Samstag, 01.05.2021, 08:00 Uhr

Übers Smartphone in den Jacobstempel

Die Synagoge im Zentrum des Hofes der ehemaligen Jacobson-Schule wurde im Nationalsozialismus komplett zerstört. Für die App haben Historiker den Tempel virtuell rekonstruiert. Fotos: Annemarie Hoffmeister

Die Synagoge im Zentrum des Hofes der ehemaligen Jacobson-Schule wurde im Nationalsozialismus komplett zerstört. Für die App haben Historiker den Tempel virtuell rekonstruiert. Fotos: Annemarie Hoffmeister

Die Charaktere der Erzählung sind nach historischen Fakten über ehemalige Schüler der Seesener Jacobson-Schule entworfen.

Seesen. Junge Generationen für Geschichte begeistern, das will das „Israel Jacobson Netzwerk“ jetzt mit seiner neuen Extended-Reality-App „Operation Legendär“ erreichen. Eine Erzählung gespickt mit 3D- und Virtual-Reality-Elementen soll Kindern und Jugendlichen spielerisch die deutsch-jüdische Geschichte Seesens nahe bringen – dem Kulturraum zwischen Harz und Heide, in dem einst das Reformjudentum seine Wurzeln schlug.

Vom geschichtsträchtigen Erbe der Stadt ist heute nicht mehr viel zu sehen: Die Reformschule, die der Rabbiner Israel Jacobson Anfang des 19. Jahrhunderts für sowohl jüdische als auch christliche Schüler gegründet hatte, wurde in der Reichspogromnacht 1938 fast vollständig zerstört. Darunter auch die weltweit erste Reformsynagoge, die im Zentrum des Schulhofes erbaut worden war. Heute ist vom Schulensemble nur noch das damalige Alumnat zu sehen – zumindest vor Ort. Denn für die App haben die Spieleentwickler den gesamten Schulhof digital rekonstruiert und virtuell begehbar gemacht.

Um einen Anreiz insbesondere für Kinder und Jugendliche zu schaffen, sind die Modelle in der App in eine fiktive Erzählung eingebettet. Die Geschichte wollte das Team „fairerweise aus Sicht der Schüler erzählen“, wie Kreativ-Direktor Bernard Bettenhäuser bei der Präsentation am Dienstag betont. Vier Schüler hecken einen Streich aus, um damit weltweite Aufmerksamkeit zu erlangen. Ihr Ziel ist es, in das Zimmer des Direktors zu gelangen, bevor dieser dort einen wichtigen Gast samt Pressevertretern empfängt.

Virtuelle Rekonstruktion

Während des Erzählverlaufs erkunden die Spieler den ehemaligen Campus der Jacobson-Schule und seine historischen Gebäude aus unterschiedlichen Perspektiven. Das Herzstück der Entwickler ist die Reformsynagoge. Spieler können sie in der App sowohl von außen als auch von innen begutachten. Bettenhäuser ist zufrieden mit dem Ergebnis: „Die Arbeit hat sich gelohnt. Wir haben ein in der Detailtiefe wissenschaftlich belegtes Modell sonst wahrscheinlich weltweit nicht zur Verfügung.“

Die Charaktere der Erzählung sind nach historischen Fakten über ehemalige Schüler der Seesener Jacobson-Schule entworfen.

Auch die fiktiven Figuren, die durch die Erzählung führen, seien nach damaligen Schülern der Jacobson-Schule entworfen, erklärt Rebekka Denz, wissenschaftliche Mitarbeiterin des „Israel Jacobson Netzwerkes“. „Wir haben uns Jahresberichte der Schule, historische Fotografien und all das Material, das wir über Seesen zur Verfügung hatten, angesehen und die Charaktere bildlich und textlich nach ihren Eigenschaften entwickelt.“ Im Mittelpunkt der Geschichte steht Protagonistin „Elisabeth Dannenberg“. Sie ist nach Bertha Dannenberg gestaltet, der erste Schülerin, die an der Seesener Schule aufgenommen wurde. „Im liberalen Judentum ist die religiöse Gleichberechtigung von Frauen wesentlich ausgeprägter als im orthodoxen, traditionellen Judentum. Das Signal ist dabei von Seesen ausgegangen“, erklärt Denz.

„Touristisches Potenzial“

„Die App verbindet Spaß an der Technologie mit Erinnerungskultur“, lobt Dr. Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, am Dienstag das Projekt. Es zeige, wie man jüdisches Leben und jüdische Kultur heutzutage modern präsentieren könne, und bedeute außerdem ein „touristisches Potenzial“ für Seesen und die umliegende Region. Gleiches erhofft sich Projektleiter und Vorsitzender des „Israel Jacobson Netzwerkes“ Dr. Jörg Munzel von der Extended-Reality-App. Künftig sollten weitere Features folgen, die sich nur vor Ort freischalten ließen, um so weitere Touristen nach Seesen zu locken. Auch eine englische Fassung der App sei bereits in Arbeit.

Die erste Version von „Operation Legendär“ ist ab sofort kostenlos im Google-Play- und Apple-Store verfügbar.


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