Freitag, 28.12.2018

Winterfreude auf zwei Brettern

Endlich – die Skisaison am Wurmberg in Braunlage ist eröffnet. Seit Donnerstag laufen schon einige Lifte am höchsten Berg Niedersachsens, der knapp an der 1000-Meter-Marke kratzt. Der Speichersee für die Schneekanonen ist gefüllt, denn der Regen hat zuletzt viel Wasser gebracht. 

So stiegen die ersten Skisportfreunde am Wurmberg mit guter Laune in den Sessellift, Gastronomie und Liftbetreiber hoffen auf möglichst viele Skitage in der neuen Saison. Denn das spült bare Münze in die Kassen und tut dem Wirtschaftsleben im Harz gut – und auch der Seele begeisterter Alpin-Skifahrer. „Weil Schifoan is des Leiwaundste, wos ma sich nur vurstelln kann“, dichtete ehedem der österreichische Sänger Wolfgang Ambros so herzig.

Ja, ich gebe es zu: Die weißen Pisten lassen auch bei mir das Herz höher schlagen. Ich fahre gerne Ski und bin auch gerne mal etwas rasanter auf zwei Brettern unterwegs, ob nun in den Alpen oder in den Mittelgebirgen. Gelernt habe ich es als Kind noch im Schneckentempo auf Holzbrettern mit Schlaufenbindung; solche Latten also, die heute nur noch im Museum zu finden sind. Als aufmüpfiger Jugendlicher habe ich dann die Bretter nicht mehr angepackt – weil ich mit den verstellbaren alten Latten inzwischen ausgesehen hätte wie ein Depp. Vor allem aber, weil ich nicht für die Zerstörung der schönen Berge samt ihrer Tier- und Pflanzenwelt verantwortlich sein wollte. Denn Umweltbewusstsein gab es nach der Erdölkrise auch in den 1970er und 1980er Jahren schon. Stärker vielleicht als bei vielen Zeitgenossen heutzutage, die erst mal den Automotor im Stand lange laufen lassen, damit es im Winter innen auch kuschelig warm ist beim Anfahren.

Widerwillig ließ ich mich dann in einem für Ski-Anfänger fast biblischen Alter von 28 Jahren noch mal darauf ein, mir zwei Bretter unter die Füße zu schnallen. Zumal man sich als betagter Anfänger wiederum fühlt wie ein Depp. Doch mit jedem neuen Tag auf der Piste musste ich gegen meinen Willen eingestehen, dass mir dieser Wintersport – bei allen Bedenkenträgern – enorm viel Freude bereitet. Und seither konnte ich auch den Hüttenschlager von Wolfgang Ambros so richtig mitsingen.

Drei Stichwörter lassen die Freude auf die neue Saison derweil schnell verfliegen: Wer „Skifahren“, „Kunstschnee“ und „Naturschutz“ via Internet eingibt, der landet bei Google ganz oben erst einmal auf der Alarmseite des WWF – früher „World Wildlife Fund“, heute „World Wide Fund For Nature“. Und der lässt keinen Zweifel: „Skigebiete sind eine Katastrophe für die Umwelt.“ Planierte Hänge, Pistenwalzen, Schneekanonen, Hotelanlagen und besonders die Autolawinen seien Gift für die Natur und ein Desaster fürs Klima, schildert der WWF. Die meisten Touristen kämen dabei nur für wenige Tage, alle zu ähnlichen Zeiten und fast alle mit dem Auto, heißt es bei der Naturschutzorganisation. Vor allem auch im Winter, wenn es geschneit hat, und an den Wochenenden, ließe sich etwas gehässig hinzufügen. Ich frage mich, was beispielsweise passieren würde, wenn alle Skifahrer tatsächlich künftig mit dem Zug in die Wintersportgebiete anreisen wollten. Mindestens die Deutsche Bahn müsste wohl hoffnungslos kapitulieren.

Was aber machen passionierte Skiläufer nun in dieser Zwickmühle zwischen Umweltsünden und Freude am Fahren auf zwei Brettern? Das Hobby an den Nagel hängen und fortan bei Spaziergängen vom reinen Gewissen zehren? Ich denke, gute Lösungen finden sich bei diesem Zwiespalt in der Mitte – wie in vielen Dingen des Lebens. Wer im Harz lebt, muss sich nicht immer in die Hightech-Skiarenen der Alpen zwingen, um Freude am Wintersport zu erleben – solange es die Temperaturen erlauben. Wer Ferien oder freie Tage hat, sollte die Zeit unter der Woche auf den Pisten nutzen. Das verheißt weniger Stau – ob auf den Straßen oder auf den Pisten. Den Liftbetreibern und den Gastronomen im Harz wünsche ich jedenfalls einen guten Winter und viele frostige Nächte.

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