Freitag, 23.10.2020

Wertpapiere in Corona-Zeiten

Die Börse ist stets eine Wette auf die Zukunft. Wundern Sie sich also nicht, wenn die Lufthansa zwar finanziell weiterhin auf Sinkflug ist wegen der Corona-Krise, aber dennoch der Kurs zuletzt wieder angezogen hat: Die Finanz-Auguren an der Börse hatten einfach noch viel schlechtere Geschäftszahlen erwartet. Andere Unternehmen hingegen vermelden satte Gewinne oder eine überaus verheißungsvolle Zukunft, und der Kurs fällt oder bewegt sich höchstens moderat nach oben. Dann hatten die Investoren wohl einfach noch viel mehr erwartet.

Der Corona-Vergleich zwischen der finanziell abgestürzten deutschen Kranich-Linie und dem wahren Börsen-Highflyer Biontech macht das plastisch. Hier die gute alte Lufthansa mit Zehntausenden von Mitarbeitern und milliardenschweren Gewinnen in der Vergangenheit, dort das gerade mal zwölf Jahre alte Mainzer Biotechnologieunternehmen, das zwar nur rund 1500 Beschäftigte hat und bislang noch kein Arzneimittel auf den Markt brachte – aber mit über 17 Milliarden Euro Börsenwert derzeit fast viermal so teuer ist wie die gesamte Lufthansa. Da klingt bei Biontech schon die Firmenadresse wie ein wunderbares Versprechen auf die Zukunft: An der Goldgrube 12 in Mainz.

Corona macht‘s möglich, denn die Forscher und Entwickler in der Karnevalshochburg sind nah dran, im Zusammenspiel mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer – also die mit dem berühmten Viagra in der Hausapotheke – vermutlich noch im laufenden Jahr einen Impfstoff gegen das Virus auf den Markt zu bringen. Und noch zwei weitere deutsche Unternehmen sind dicht dran an neuen Impfstoffen gegen das Corona-Unheil: Curevac in Tübingen und IDT Biologika in Dessau. Das wiederum ist äußerst verheißungsvoll nicht nur für den Forschungs- und Wirtschaftsstandort Deutschland, sondern für uns alle. Wenn die drei Firmen Erfolg haben, dann könnte die Corona-Durststrecke im nächsten oder übernächsten Jahr womöglich überwunden werden. Für Hobby-Analysten an der Börse hieße das wiederum: Wenn die ersten Impfstoffe vom Band rollen, dann sollten Sie als Anleger besser in die Lufthansa investieren, denn bei der gebeutelten Luftlinie dürften in der Folge der Impfstoffproduktion auch die Passagierzahlen wieder deutlich steigen. Falls Sie dann noch flüssig sind im Portemonnaie.

Denn verantwortungslose oder zumindest gedankenlose Zeitgenossen, die alle Warnungen für Abstand, Maske, Lüften bis zuletzt in den Wind schlugen, haben damit in den vergangenen Tagen und Wochen in ganz Deutschland Infektionsraten verursacht, die am Ende den Einzelhandel, produzierende Betriebe, Hotels, Restaurants, Schulen oder Kindergärten womöglich in den zweiten Lockdown treiben – und damit wieder millionenfach Arbeitsplätze in Gefahr bringen. Während also Unverbesserliche den Mund-Nasen-Schutz und Regularien gegen rauschende Feste scheinbar noch immer als unerträgliche Freiheitsberaubung reklamieren, bereiten sich Unternehmen längst auf die nächste Welle vor – nicht nur mit Plexiglasscheibe und Maske am Arbeitsplatz, sondern vielmehr auch mit Ebbe in der Kasse, Kurzarbeit und Jobverlusten.

Klare Indizien für solch böse Erwartungen liefert uns derzeit eine große Zahl eher handfest orientierter Privatanleger: Sie investieren an der Supermarktkasse verstärkt in Klopapier.

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