Sonntag, 23.02.2020

Wurzeln der Verblendung

Rassismus ist Gift, der Hass ist ein Gift“, untermauert die Kanzlerin nach dem rassistischen Mordanschlag in Hanau, der Menschen in Deutschland und darüber hinaus in lähmendes Entsetzen gebracht hat. Angela Merkel trifft den Nagel auf den Kopf, und sie gibt damit auch just in der Phase des politischen Debakels in Thüringen ein wichtiges Signal – vor allem auch an die eigene Partei. Denn der verschwiemelte Kurs der Christdemokraten im Zusammenspiel mit der AfD-Fraktion hat deutlich gemacht, dass es auch innerhalb und im Umfeld der CDU ein Aufweichen zum extremen rechten Rand gibt. Das gilt etwa für die selbsternannte „Werteunion“, die zwar kein offizieller Parteiflügel von CDU oder CSU ist, die sich aber als „freiheitlich-konservativer Aufbruch“ von Unionsanhängern versteht. Wenn dieser Aufbruch allerdings dann doch im Gravitationsfeld der AfD enden soll, dann wird es Zeit, dass die CDU hier eine noch stärkere Trennwand zieht. Denn von Freiheit kann in einer Partei, die unter Regie von Alexander Gauland und dem thüringischen „Flügel“-Chef Björn Höcke steht, nun wahrlich keine Rede sein. Gauland, Höcke und Konsorten nehmen sich höchstens die Freiheit, unter dem Deckmantel einer „bürgerlichen“ Partei das demokratische System zu zerstören.

Damit es nicht falsch verstanden wird: Nein, die AfD hat nicht etwa den Massenmörder von Hanau in Marsch gesetzt. Es gibt zwar offensichtlich ein rassistisches und fremdenfeindliches Motiv, aber die Hintergründe für die grausame Tat sind nach den bisherigen Erkenntnissen der Ermittler äußerst vielschichtig. Sein persönliches „Manifest“, seine Videobotschaften und Verdächtigungen, dazu erste Psychoanalysen aus der Ferne lassen den 43-jährigen Mörder eher als einen schizophrenen Psychopathen erscheinen, der unter Verfolgungswahn, Verschwörungstheorien und Vereinsamung litt. Wohl auch darunter, dass es ihm nicht gelungen war, eine Frau als Partnerin zu gewinnen. Das wiederum schob er offenbar auf das Wirken geheimer Mächte. Mächte, die sich angeblich auch wie auf Knopfdruck in menschliche Gehirne einschalten können.

Aus einem solch gefährlichen Cocktail für die Seele kann vieles herausbrechen, beispielsweise auch die seit Jahren kaum abreißende Serie mörderischer Gewalttaten in den USA. Wiederholt ging es bei den Tätern um tiefe innere Enttäuschung, scheinbare Ausweglosigkeit, die Suche nach Schuldigen und die Sehnsucht nach Anerkennung. Vermutlich liegen genau hier auch Wurzeln der Verblendung, die junge Menschen angetrieben haben, in den Krieg für einen „Islamischen Staat“ zu ziehen. Sie lassen sich infizieren von machtversessenen geistigen Brandstiftern.

Aber mit perfiden und demagogischen Methoden bestellt die AfD à la Gauland und Höcke ebenso ein Feld, auf dem Rassismus, Hass und Gewalt gedeihen. Und mithin auch Täter wie den Mörder von Hanau infizieren können. Erst verschieben sich die Grenzen des Sagbaren, dann des Machbaren. Und in vielen Wohnzimmern braver Bürger wächst offenbar Sympathie für Parolen: Schuld sei der Staat, seien die Politiker, die etablierten Parteien, die Medien, kurzum: das System.

Ein Bürger schrieb vor Wochen in einem Brief an die GZ-Redaktion seinen Frust herunter: „Ein Staat, der vor den Drogenkartellen kapituliert und unsere Jugend opfert, was sind das für Politiker (...)“ Die ganze Flüchtlingspolitik Europas sei gescheitert: „Wehret den Anfängen.“ Und die sieht der Briefschreiber schon darin, dass es in Goslar Friseurgeschäfte, Shisha-Bars, Lebensmittelläden oder Autowerkstätten gebe, die von Flüchtlingen oder Menschen mit ausländischen Wurzeln betrieben werden. Drehen wir den Spieß gedanklich mal um: Wie würden wir uns als Deutsche im Ausland fühlen, wenn wir als Lebensmittelhändler schon verdächtig und unerwünscht wären?

Ja, nach den Anschlägen von Halle und Hanau, nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sind auch Staat und Politik gefordert, Rassismus und Hass mit mehr Nachdruck entgegenzuwirken. Aber nicht in dem Sinne, durch Überwachung, Verbote und Abschottung all das einzuschränken, was einen freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat ausmacht. Das endet in Diktatur. Somit geht es zuerst um jeden selbst, den Fängen von geistigen Brandstiftern und Zerstörern nicht zu erliegen und ihnen entgegenzutreten. Heute etwa: bei der Mahnwache auf dem Goslarer Markplatz zum Gedenken der Opfer von Hanau.