Freitag, 27.03.2020

Wie die Welt nach Corona sein wird

Panikmache, „Corona-Hype“, alles übertrieben – es ist nur wenige Tage her, dass Unentwegte meinten, die Corona-Krise sei im Wesentlichen ein mediales Problem. In Wahrheit seien normale Grippewellen doch viel schlimmer. Und selbst erfahrene Virologen haben bis vor Kurzem solche Thesen noch vertreten. 

Devise: Italien sei deshalb so stark betroffen durch das Coronavirus, weil in der industriestarken Lombardei die Luft so schlecht sei. Italien also quasi als das China in Europa? Leider hält sich das Virus nicht so ganz an solche Thesen, ist schnell hinübergesprungen in die Skitäler Österreichs, obwohl die Luft dort noch besser ist – und vom Après-Ski in Ischgl oder Sölden haben es Rückkehrer mit in den Harz gebracht.

Nach Italien ist in Europa aber zunächst vor allem Spanien von der Pandemie am stärksten betroffen, und auch dort kann sich keine Ärztin und kein Krankenpfleger daran erinnern, dass normale Grippewellen derart Menschenleben gefordert hätten, dass Eislaufstadien zu Kühlhallen für Leichen mutieren mussten – wie es in Madrid geschehen ist. Deshalb sollten wir zumindest den Abwieglern nicht huldigen, sondern alles tun, um die in Deutschland verhängten Ausgangsbeschränkungen auch zu befolgen. Denn nach allem, was Wissenschaftler derzeit ermessen können, stehen die schwersten Phasen der Corona-Krise noch bevor.

Als mediales Indiz für den Ernst der Lage kann gelten, dass die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio aufs nächste Jahr in den Abendnachrichten vorigen Dienstag nur unter den Kurzmeldungen verkündet wurde. Ohnehin hatten selbst eingeschworene Sportfans schon lange nicht mehr auf Olympia 2020 gezählt, selbst wenn mit Thomas Bach ausgerechnet ein Deutscher an der Spitze des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) noch bis zuletzt Optimismus versprühen wollte. Eher hat die französische Filmmetropole Cannes, dieses Mekka der medialen Stars, die Zeichen der Zeit erkannt und das Festspielhaus als Unterkunft für Obdachlose geöffnet.

Was gab es dieser Tage noch an guten Nachrichten in Zeiten der Corona-Krise? Allemal die intensive Arbeit der Forscher, um Impf- und Wirkstoffe gegen das neuartige Virus hervorzubringen. Der Zugriffsversuch von US-Präsident Donald Trump auf ein deutsches Labor in Tübingen ist Gott sei Dank fehlgeschlagen. Trump wollte sich durch einen seiner beliebten „Deals“ die Forscher aus Schwaben und ihren bald möglichen Impfstoff exklusiv für die USA sichern. „America first“ also – weil dem taumelnden Mann im Weißen Haus plötzlich bewusst wurde, dass das amerikanische Gesundheitssystem das Letzte ist. Per Twitter empfahl der selbsternannte Dr. med Trump auch noch ein Malariamittel als Medikament. Warum? Weil er einfach „ein gutes Gefühl“ damit hat – und auch sonst in seinen Prognosen fast immer richtig liege. Wie heilsam, sachlich und angemessen sind doch da die Auftritte von Kanzlerin Angela Merkel.

Heilsam kann vielleicht auch Zukunftsforschung in diesen Tagen sein. „Die Welt nach Corona: Wie wir uns wundern werden, wenn die Krise vorbei ist“, heißt die Devise eines Essays von Matthias Horx. Der Trend- und Zukunftsforscher wagt die „Corona-Rückwärts-Prognose“ oder besser: die „Re-Gnose“. Wie können wir uns die Welt, sagen wir: im kommenden Herbst, vorstellen, wenn die Corona-Krise (hoffentlich) vorbei ist? Wie werden wir dann rückblickend urteilen? Horx jedenfalls postuliert eine andere Welt, in der sich vieles zum Besseren gewandelt haben wird. Wieder mehr Menschlichkeit, gesellschaftliche Höflichkeit trotz aller sozialen Verzichte in der Krise. Viel Fortschritt beim praktischen Einsatz digitaler Kulturtechniken – sei es beim beruflichen Home-Office oder beim Online-Lernen und -Lehren für die Schule. Junge Menschen kamen zur Ruhe, machten Spaziergänge und lasen plötzlich Bücher. Zynismus gegen Gott und die Welt lösten sich auf. Technologie und Künstliche Intelligenz werden plötzlich nicht mehr als die alleinigen Heilsbringer angesehen. Stattdessen richten wir „unsere Aufmerksamkeit wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir für-einander? Wir staunen rückwärts, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist“, prophezeit Horx. Zugleich werde sich die Weltwirtschaft neu konfigurieren, hin zu mehr ortsnahen Produktionen, lokale Netzwerke und das Handwerk erlebten eine Renaissance. Wenn Horx recht behält, dann muss uns vor einer Zukunft nach Corona nicht bange sein. Fangen wir doch gleich heute mit dieser Zukunft an.

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