Montag, 31.08.2020

Wer schwingt noch freiwillig die Feder?

Leserbrief

Goslar. Ob eine Postkarte von der Ostsee, eine Liebesbotschaft oder eine Danksagung: Wer handgeschriebene Post erhält, freut sich. Einige von uns kennen das noch ganz gut. Vor der Digitalisierung fand man persönliche Post tatsächlich des Öfteren im Briefkasten. Vor allem, weil das Telefonieren und Simsen damals längst nicht so günstig war wie heute. Alle Neuigkeiten wurden leserlich aufgeschrieben, in einen Umschlag gesteckt, frankiert und zum Briefkasten oder Postamt gebracht.

Diese Mühe sparen sich heutzutage viele. Vor allem junge Leute, die am seltensten Briefe schreiben, wie die Hamburger Stiftung für Zukunftsfragen in einer Befragung von 2200 Personen im Jahr 2019 herausfand. Nur sechs Prozent der Jugendlichen gaben an, mindestens einmal im Monat Postkarten oder Briefe zu schreiben.

„Man ist bequemer“

Auch Goslarer Jugendliche setzen nur selten zum Briefeschreiben an. Zum Geburtstag der Freunde und Verwandten sowie zu besonderen Anlässen schreiben aber alle von der Jungen Szene Befragten gerne auch mal einen persönlichen Text.

Auch wenn die Jugendlichen handgeschriebene Briefe schätzen, würde niemand von ihnen freiwillig vom Handykontakt auf den alltäglichen Briefverkehr umsteigen. Sie kommunizieren über Whatsapp oder soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Snapchat mit neuen und alten Freunden. „Über Whatsapp ist das einfacher“, findet Jan Gerditschke. Dem stimmen auch alle anderen zu. „Wir leben in einer Zeit, in der alles ganz schnell gehen muss“, begründet Adyta Menkens. Zum regelmäßigen Briefeschreiben sei bei vielen einfach nicht die Zeit vorhanden. „Aber man ist auch bequemer“, gibt die 20-Jährige zu. 

Die Freunde von Milena Hotopp (15) können sich glücklich schätzen: Sie schreibt ihnen ab und zu auch ohne besonderen Anlass gerne handgeschriebene Briefe.

„Ich finde es schade, dass das Briefeschreiben über die sozialen Medien in den Hintergrund geraten ist“, sagt Philipp Lohrengel. Michelle Wagner sieht das Ganze positiver: „Prinzipiell hat die Digitalisierung auch Vorteile. Wenn du jemanden erreichen willst, geht es heute viel schneller. Das ist wichtig, wenn es dringend ist.“ 

In der heutigen Zeit einen Brief zu erhalten oder zu verfassen, ist dafür aber umso bedeutsamer, sind sich alle einig. „Wenn man einen Brief bekommt, ist das immer viel persönlicher.

Laure Meese-Marktscheffeln (14) ließ auf einer Feier einen Ballon mit ihrer Anschrift steigen. So gewann sie ein Mädchen aus Tschechien als Brieffreundin.
Man hat viel mehr Freude daran und schätzt es auch viel mehr wert“, unterstreicht Laura Meese-Marktscheffeln.

Wertvolle Erinnerungen

Auch Milena Hotopp vermisst den Austausch von handgeschriebenen Nachrichten. „Als kleines Kind habe ich meinen Klassenkameraden oft Briefe geschrieben. Die Nachrichten auf Whatsapp sind im Vergleich dazu viel unemotionaler. Wenn ich mich zurück versetze, merke ich, dass mir die Briefe damals viel mehr bedeutet haben, als heute eine Whatsapp-Nachricht.“ In Erinnerungen schwelgt auch Emily Plößer gerne. Als Kind hatte sie durch eine Anzeige in einer Zeitschrift eine gleichaltrige Brieffreundin gefunden.

Um Briefe zu verfassen, nimmt sich Emily Plößer (15) viel Zeit. Dabei achtet sie besonders auf die Rechtschreibung und fügt manchmal Zeichnungen hinzu.
Der Kontakt hielt ungefähr zwei Jahre an. Vor Kurzem erst hat sie die alten Briefe wiedergefunden und den Entschluss gefasst, sich wieder bei dem Mädchen zu melden.

Auch Philipp sagt: „Ich würde mich über eine zukünftige Brieffreundschaft freuen, falls sich eine ergeben sollte.“ Der Rest findet die Idee nicht sehr attraktiv. Obwohl viele von ihnen als Kinder Brieffreundschaften führten, schreiben sich nun lieber ausschließlich an Freunde und Familie.

Empfänger hin oder her: Der heutige internationale Tag des Briefeschreibens bietet den perfekten Anlass, mal wieder zur Feder oder dem Kuli zu greifen und anderen eine Freude zu bereiten. Die interviewten Jugendlichen machen es vor. Sie alle wollen sich das Briefschreiben beibehalten – wenn auch nur das gelegentliche.









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