Freitag, 20.04.2018

Wie der Rechtsstaat vor die Hunde geht

Da falle ich mal gleich mit der Tür ins Haus: Sind wir noch zu retten? Stehen Tiere in Gesellschaft und Rechtsordnung inzwischen über den Menschen?

Sie können erahnen, worauf ich anspiele. Es geht zum einen um den Hund „Chico“, den Staffordshire-Mischling, der vor Tagen in Hannover seinen 27-jährigen Besitzer und gleich noch dessen Mutter zu Tode gebissen hat. Vorigen Montag wurde der Hund eingeschläfert, der nicht nur aggressiv und psychisch geschädigt, sondern auch körperlich krank war. Eine richtige Entscheidung, möchte ich unterstreichen.

Schnell hat im Vorfeld aber eine Petition für großes Aufsehen gesorgt. Hunderttausende Menschen machen sich via Internet dafür stark, den Hund „Chico“ vor dem Tod zu bewahren. Die Begründung vieler Unterzeichner hätte auch gut und gerne das Plädoyer eines Anwalts vor Gericht sein können, der einen jugendlichen oder psychisch labilen Straftäter verteidigt. Ein Hund werde ja nicht aggressiv geboren, somit könne schließlich auch niemand das Tier dafür verantwortlich machen, wenn es durch Vernachlässigung, mangelnde Erziehung und/oder Gewalt gegen sich selbst so aggressiv geworden sei. Schuld allein sei der Mensch, der erwachsene Besitzer.

Am selben Tag, als „Chico“ eingeschläfert wird, muss im Landkreis Leer eine 52-jährige Frau zur Notoperation ins Krankenhaus. Sie wollte offenbar für ihren vierbeinigen Liebling eine Hundebox erwerben, fuhr deshalb zu einer anderen Hundebesitzerin, die dort ihren Dobermann sicherheitshalber in ein Gehege gebracht – doch das Tor nicht richtig abgeschlossen hat. Da greift der Dobermann unkontrolliert an. Nur wenige Tage zuvor hat im hessischen Odenwald der Staffordshire-Mischling „Kowu“ ein Baby in den Kopf gebissen, das durch die Attacke schließlich stirbt.

Aufhorchen lässt in diesen Tagen gleichermaßen ein heikler Fall in der Domstadt Fulda. Just am Freitag, dem 13., randaliert dort ein 19-jähriger afghanischer Flüchtling am frühen Morgen vor einer Bäckerei. Der Laden hat noch nicht geöffnet, der Flüchtling wirft offenbar mit Steinen vors Fenster, verletzt auch einen Lieferfahrer schwer am Kopf – und geht schließlich ebenso mit Steinen und Schlägen auf die herbeigerufenen Polizisten zu.

Einer der Polizisten wird schwer verletzt, ein zweiter Streifenwagen eilt zur Hilfe, um den aggressiven afghanischen Flüchtling endlich unter Kontrolle zu bringen. Doch das gelingt den Beamten offensichtlich nicht. So greift ein Kollege zur Waffe, feuert zwölf Schüsse ab, vier davon treffen den 19-jährigen Flüchtling, zwei Schüsse davon sind tödlich.

Aufruhr in Fulda ist die Folge, der Ausländerbeirat protestiert, Afghanen demonstrieren, im Internet sorgt die Nachricht auf der Homepage einer Tageszeitung für eine Fülle an Kommentaren. Das ist kaum verwunderlich. Erstaunlich hingegen ist die Position bei der großen Mehrheit der Zuschriften, die sich sinngemäß zusammenfassen lassen: Der Polizist hat richtig gehandelt. Es kann nicht angehen, schon wieder einen Polizisten an den Pranger zu stellen, nur weil er seine dienstliche Aufgabe zum Schutz der Bürger erfüllt hat. Und wie würden die böswilligen Kritiker wohl urteilen, wenn Verwandte oder eigene Kinder von dem Flüchtling bedroht worden wären?

Ich stelle mal die rhetorische Gegenfrage: Wie würden diese Kommentatoren wohl argumentieren, wenn das eigene Kind von der Polizei erschossen worden wäre, weil es aus Wut, psychischer Erkrankung oder Trunkenheit mit Steinen vor einer Bäckerei randaliert hat? Und noch mal überspitzt gefragt: Haben Hunde mehr Recht, Fürsorge und Mitleid verdient als ein Mensch?

Höchste Zeit also, wieder auf den Boden von Verstand und Rechtsstaat zurückzukehren. Wir brauchen keine staatlich kontrollierte Sicherungsverwahrung für schwerstkranke tötende Hunde. Über Menschen hingegen urteilt in unserem Rechtsstaat Gott sei Dank eine unabhängige Justiz – auch im Falle des Polizisten in Fulda.

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