Montag, 19.10.2020

Zwischen Bordstein, Dada-Bühne und Frömmigkeit

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Über das Leben einer der wenigen Frauen im Dadaismus, Emmy Ball-Hennings, erzählen Fernando Gonzàles Vinas (Text) und José Lázaro (Zeichnungen) in ihrer Graphic Novel „Alles ist Dada“. Die Tochter eines Schiffs-Taklers gerät mehr zufällig zuerst in die Wandertheater ihrer Zeit und ist später Schriftstellerin und Dichterin, nebenbei Muse von Literaten und Künstlern der avantgardistischen Boheme-Szene in Berlin, München und Zürich.

Nach Tod in Vergessenheit geraten

Im Gegensatz zu ihren berühmten Kollegen wie Frank Wedekind, Joachim Ringelnatz oder Erich Mühsam geriet Ball-Hennings nach ihrem Tod 1948 schnell wieder in Vergessenheit.

{Picture1}Autor und Zeichner nähern sich ihrem von Extremen geprägten Leben an: Ball-Hennings Dasein ist bestimmt von Armut und Morphium-Sucht. Die 1885 in Flensburg Geborene geht anfangs durch harte Lehrjahre in Wandertheatern, prostituiert sich, um zu überleben. Zwischen 1908 und 1914 zählt die melancholische Schöne zum harten Kern der Münchner und Berliner Bohème. Sie schreibt, dichtet, tritt in den Künstlercafés und Varietés als Chansonsängerin auf und ist immer offen für Affären mit befreundeten Literaten. Schließlich trifft die betörende Femme fatale auf ihren künftigen Ehemann Hugo Ball. Das Paar geht zu Beginn des Ersten Weltkriegs nach Zürich. Zusammen mit Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara und Marcel Janco gründen sie das Cabaret Voltaire und die Galerie Dada, ein pazifistisches Künstlerforum, das zum Synonym für das internationale Kunst-Phänomen „Dada“ werden sollte.

Ruhe im Tessin

Nach nur einem wilden Jahr in Zürich wenden sich die beiden vom Dadaismus ab und finden Ruhe im Tessin. Sie holen Emmys Tochter aus erster Ehe zu sich und leben in direkter Nachbarschaft zu Hermann Hesse. Mit ihm verbindet sie eine enge Freundschaft. Und er sorgt diskret dafür, dass die kleine Familie genug zum Leben hat. Hesse ist wohl der Einzige, der Emmy als Schriftstellerkollegin respektiert. Und das, obwohl sie immer weltfremder wird und einen seltsam frömmelnden Hang zum Katholizismus pflegt.


Die durchgängig in Schwarzweiß gezeichnete Geschichte lässt das rastlose Leben der Künstlerin wie in einem Episodenfilm am inneren Auge des Lesers vorbeiziehen und vermittelt einen Eindruck von der Alltags- und Gedankenwelt der revolutionären Künstlerszene, die jegliche konventionelle Kunst und Kunstformen sowie die bürgerlichen Ideale und vor allem den Krieg ablehnten. Dazu gehört übrigens auch ein kurzer Auftritt von Lenin in der Graphic Novel – er wohnte unweit vom Cabaret Voltaire.

„Alles ist Dada“ von Fernando Gonzàles Vinas und José Lázaro, avant-Verlag, 232 Seiten, 25 Euro.









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