, außerhalb dieser Gemeinschaft jenseits von Menschenrechten und dieser Garantie für Frieden zu leben, dann wird das Ganze greifbar.

Wozu kann diese vergessene Wertschätzung führen?

Zum Beispiel dazu, dass man die Europapolitik nicht mehr berücksichtigt oder aus dem falschen Blickwinkel betrachtet. Manchmal kursiert in den Medien, dass die EU mal wieder etwas „verbockt“ hat. Dann ist man sich als Einzelner häufig nicht sicher, wer dahinter steckt. Ganz oft sind es nationale Regierungen, die die Schuld auf Brüssel schieben, wenn etwas schief läuft. Wenn aber etwas gut läuft, wird der Erfolg eher für sich beansprucht. Dabei gibt es einige Mitgliedsstaaten, die noch nicht ganz europakonforme Entscheidungen treffen. Das ist eine Gefahr, die ich sehe, die wir zu bekämpfen haben. Damit meine ich aber nicht, dass sie von einer anti-europäischen Seite ausgeht. Eigentlich ist es die schweigende Mehrheit, die gegenüber der europäischen Idee zwar positiv eingestellt, aber apathisch ist und sich dieser verzehrten Wahrnehmung nicht bewusst ist. Es ist wichtig zu sehen, dass es viel zu viele Mythen, Missverständnisse und Schuldzuschreibungen an die EU gibt, die nicht berechtigt sind.

 

Was kann dieser verzehrten Wahrnehmung entgegenwirken?

Man braucht Leute, die sich darauf fokussieren, die Lücke der Kommunikation zwischen der EU und den Bürgern zu schließen – seien es Aufklärungs- und Bildungsarbeit an Schulen oder kleinere Bürgerdialoge. Das ist es, was ich versuche, anzukurbeln, eine Schärfung des europäischen Bewusstseins.

Dieses Umdenken soll nach deiner Meinung die Zivilisation, Menschen wie du und ich, anstoßen. Was kann jeder Einzelne von uns tun, um den Stein ins Rollen zu bringen?

Ich habe zwei Wege herausgefunden, wie man in den nächsten zwei Jahren am besten an die Sache herangeht. Das erste sind Do Tanks. Es geht darum, dass man in einer Kleingruppe jede einzelne Person ermutigt, sich zu fragen: Was kann ich mit eigenen Mitteln dazu beitragen, das europäische Bewusstsein zu stärken? In der Weihnachtszeit haben wir in Wien einmal die Aktion „Glühen für Europa“ gestartet und dort für einige Abende ein paar Weihnachtsmarktstände übernommen. Wir haben sie mit Europafahnen geschmückt, Glühwein und Essen angeboten und die Einnahmen für einen guten Zweck gespendet. Mitten im Weihnachtsmarkt sind wir mit verschiedensten Menschen ins Gespräch über Europa gekommen. Mit solchen Aktionen kann man die schweigende Mehrheit erreichen. Wer sich politisch mit Europa auseinandersetzen will, kann ein Hausparlament bei sich in der Küche oder am Wohnzimmertisch veranstalten. Es geht darum, dass man im kleinen, vertrauten Kreis in ein politisches Gespräch kommt, einen Fragebogen ausfüllt und ihn am Ende einschickt. So versuchen wir bei Pulse of Europe, eine Verbindung vom Wohnzimmertisch zum EU-Politiker herzustellen.

Du hast durch deine Migrations- und Kriegserfahrung hautnah zu spüren bekommen, wie wichtig die EU als Friedensgarant ist. „Europa fühlen. Europa sein“, wie du es in deinem Buch forderst, ist das auch ohne solche prägenden Erfahrungen möglich?

Eine gute Möglichkeit ist es, Geschichten zu erzählen. Nichts hat auf den Straßen in den letzten drei Jahren besser gegen Europa-Skeptiker gewirkt als persönliche Lebensgeschichten. Ich hätte am liebsten ein großes Lagerfeuer von europäischen Geschichten, weil nur dadurch das erschlagende, sachliche und komplizierte Thema auf das herunter gebrochen wird, was es eigentlich ist. Es ist menschlich und persönlich. Das dürfen wir auch alle auf uns einzeln beziehen.

Was ist das Schönste, das du als Aktivistin bisher erlebt hast?

Bei einem der Dialoge, die wir veranstaltet haben, war einmal ein älterer Herr dabei, der besonders aggressiv gegenüber der EU stand und eher über sie geschimpft hat, als richtig an der Diskussion teilzunehmen. Am Ende habe ich mir 20 Minuten oder mehr Zeit für ihn genommen und ihm erklärt, worum es bei der europäischen Idee geht. Das war quasi wie eine Zusammenfassung von meinem Buch. Kurz darauf sollte noch ein Gruppenselfie mit der EU-Fahne gemacht werden. Der Mann stand alleine an der Seite und hat uns zugeschaut. Da habe ich ihn zu uns gewunken und gesagt: „Na kommen Sie schon!“ Er war kurz skeptisch, aber dann hat er sich einen Ruck gegeben und kam mit aufs Foto. Das war ein Moment, der mir gezeigt hat: Alles ist möglich.

„Lasst uns um Europa kämpfen“ von Nini Tsiklauri, 205 Seiten, edition a, 20 Euro (Hardcover).









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