Montag, 30.11.2020

Acryl-Gießen: Keine Fehler, nur glückliche Zufälle

Leserbrief

Gemächlich entfaltet sich das angerührte Farbgemisch auf der Leinwand. Etwas geneigt, etwas gedreht, bahnt es sich langsam seinen Weg über die weiße Oberfläche – und offenbart schließlich einen einmaligen, traumhaft schönen Farbverlauf: Das „Acryl Pouring“ („Acryl-Gießen“) beweist, das das eigene Meisterwerk nicht krampfhaft mit zittrigem Pinsel gemalt werden muss. Es lässt sich auch ganz entspannt dahin gießen.

Ob „Flip Cup“, „Swirl“, „String Pull“, „Dutch Pour“, oder „Open Cup“ oder „Puddle Pour“: Viele Wege führen zum einzigartigen Pouring-Gemälde. Anfangs sollte man aber erst einmal ein Gefühl dafür entwickeln, welche Konsistenz die Farben benötigen, um geschmeidig über die Leinwand zu laufen, bevor man munter drauf los kippt.

Vorbereitung ist das A und O

Das bedeutet, erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Beim Anrühren der Farben spritzt leicht mal etwas daneben. Deshalb alles gut mit Zeitungspapier oder Folie abdecken. Weil der Großteil der Farbe beim Gießen später wieder von der Leinwand tropft, empfiehlt es sich, außerdem einen dicken Karton als Unterlage zu verwenden. Darüber hinaus wird ein Gegenstand benötigt, der das Kunstwerk von der Unterlage trennt, damit der Rand nicht daran antrocknet. Umgedrehte Plastikschalen- oder Becher eignen sich sehr gut. Doch auch sich selbst sollte man sauber halten: Gummihandschuhe sind dazu der erste und wichtigste Schritt.

Die Basics

Die Farbe muss nicht unbedingt die teuerste sein. Hochwertigere Produkte bleiben über die Zeit aber meist farbintensiver und lassen sich besser verarbeiten. So verhält es sich auch mit dem Gießmedium, mit dem die Farben auf die gewünschte Fließfähigkeit verdünnt werden. Es bindet die Farbpigmente aneinander und verbessert die Fließeigenschaft, ohne die Farbstruktur zu zerstören. Auf einen Teil Acrylfarbe kommen in der Regel eineinhalb Teile Gießmedium und dazu etwas Wasser. Wenn die Farbe geschmeidig den Rührstab herunterfließt, ohne zu wässerig zu sein, ist die perfekte Konsistenz erreicht. Jede Farbe mindestens für eineinhalb Minuten umrühren, ansonsten lassen sich die Farben nicht ausreichend verteilen.

Der „Flip Cup“

Der „Flip Cup“ ist der Klassiker unter den Pouring-Techniken und ideal für Anfänger geeignet. Nachdem die Farben kurz noch einmal ordentlich durchgerührt wurden, werden sie nacheinander vorsichtig in einen großen, wenn möglich durchsichtigen Becher gefüllt. Am besten gelingt das, indem die Farben langsam vom Rand eingegossen werden. So schwimmen am Ende mehrere Schichten Farbe übereinander. Vor allem Weiß und Schwarz zwischen knalligen Farben bringen hübsche Ergebnisse.

Dann beginnt der Spaß: Die Leinwand auf den Becher pressen und beides zusammen umdrehen. Alles gut festhalten und einen Augenblick warten, damit sich die Farbe vom Becherrand löst. Dann den Becher vorsichtig anheben und zur Seite stellen. Die Leinwand anschließend hochnehmen und sanft anfangen, zu neigen und zu drehen, sodass sich die Farbe langsam über die gesamte Oberfläche verteilt. Ist die gesamte Leinwand ausgefüllt, noch so viel abgießen, wie einem gefällt und das Werk für mehrere Tage zum Trocknen legen.

Der „Puddle Cup“

Beim „Puddle Cup“ wird jede Farbe einzeln auf den Malgrund gegossen. Eine Farbe dient dabei als Basis, in die alle nachfolgenden hinein fließen. Egal ob Schlängellinien oder einzelne Farbkreise, sie können frei nach Lust und Laune aufgetragen werden. Anschließend wieder langsam Drehen und Neigen. Als Absicherung vor weißen Lücken, kann die Leinwand übrigens vorher in einer passenden Farbe grundiert werden. So werden aktuelle Kunstwerke nicht durch im Nachhinein zugefügte Farben zerstört.

Der „Dutch Pour“

Beim „Dutch Pour“ kommt der Föhn zum Einsatz. Er lässt die einzelnen Farben noch einmal auf eine neue Art und Weise in- und übereinander verschwimmen. Die Farben werden hier dünnflüssiger angemischt als bei den anderen Techniken. Viele greifen zu einer Mischung aus ausschließlich Farbe und Wasser, wodurch sich die Farben dann aber schwer bis gar nicht kontrollieren lassen und nicht mehr allzu farbintensiv erscheinen. Die Junge Szene hat im unteren Beispiel das normale Mischverhältnis verwendet und lediglich einen ordentlichen Schuss Wasser hinzugefügt.

„Dutch Pouring“: Zuerst werden die Farben übereinander auf die Leinwand gegossen und anschließend mit dem Föhn in verschiedene Richtungen gepustet.
 

Die Leinwand zunächst vollständig mit einer Untergrundfarbe bedecken. Danach wie beim „Puddle Cup“ die Farben ineinander gießen. Anschließend den Föhn auf die gewünschte Stelle halten und auf höchster Stufe lospusten. Beliebig oft wiederholen.

Zellen fördern oder verhindern

An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Während die einen nicht genug von Zellen in ihren Farbverläufen bekommen können, wollen die anderen sie gar nicht erst auf ihren Werken sehen. Das richtige Pouring Medium ist hier entscheidend: Während sich bei der Gießflüssigkeit von „Liquitex“ beispielsweise kaum Zellen bilden, zeigen sie sich mit „Floetrol“ sehr schnell. Darüber hinaus kann man die Zellenbildung aber einfach mit etwas Silikonöl fördern. Dafür pro Farbe zwei bis drei Tropfen hinzu geben. Ist die Farbe fertig aufgetragen, kann man zusätzlich mit einem Gasbrenner oder einem Haarföhn über die Farbe gehen. So verstärkt man die Zellbildung zusätzlich.

Das Schönste am Pouring: Jedes Gießen kreiert bewusst ein Zufallsgemälde. Das nimmt Druck heraus, das Bild um jeden Preis perfekt aussehen zu lassen. Denn mit jeder Bewegung verändert sich das Kunstwerk. Fehler geschehen daher gar nicht, sondern nur glückliche Zufälle, wie Bob Ross, ein Maler wie er gelassener nicht hätte sein können, so schön zu sagen pflegte. däm









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